Kategorie-Archiv: Gesellschaft

Systemwechsel – Aber wie?

Gedanken zur gegenwärtigen Weltlage

von Urs Weth

«System»: Was ist das eigentlich?

Immer wieder wird im Zusammenhang mit verschiedensten Themen vom «System» gesprochen. Es gibt «Systembefürworter» und «Systemgegner». Was bedeutet dieses merkwürdige «System» für mich persönlich? Wo sehe ich Schwierigkeiten und Probleme damit?

Der Begriff «System» ist ein allgemeines und nichtssagendes Wortgebilde. Dahinter verbergen sich viele Meinungen und Ansichten. Vom «Verschwörungstheoretiker» bis hin zum Anhänger einer «freien» Marktwirtschaft und zu anderen, «systemrelevanten» Genossen, lassen sich alle Schattierungen von Weltanschauungen erkennen. Als System «wird allgemein eine Gesamtheit von Elementen bezeichnet, die miteinander verbunden sind und dadurch als eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit angesehen werden können, als strukturierte systematische Ganzheit» (Wikipedia).

Im genannten Kontext muss man den spezifischen Fachbereich, der in der Regel kritisiert wird und hier angesprochen ist, herausschälen: Er hängt im Wesentlichen mit Finanzen, Wirtschaft und Handel zusammen. Die damit zusammenhängende politische Ausrichtung ist eine Folge der erstgenannten Bereiche.

Also ein Leben ohne Geld anstreben?

Es geht also hauptsächlich ums Geld. Das «System» in der so kritisierten Form hängt in erster Linie mit dem Finanz-«System» zusammen. Um hier zu mehr Klarheit zu kommen, muss man in den sauren Apfel beissen und sich mit Geld beschäftigen. Selbst systemkritische «Geldverweigerer» sind nicht ausserhalb dieses kritisierten Systems. Sie verlagern das Problem lediglich auf andere Menschen, indem sie von ihnen profitieren, bei ihnen kostenlos essen und wohnen können usw. Auch wenn dafür eine Gegenleistung in Form von Arbeit abgegolten wird, ist es dennoch kein Austritt aus dem System. Der Gönner, Freund oder Helfer ist seinerseits auf Geldeinnahmen angewiesen, um diesen Dienst verrichten zu können.

Einzelne können sich im Grunde nie aus dem heute allgegenwärtigen Finanzsystem ausklinken, selbst wenn sie dies mit der ehrlichsten Absicht anstreben. Es stehen immer systemeingegliederte Helfer im Hintergrund, wenn sich solche Einzelne in die Systemverweigerung begeben. Diese Einsicht ist, ich gebe es zu, nicht gerade hoffnungsvoll. Sie zeigt an, wie sehr wir im Netzwerk verflochten sind. Diese Verflechtung kann niemals Anlass für echte Hoffnung auf Freiheit geben. Zumindest was die äussere Freiheit anbelangt. Die innere lasse ich vorläufig einmal beiseite. Ebenso, ob sie dem Frieden in der Welt dienen könnte, wie es manche Diktatoren und Herrscher verkündigen.

Die Grundfrage

Die Grundfrage lautet, wie ich mich persönlich zu einem solchen System stelle und welche Konsequenzen ich aus der Erkenntnis allfälliger Urteile für mein Leben ziehen möchte. Als darin eingebundener Mensch kann ich natürlich die durchaus berechtigte Haltung haben: Es ist wie es ist, also lass ich es wie es ist. Es steht nicht in meiner Macht, mich auszuhebeln, also ist es besser, ich stelle mich positiv dazu und suche mich darin möglichst frei und adäquat zu entwickeln. Es ist keineswegs ein zu tadelnder Weg. Die meisten Menschen kommen nicht einmal an den Punkt dieser Einsicht. Dadurch werden sie noch viel stärker als Herdentier von den Marktkräften getrieben.

Will man diese Kräfte verstehen, muss man an deren Grundgesetze herantreten. Daran anschliessend müsste zwingend eine «Geschichte des Geldes» folgen. Sie würde erst dokumentieren, welche Mechanismen und Triebe hinter dem ganzen Aufwand der Monetarisierung stehen. Und, es muss betont werden, es geht zunächst immer nur um die materielle Seite der Frage. Natürlich kann es für einen spirituell ausgerichteten Menschen etwas seltsam anmuten, dass man sich überhaupt auf diese Fragen einlassen möchte. Als «Doppelbürger» zweier Welten, einer materiellen und einer geistigen, fühle ich mich persönlich verantwortlich, dem mit einem Bein in diesem Getriebe stehenden Anteil in mir Rechnung zu tragen. Dieser Welt ich gehöre ich an und es lenkt und trägt mich wesentlich durch mein Leben. Damit stosse ich letztlich auf die Frage des Geldes, als dem eigentlichen Motor aller materiellen Belange. Es ist ein nicht unwesentlicher, ja sogar herrschender Faktor.

Kleine Geschichte von Maximilian

Versetzen Sie sich einmal zurück ins Jahr, sagen wir mal 1642*. Lautes Marktgeschrei. Viele Menschen, die sich um die Stände drängeln. Da gibt es fast alles, was der Mensch dieser Zeit gebraucht hat: vom Schnürsenkel bis zur Lederschürze, vom Obst, über Gemüse, Fleisch, Fisch bis hin zu Werkzeugen. Messerschleifer bieten ihre Dienste an und Fahrende führen ihre wundersamen Künste auf. Mitten unter diesen Menschen sind Sie. In einem kleinen Beutel, den Sie eng bei sich tragen, haben Sie ein paar Gold oder Silbertaler versteckt. Sie kaufen dieses und jenes ein, das Nötigste halt, was Sie für die nächsten Tage brauchen und machen sich wieder auf – zu Fuss meistens – um zu ihrem bescheidenen Häuschen zu gelangen, wo die hungrige Familie schon wartet. Aber unterwegs müssen Sie durch einen dunklen Wald gehen. Und obwohl es oft gut gegangen ist, soll es diesmal anders kommen: Sie werden von zwei Räubern überfallen, die ihnen ihr ganzes Hab und Gut abnehmen. Nebst den Waren sind dies auch die verbliebenen Goldmünzen oder Silbertaler!

Diese Szene war in jener Zeit nicht ungewöhnlich. Es gab viele Räuber. Und man tat gut daran, achtsam zu sein, wenn man durch die Lande reiste! Dies war auch in jener kleinen Stadt nicht anders. Aber zu der Zeit wohnte da ein schlauer Geschäftsmann. Der war von Beruf Goldschmied. Sein Name war Maximilian. Eines Tages trat er vor das Volk auf dem Marktplatz und alsbald standen schon sehr viele Leute um ihn herum um seinen Gedanken zu folgen. Maximilian hatte nämlich die Idee, dass alle Leute, die dies möchten, zu ihm kommen wollten, um ihr Gold und Silber sicher aufzubewahren. Der Goldschmied hatte ein grosses Haus mit dicken Mauern und darin hatte er sich aus festem Stahl Tresore bauen lassen, genug gross, um alles Gold und Silber der Bewohner dieser Stadt darin zu aufzubewahren. Aber die Bewohner brauchten ja ihre Münzen um zu zahlen! Wie sollten sie darauf verzichten? Dazu hatte Maximilian sich folgendes ausgedacht. Jeder, der ihm sein Gold oder Silber brachte, bekam dafür einen Schein, der beglaubigte, dass er oder sie rechtmässige Besitzer seines Goldanteiles war. Auf dem Papier standen der Name, das Datum der Einlagerung und der Betrag als Gegenwert des Edelmetalls.

Mit diesen Scheinen konnte nun jeder Bürger bezahlen! Statt die schweren Münzen mit herumzuschleppen, hatten sie nun nur noch einen oder mehrere Papierscheine! Die Idee hatte so schnell Erfolg, dass alle begeistert dabeiblieben. Sie wussten ja, dass sie ihr Gold oder Silber jederzeit abholen konnten, wenn sie dies nur wollten. Dieser Gedanke blieb in den Köpfen haften. Aber wozu das schwere Zeug mitschleppen, wenn der Schein doch ebenso viel Wert besass!? Zudem hatte dieser Schein noch einen grossen Vorteil. Jeder Bürger bekam obendrein am Jahresende noch einen Zusatzschein für die Lagerung der Münzen und Barren ausgestellt! Da musste man doch einlenken! Zwar konnten auch diese Scheine gestohlen werden, aber das transportieren und verstecken ging doch viel einfacher als vorher.

Dies war sozusagen die Geburt des Geldes! Denn nichts Anderes war Geld am Anfang, als der Gegenwert eines diesem zugrundeliegenden Wertes, meistens in Form von Gold! Natürlich hob bald niemand mehr sein Gold ab! Es blieb fortan in Verwahrung von Maximilian, der so zu der ersten Bank wurde, die es gab! Tage, Wochen, Monate, Jahre lag dieses Gold einfach so da! Es lag da in dunklen Tresoren und wurde von niemandem mehr begehrt! Die Zeit verging. Und Maximilian kam wieder eine grossartige Idee! Wenn doch sowieso niemand dieses Gold und Silber mehr abholte, so konnte er doch auch mehr Scheine ausgeben, als Gold und Silber gelagert war! Die Tatsache, dass plötzlich ALLE ihr Gut wieder abholen würde, sank praktisch gegen Null. Und so kam es, dass auch niemand bemerkte, was Maximilian tat. Denn er alleine hatte die Kontrolle über den Gold- und den Geldbestand! Er vergab Kredite! Er füllte Scheine aus, ohne dass ihm jemand dafür Gold zum Lagern bringen musste! Dafür musste der Geldleiher ihm Zinsen zahlen. Und die wundersame Geldvermehrung nahm seinen Lauf.

Alsbald waren Jahrzehnte vergangen. Alles funktionierte bestens und der alte Maximilian übergab das Geschäft seinem Sohn. Dieser war mindestens so gewieft wie er und gründete immer mehr solche Häuser, die er von nun an «Bank» nannte. Längst waren die Scheine viel mehr geworden als das gelagerte Gold! Das Verhältnis stieg alsbald in horrende Höhen und keiner dachte mehr daran, dass früher der Gegenwert gegolten hatte. Man vergass Gold und Silber vollkommen.

Aber nach dutzenden von Generationen war man immer noch bei diesen Geldscheinen geblieben. Und der Betrug damit blieb aufrecht. Mit der Erfindung der digitalen Technik, ergaben sich plötzlich ganz neue Dimensionen! Denn von nun an, war es möglich, dieses Papier, genannt Geldscheine, lediglich in Zahlen umzuwandeln! Ein nächstes Zeitalter war angebrochen!

Das «System» hatte sich verselbstständigt. Keiner konnte es mehr aufhalten! Gold und Silber konnte man zwar noch kaufen, aber ohne Rücksicht nehmen zu müssen auf das reale Vorkommen des physischen Metalls! Dazu erfand man besondere Finanzinstrumente und nannte sie «Futures», «Hedge-Fonds» oder «ETF» usw. Von nun an wurde «gehebelt» und «leer verkauft». Das heisst, man konnte etwas kaufen oder verkaufen, was es gar nicht gab! Welch wundersames Instrument für Anleger und Spekulanten. Dadurch sanken die realen Preise oder sie stiegen zumindest nicht in dem Mass, wie man dies erwarten musste aufgrund von Angebot und Nachfrage. Diese beiden spielten eigentlich keine Rolle mehr bei solchen Finanztechniken. Alles wurde zu Papier und dann zu virtuellen Zahlen gemacht! Die Geldmenge stieg in schier unglaubliche Höhen, weil nun sogenannte «Notenbanken» jede Bank mit Zahlen und Geld beleihen konnte. Ja es kam sogar der Tag, an dem die Notenbanken den Banken sogar noch Geld dafür zahlte, dass sie bei ihnen Geld bezogen, sogenannte «Negativzinsen»! Man befand sich quasi in einem Schlaraffenland, wo das Geld auf den Bäumen wuchs – aber leider nicht für alle Menschen.

Währenddem die einen so hantierten und hebelten, was das Zeug hielt, schufteten die anderen sich schier zu Tode um wenigsten Hartz 4 zu kriegen! Viele gingen zu Grunde, krepierten jämmerlich. Es gab Orte auf dieser Welt, wo die Armut so gross wurde, dass sich die Menschen nicht einmal mit einem Jahreseinkommen die Schuhe kaufen konnten, die sie für die sogenannte «westliche Welt» nähten! Die Maximilians und seine Neffen, Enkel, Urenkel und was noch alles, florierten mit den gehebelten Geldern in stinkigen Geschäften. Es kam auch vor, dass der eine oder andere Präsident von Amerika wurde oder sonst eine hohe Position innehatte. Der Krake breitete sich leider nur allzu leicht aus. Und kaum meinte man, einen Tentakel erledigt zu haben, wuchsen zwei, drei, ja tausende andere nach! Inzwischen hatten sich die Menschen aber so sehr daran gewöhnt, dass kaum mehr einer aufmuckte oder widersprach. Es herrschte so eine Art «Bewusstseinstrübe» im Land und die meisten gaben sich damit zufrieden, wenn sie ein kleines «Schäfchen» zu ihrem Nutzen nach Hause tragen konnten. Sich das eine oder andere leisten zu können, darauf waren sie stolz. Der Staat, der ja nur allzu sehr um das Wohl der Bürger besorgt war, schüttete hin und wieder kleine Zückerchen über das lechzende Volk und konnte es damit wieder beruhigen – bis zur nächsten Wahl. Danach verblasste alles wieder für eine lange Zeit.

Und wenn sie nicht gestorben sind, scheffeln sie auch heute im Jahr 2017, immer noch schlafend ihre kleinen mühevoll verdienten Freudenschätze und überlassen das grosse Ganze gern den Verwandten Maximilians, die es langsam aber sicher zu Tode richten.

*Diese Zahl soll fiktiv stehen und hat keine geschichtliche Relevanz.

Geldgeschichte

Damit bin ich unweigerlich auf die Grundimpulse der Geldwirtschaft gestossen. Wir alle kennen einigermassen den Verlauf in der Geschichte: Tauschgeschäfte, Münzen, dann Papiergeld, dann Plastikgeld und schliesslich «virtuelles Geld» (Bitcoin und Co.). Tendenz weiter hin zur Bargeldabschaffung. Der ganze Weg zeigt eine Entwicklung vom physischen ins digitale, virtuelle. Etwas Materielles, Physisches, was mit dem Handel verbunden ist, wird seltsamerweise immer immaterieller, wenngleich auch nicht geistig! Dabei sind die Gründe der Banken und Notenbanken durchaus plausibel: Verringerung der Kriminalität, Einbindung und Verhinderung des Steuerbetrugs und anderer Betrugsformen. Kann dem Einzelnen nur recht sein, möchte man gerne einlenken.

Gleichzeitig wird aber die Abhängigkeit von dem, was ich anfangs «System» genannt habe immer grösser und rigoroser. Datenspeicher in eingebauten Chips unter der Haut sind nicht mehr so weit entfernt wie auch schon. Solches kann durchaus Realität werden. Sogar Bestrebungen von biologisch in die Hautzellen eingebundenen Datenbanken sind in Erforschung. Dahin also gehen die Bestrebungen. Und spätestens bei diesen Aussichten gerät mein vorher geschriebenes Votum vom: «Es ist wie es ist…» ins Wanken. Nur wird es zu jenem Zeitpunkt, wo solches, in nicht allzu ferner Zukunft Alltag sein wird, zu spät sein das Ganze abzuwenden.

Möglicherweise ist es auch heute schon zu spät. Es ist vielleicht schon sehr lange zu spät! Das Ganze hat in der Tat, so scheint es, «System»! Was ist die «Aufgaben-, Sinn- oder Zweckgebundene» Intention dahinter, so fragt man sich? Hat einfach nur eines das andere ergeben und ist sozusagen ein «Zufalls-System» – oder? Ja, oder? Keine Angst, ich werde nun nicht der Verschwörungstheoretiker-Gilde beitreten. Es geht ja niemals um Verschwörung oder Nicht-Verschwörung, sondern es geht um Erkenntnis und Wahrheit.

Zweiklassengesellschaft

Die Essenz der Sache ist die Freiheit! Die individuelle und persönliche Freiheit jedes Menschen, sich geistgemäss und (Lebens-) sinngemäss so zu entwickeln, dass er oder sie sich auch im innersten Kern mit der eigenen Lebensaufgabe verbinden kann. Wenn ich auf mein persönliches Leben hinschaue, muss ich durchaus einige Einschränkungen diesbezüglich machen. Der Motor, das treibende Motiv waren lange Zeit in meinen Jugendjahren, aber auch später und immer mal wieder, Geldsorgen. Die Sorge nach dem Lebensunterhalt beschäftigte und trieb mich in so manche unliebsame Entscheidung. Und sind wir ehrlich: Geht es nicht den meisten Menschen ähnlich? Sieht jeder auf seine Biografie zurück, so wird er oder sie heutzutage wohl ähnliche Erfahrungen konstatieren müssen. Selbst wenn jemand von Haus aus sehr reich ist, so drehen sich die Fragen dennoch sehr oft ums Geld, wenn auch in der Form, dass er ein Polster hat, was ihm oder ihr ermöglicht, NICHT daran denken zu müssen. Ist das freier, kann man sich fragen?

Im Verlauf der Geschichte war das natürlich immer so, zumindest wenn man zurückschaut in die vergangenen Jahrhunderte. Auch bei den Römern, den Griechen usw. gab es schon eine Zweiklassengesellschaft; gab es Herrschende und gab es Sklaven. Ist das einfach menschliches Schicksal? Muss man das hinnehmen bis in alle Ewigkeit? An diesem Punkt beginne ich über Strategien nachzudenken, die uns hinausführen könnten in eine freiere Welt im wahrsten Sinn. Schaut man in der Geschichte zurück, so waren es (seltsamerweise muss man sagen), immer nur Wenige, die Macht an sich reissen wollten und konnten. Die Mehrheit wollte nur in Frieden leben. Das ist deshalb seltsam, weil es doch eigentlich nach dem Willen der Mehrheit gehen sollte. Und meistens, zumindest in einer echten Demokratie, ist es auch so. Doch die Realität sieht eben ganz anders aus. Schauen Sie sich nur einmal die Tagesschau an. Jeden Tag dasselbe, unaufhörliche Lied: Leiden, Krieg, Zerstörung, Vernichtung, Drohung. Und was die Demokratie anbelangt, so wird man nur zu oft versteckte Zwänge finden, die zum Abstimmungsurteil führen können. Zwänge, die nicht unbedingt von bestimmten Menschen ausgehen, sondern von Fakten, Situationen, Manipulationen.

Also bleibt nur Verzweiflung?

Dies alles scheint kein Ende zu nehmen. Da kann Verzweiflung aufkommen. Wut bestenfalls, Resignation schlimmstenfalls. Hier endet mein Vortrag über das «System». Es muss konstatiert werden: dieses «System» ist kein menschliches, sondern ein System der Macht. Eben weil es nicht die grosse Masse ist, die das Gemeinwohl darin vorantreibt, sondern die Fragen nach Konzentration des Geldes als dem grössten Machtfaktor. Und das kann am besten erreicht werden, wenn dieses Geld virtuell geworden ist. Dies ist bestimmt keine anmassende Behauptung, sondern eine sehr sachliche und realistische. Geben Sie bei Google z.B. den Begriff «Bargeldabschaffung» ein, dann bekommen Sie hunderte, ja tausende von Einträgen von grossen Bankinstituten, von der EZB, von der FED und wie sie alle heissen, mit durchaus konkreten Bestrebungen in diese Richtung. Das grösste Problem scheint nicht die Frage nach einem «Ja oder Nein» zu sein, sondern nach dem «Wie».

Weil dies kein Vortrag über die Mechanismen der Finanzwelt sein soll, sondern einer über die Bewusstseinsentwicklung jedes Einzelnen, möchte ich Absehen von weiteren Details, die mir aber durchaus bekannt sind, zumindest im Wesentlichen. Ich kenne das Problem der Aufhebung der Golddeckung in den 70er Jahren unter der Regierung Nixon und anderen Protagonisten, das der Geldmengenerhöhung und der Schulden (Todes) Spirale, möchte ich sagen, welche den Wert des Geldes schleichend vernichtet usw. Aber das alles soll jetzt nicht im Zentrum meiner Gedanken stehen und deshalb mache ich nun einen Schwenker zurück zum Anfang.

Existiert ein «Gottmensch» in uns?

Die Abstecher in die Frage der Finanzen und des Geldes waren notwendig, um wieder zurückzukehren an die Grundfrage; dem «Wie verhalte ich mich persönlich» in dieser Entwicklung, ohne Anarchist zu werden, ohne ein Gesetzesbrecher zu werden oder ein Totalverweigerer oder gar Suizid zu begehen. Gibt es Möglichkeiten, sich quasi dennoch «einzubringen»? Und hier sind nicht irgendwelche Finanzstrategien gemeint, wie der Kauf von physischen Edelmetallen usw. um dem Wertschwund des Geldes entgegenzutreten, sondern Fragen des Bewusstseins. Es sind also geistige Lebensstrategien, wenn man diese so nennen will, die mich zur Erkenntnisbemühung hinbewegen.

Konkret: Soll man sich z.B. den Mechanismen der Behörden anpassen und sich von Finanzgebern wie Krankenkassen usw. leiten und zwingen lassen, um wie in meinem Fall, die Anerkennung als Therapeut nicht zu verlieren und damit auch auf gewisse (möglicherweise lebensnotwenige) Gelder zu verzichten? Auf dieser Ebene spielen sich die greifbaren und alltäglichen Fragen ab, mit denen man sich auseinanderzusetzen hat. Sie beginnen ja im Leben schon sehr früh, zum Beispiel mit der Schulpflicht, der Steuerpflicht, der Kassenpflicht, der Fortbildungspflicht, der Meldungspflicht u.v.m. Diese Verrichtungen haben einen gemeinsamen Nenner: die Kontrolle. Es sind Instrumente, die es ermöglichen, alles Tun und Lassen zu kontrollieren und – wenn nötig – strafende Massnahmen zu ergreifen, mich auf den «rechten» Weg zu bringen. Mein Handeln wird dadurch eingeschränkt in vielen Bereichen des Lebens.

Und hier wird man sich am zentralen Punkt der ausgegangenen Frage befinden. An einem Punkt, wo auch die ganzen Diskussionen nach Gesetzen usw. beginnen. Das Fazit ist: Man kann, ja darf den Menschen nicht unbeaufsichtigt handeln lassen! Er ist ein Tier. Er könnte schlechte Absichten haben, was ja durchaus eine berechtige Haltung ist! Im Grunde vereinigt sich hier auch die Frage nach uneingeschränkter Autonomie, uneingeschränktem Handlungsspielraum! Ist so etwas, wie «moralische Phantasie» auf der Ebene der «Intuition» überhaupt möglich, ja überhaupt nur denkbar? Die Frage, wie sie von Rudolf Steiner in der «Philosophie der Freiheit» aufgegriffen wird, verlangt einen anderen Menschen als den, welchem wir in unserem Alltag begegnen! Eine Art «Gottmensch» in uns, wie Nitzsche ihn nennt! Existiert dieser «Gottmensch»? An diesen Punkt kommt man bei konsequenter Verfolgung der einleitenden Frage, wenn man sich der Bewusstseinsentwicklung hinwendet.

Aberglaube einer höheren Macht

Es muss aus der ganzen Entwicklung heraus geschlossen werden, dass wir zwar ganz gerne an diesen «Gottmenschen» glauben möchten, ihm aber die Herrschaft gar nicht gerne überlassen! Wir beten vielleicht zu einem Verwandten von ihm, indem wir ihn «Gott», «Allah», «Buddha» oder anders nennen und vertreiben ihn quasi aus dem Paradies (d.h. aus sich selbst!). Die immer grössere Verflechtung von Regeln, Richtlinien, Strukturen und Gesetzen lässt darauf schliessen, dass dieser Übermensch in uns entweder nicht existieren kann, oder dass wir immer entfernter von ihm sind. Die Kirchen stellen ihn irgendwo auf einen Sockel oder in den Himmel, hinter die Wolken oder auf den Mars, jedenfalls möglichst weit weg von uns selbst. Aber was wird dann aus den grossen spirituellen Lehren, wenn wir uns immer weiter von uns (ihm) entfernen.

Es bleibt die Frage zurück nach dem Wiederfinden dieses höheren Menschen in uns. Ein Wesen, welches autonom und doch sozial ist, welches individuell und doch allumfassend ist, mit allem verbunden und ewig. Ist dies Aberglaube? Jeder, der die Existenz einer höheren, geistigen Wesenheit (in uns, in sich) als Aberglauben empfindet, kann sich nicht aus dem Dilemma lösen, weil er ausgesondert ist. So kann es keine Freiheit geben! Nur diese Erkenntnis hilft uns nun weiter auf dem Weg. Wären wir alle Engel, bräuchte es keine Gesetze und keine Kontrolle mehr. Die Tatsachen sehen natürlich anders aus. Also wie jetzt: Soll ich mich selbst dafür einsetzen, dass diese Kontrolle grösser und grösser wird. Daraus ergibt sich dann eines Tages dieser «Gottmensch», quasi aus dem Zwang heraus, von alleine. Man muss ihn zum Glücke zwingen! Die Strafe macht erst das vernünftige Kind! Sind dies die Maximen einer Rechtsphilosophie? Muss man in diesem Sinne mitwirken?

Jeder Mensch will autonom sein

Ich glaube kaum, dass die genannten Thesen ein probates Mittel sind. Was in einer guten Pädagogik schon längst klargeworden ist, scheint bei den meisten Gesellschaften noch weit entfernt zu sein. Nämlich, dass man unter Druck das genaue Gegenteil erreicht! Das Kind wird sich Strategien entwickeln, wie es die Strafe umgehen kann und so zu einem guten Mitbürger werden, der sich nicht erwischen lässt. Damit einher gehen dann auf der Gegenseite die zunehmenden Massnahmen, um der Kriminalität vorzubeugen. Nur wird die Sache, auch in der Gesellschaft, so nur immer schwieriger! Im Grunde will jeder Mensch die Würde und Anerkennung seiner Autonomie! Dem muss Rechnung getragen werden. Der gute Erzieher tut dies, indem er dem Kind in Liebe einen Freiraum zur Entfaltung lässt, ohne es zu zwingen. Dasselbe braucht doch die Gesellschaft. Jeder Mensch will so behandelt werden! Stattdessen wird das Misstrauen, das Missverständnis immer grösser. Daraus erwachsen Feindseligkeit und Missgunst. Dies treibt den Staat dahin, den Gürtel immer enger zu schnallen! Die Schraube immer mehr anzuziehen. Jeder ist im Verdacht. Also muss auch jeder kontrolliert werden. Und wenn die Sicherheitslücken geknackt werden, weil diese Massnahmen potenzielle Täter dazu verleiten, dann müssen daraus halt noch rigorose Gesetze erfolgen.

Systemwechsel – aber wie?

Das alles spricht für einen Systemwechsel. Man möchte doch eine Gesellschaft reifer, mündiger Menschen. Nicht eine solche mit lauter potenziellen Mördern auf der einen Seite und den ewig Bedrohten auf der anderen Seite. Nicht eine Welt mit immer mehr Einschränkungen, Gesetzen und Konventionen, sondern eine freie, mündige, sich selbst regulierende. Das wäre doch das «goldene Zeitalter» von welchem viele Menschen träumen. Aber was heisst mündig? Wie kann eine Gesellschaft überhaupt mündig werden. Ohne Kontrollzwang. Authentisch. Dass ein Einzelner vielleicht irgendwie dazu in der Lage ist, vermögen viele nachzuvollziehen. Aber wie eine ganze Gesellschaft?

Und was kann jeder Einzelne dazu beitragen? Indem er mithilft, noch mehr Regeln, Richtlinien, Mauern zu bauen? Das Gegenteil müsste doch der Fall sein! «Aber, wenn du keine Gesetze, keine Regeln, keine Kontrolle mehr hast, dann gibt es nur noch Chaos, Elend! Jeder versucht den anderen zu betrügen, über den Tisch zu ziehen. Und du hast keine Mittel mehr in der Hand, diesem Tun einen Riegel vorzuschieben!» Genau dies wird wohl der Fall sein, wenn wir von einem Menschenbild ausgehen, das dem Tier gleicht oder – noch schlimmer – dem Teufel oder Tyrannen. Nichts von «Gottmensch»! Der Mensch, ein unverbesserlicher, triebhafter und rachsüchtiger, machtgieriger Zombie. Gesteuert von einem gewissenlosen Gehirn, in dem ein sogenanntes «Ich» steckt, einem Triebtäter gleich, der nur auf den nächsten Augenblick wartet, um seinen Mitmenschen zum Eigenvorteil eins auszuwischen. Ist das unser gesellschaftlich geprägtes Menschenbild? Fast möchte man es meinen. In Wahrheit sind es zwei Aspekte, die in uns stecken, zwei Teile, die miteinander ringen und kämpfen. Wir sind eingespannt in zwei Machtbereiche gewissermassen. Das Dritte ist die Kraft, die sich darin einreguliert, einpendelt und versucht, den eigenen Lebensrhythmus zu finden. Weder das eine, noch das andere können als «Ich» bezeichnet werden, sondern einzig und alleine diese Mittekraft, die regulierende, ausgleichende Kraft kann als solches empfunden werden.

«Moralische Phantasie»

Der Systemwechsel: Nun ist er religiös und philosophisch geworden. Aus dem Geldproblem und der egozentrischen Machtgier wurde eine Frage des Gottmenschen, einer höheren Kraft im Menschen, die ausserhalb jeder religiösen Dogmatik steht. Der Angelpunkt jeder Entwicklung bleibt am eigenen Weg hängen. Dort, wo jeder in seinem Innersten die «moralische Phantasie» entfalten könnte. Aus dieser Intention heraus muss jeder Schritt zurück ins Leben und in all seine Bereiche erfolgen! Deswegen ist der Begriff «System» unpassend geworden. Wir müssen ihn revidieren! Die Selbstregulierung des Menschen passt in kein Schema! Es ist eine individuelle Angelegenheit mit dem Ziel einer geistigen Gemeinschaft geworden.

Es gibt viele Systemideen, viele Konzepte, Ideen, Pläne, wie man quasi eine neue Weltordnung schaffen könnte. Manche haben gute und durchaus edle Absichten, andere richten ihr Augenmerk kaum in diese geistige Dimension hinein, einige bleiben ganz auf der materiellen Ebene stehen, ohne höhere Absichten zu hegen. Keine dieser Systeme wird passend sein, egal wie sie heissen und egal welchen moralischen Ansprüchen sie genügen mögen: Denn sie alle möchten individuelle Gesetze zu globalen Gesetzen machen. Letztlich kommt alles darauf an, ob jeder Mensch in sich den Weg findet in einen allesverbindenden Raum. Und dieser Weg führt über jedes egozentrische Verhalten hinaus.

Was treibt uns an?

Doch was treibt mich, uns an, einen solchen Weg einzuschlagen? Bequem ist er ja nicht! Er verlangt viel Selbstdisziplin und eine gesunde Fähigkeit, sich selbst zu beobachten. Wie viele Menschen würden sich dazu bereit erklären? Sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir alle Hoffnung begraben müssen? Liegt es im menschlichen Bemühen, sein Bewusstsein zu erweitern, immer wieder und mit stetem Fleisse? Wenn ich in die Welt schaue, durch den «Marktkauf» gehe und die Massen beobachte, kommen mir Zweifel, ob meine Anliegen auch nur bei wenigen dieser Menschen Anklang finden würden. Ob sie mich überhaupt verstehen? Vielleicht würden sie mich höhnisch verlachen oder verachtend schauen, mich beiseitestossen und verständnislos an mir vorbeigehen, all diese Menschen mit den überfüllten Einkaufswagen. Sie würden kaum einen Blick auf mich werfen, wenn ich am Boden sitzen würde und ihnen meine Hand entgegenstrecken würde.

Jeder geht seinen Weg. Eigennützig und unnachgiebig. Und dieser Weg scheint nur eine Richtung zu kennen: die Optimierung der persönlichen Lebensverhältnisse. Die Einsparung der Mehrwertsteuer im grenznahen deutschen Einkaufszentrum ist oberstes Gebot oder der vorteilhafte Eurokurs. Sollen die anderen schauen, wie sie zurechtkommen, Hauptsache mir geht es gut. Ist dieses Bild zu düster? Finden Sie, dass ich mich täusche? Wie soll die Welt sich verändern, wenn der Einzelne nicht dazu bereit ist, sich für das Wohle der Gemeinschaft einzusetzen? Wenn jeder seinen eigenen Weg verfolgt?

Schon tausende von Jahren haben «Eingeweihte» oder Menschen mit grösserer Weitsicht versucht, dem Suchenden diese Dinge einzupflanzen. Und dennoch sind wir heute an einem Punkt angelangt, der sehr kritisch ist.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

Ohne Grund Einkommen?

Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen bringt zumindest eines an den Tag: Fragen zu scheinbar tabuisierten Themen der wirtschaftlichen Mechanismen unserer Gesellschaft. Der Fokus liegt immer mehr auf dem Geld und weniger auf den Gütern. Ist Geld ein notwendiges Übel oder ein heilbringendes Mittel einer gut funktionierenden Wirtschaft? Beides ist wohl Geschmacksache. Sicher ist, es kann nicht per se verurteilt und als etwas Schlechtes abgetan werden. Sicher ist auch, dass Geld eine Dynamik ins Leben bringt, die bei Weitem nicht allen Menschen den lebensnotwendigen Bedarf beschert. Oder wussten Sie, dass nur schon in der steinreichen Schweiz rund 1 000 000 Menschen unter der Armutsgrenze leben?

Geld ist ein (moralisches) Mittel
BrotWährenddem die einen wenig Mühe haben, den Überfluss clever und gewinnbringend anzulegen und immer weiter wachsen zu lassen, müssen andere jeden Krumen zusammenlesen, um überhaupt überleben zu können. Das liegt aber nicht am Geld selbst, sondern am Umgang damit. Wie alle „Mittler“, verbindet es zwei oder mehrere Dinge. Güter und Leistung, Arbeit und Zeit und vieles mehr. Es stellt einen Faktor dar, der mittels „barer Münze“ oder heute meist schon digital, das heißt nur als Zahl, ausgeglichen wird – (was viele nicht wissen: Letzteres ist bis heute nicht im Grundgesetz verankertes Zahlungsmittel).
Eine Leistung, die erbracht wurde, wird bemessen, eingeschätzt und dann ausgeglichen. Nur ist das so eine Sache mit den Bewertungen. Sie sind das eigentliche Problem. Es gibt viele Menschen, und zu denen zähle ich mich auch, die in ihrem Leben sehr viel Zeit und Arbeit unentgeltlich und freiwillig verrichtet haben. Dies geschah/geschieht aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus. Sie taten oder tun zum Teil dieselbe Arbeit, die ansonsten mit hohen Gehältern beglichen wird. Arbeiten, die hohe Anforderungen stellen, gute Ausbildungen und viel Erfahrung erfordern. Solche Leistungen werden im Allgemeinen hoch angesehen und geschätzt. Im Gegensatz dazu werden oft Menschen verurteilt, die sich „anmaßen“, Geld für ideelle Arbeit zu verlangen.

Freiwilligenarbeit muss man sich leisten können
Solche „Freiwilligenarbeit“ oder „ehrenamtliche“ Tätigkeiten muss man sich allerdings auch leisten können. Wenn ein Arzt, der pro Tag 1000 – 2000 Schweizer Franken verdient, an einem Tag in der Woche auf seinen Lohn verzichtet und eine soziale Tätigkeit zum Wohle der Allgemeinheit verrichtet, so ist das sehr löblich und durchaus nachahmenswert. Erwartet man dasselbe von einem Arbeitslosen, so muss das schon als Frechheit bezeichnet werden. Leider haben heute wenige Menschen eine Sensorik für eine pragmatische, soziale Gerechtigkeit und sehen nur das Endergebnis. Was dahinter steckt, wird verdrängt oder schlicht nicht wahrgenommen.

Zeit als Bemessungsfaktor
Das Abwägen der Geldmittel ist jedoch ein sozialer und äußerst diffiziler Akt. Das liegt sowohl an der Fremdeinschätzung wie an der Selbsteinschätzung jedes Einzelnen, an den persönlichen Bedürfnissen und am „gesunden Verstand“, den jeder zu haben meint. Es liegt aber auch am nötigen Weitblick und am Verständnis der Funktionalität des Geldes. Wenn jemand zu viel Geld hat, oder zu wenig, so ist daran nicht die Funktion des Geldes „schuld“, sondern die mangelhafte soziale Empathie, die den Geldwert bestimmt. Die Reife oder Unreife des Menschen macht Geld zum Segen oder zum Fluch. Dahinter stecken eine materielle und eine geistige Komponente. Der Bedarf an Gütern, Produkten, Waren und Dienstleistungen, bedarf einer Bemessung durch Zeit. Zeit ist der notwenige Faktor, der den Wert bemessen kann. Gerät dieser Faktor aus dem Ruder, dann wird Geld zum Fluch. Wenn an der Börse einige Klicks in wenigen Sekunden zu immensen Gewinnen führen können, dann beeinflusst dies den gesamten Handel. Es zwingt normale wirtschaftliche Abläufe zur Rationalisierung bis hin zu absurden, untragbaren Anforderungen.

Soziale Verträglichkeit von Geld
Die geistige Komponente liegt im Innern jedes Menschen und könnte als „persönlicher Egoismus“ bezeichnet werden. Die Schwierigkeit dabei ist, dass nur immer jeder für sich selbst das Maß seines Bedarfs kennen und schöpfen soll. Keiner ist befugt, des Anderen Grenze zum Egoismus festzusetzen! Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Es gibt in verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen neue wirtschaftliche Wege, die als Versuch angesehen werden können, mit sozial verträglicheren Mitteln umzugehen. Die Basis dafür ist die „soziale Dreigliederung“ Rudolf Steiners, der „Nationalökonomische Kurs“, „Kernpunkte der sozialen Frage“ und andere Schriften. Die Latte ist für die Praxis sehr hoch angesetzt und funktioniert meistens nur mäßig bis gar nicht; oder sie wirkt sogar kontraproduktiv. Denn das Funktionieren „ehrlicher“ Löhne und die Selbsteinschätzung von Bedürfnissen, hängen an einem dünnen Fädchen zur (Un-) Freiheit. Es bedarf einer großen Reife – und – vor allem: Vertrauen aller Beteiligten! Hierin liegt eine (moralische) Bedingung. Und an beidem mangelt es zumeist! Dass in einem solchen System nur jeder für sich selbst entscheiden kann und muss, wird zum wesentlichen Streitpunkt. Keiner darf des anderen Tun und Wirken verurteilen! Und genau hier setzen Unfreiheit, Gruppenzwang und Schuldgefühle ein, die großen Schaden anrichten können. Genau dies aber sind Faktoren einer sozialen Verträglichkeit von Geld.

Der Faktor Freude
Es ist auch bedenklich, wenn man Geld nicht an Arbeit binden möchte. Denn Geld ist im Wesentlichen nur dies: Arbeit! Umgekehrt muss Arbeit nicht zwingend Geld bedeuten! Der Wert der Arbeit kann natürlicherweise auch wo anders liegen als in einem „Müssen“. Er kann schlicht und einfach in Form von Freude grosse Erfüllung bringen! Geld und Freude gegeneinander anzusetzen ist problematisch und unzulässig. Denn das Geld hat eine vollkommen andere Funktion. Es liegt im materiellen Bereich und der ist an Bedingungen geknüpft. Geld ist zum (physischen) Überleben in unserem westlichen System notwendig. Jeder hat monatliche Ausgaben, die er decken muss. Selbst ein scheinbar „geldlos lebender“ kostet Geld (nur fällt es nicht ihm an, sondern anderen, die ihn unterstützen). Alle müssen Einnahmen in Form von Geld erbringen, denn der Vermieter wird sich kaum mit der Freude zufrieden geben. Die Freude selbst aber kann nicht mit Geld bezahlt werden. Sie ist außerhalb jedes wirtschaftlichen Systems angesiedelt und hat schon viel mehr mit Liebe zu tun. Sie steht als eine geistige Kraft ausserhalb des „Systems“. Man kann jede Arbeit, die bezahlte oder die unbezahlte, mit Freude tun oder mit Missmut. Die wirkliche Freude hängt nie am monetären Gegenwert. Eine solche Freude mag näher bei der Lust stehen und hat mit der eigentlichen Tätigkeit oft wenig zu tun, sondern eher mit einem persönlichen Gewinn. Die Verbindung beider Werte könnte zum Ideal werden: Bezahlte Arbeit mit Freude zu tun! Ein „bedingungsloses Grundeinkommen“, wie es aktuell gerade im Rahmen einer Volksabstimmung  in der Schweiz diskutiert wird und am 5. Juni zur Volksabstimmung kommt, könnte ein Anfang auf diesem Weg sein. Aber gleichzeitig müsste der Fokus auf eine andere Tatsache gelenkt werden: den Wert des Geldes wieder ehrlicher und adäquater, zum reinen „Mittler“ werden zu lassen. Geld darf nicht Selbstzweck bleiben. Dazu verleitet das Zinses und Zinseszins-System in hohem Maße. Es müsste wieder in seiner urtümlichen Funktion verstanden werden, zu „Vollgeld“ werden, das heißt, es dürfte nicht primär aus Schulden geschöpftes Geld aus dem Nichts sein…

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Krieg der Ideen

Der Kampf findet zuweilen schon in den Köpfen statt. Dort liegt der Urgrund vom Krieg. Ideen sind immer gut! Aber die Idee hat nur dann einen Sinn, wenn sie Realität geworden ist und nicht dort hängen bleibt, wo sie entstanden ist: im Kopf… aber was ist denn nun die beste Idee? Es ist natürlich meine Idee… oder?

Jede Idee, auch die „beste“ (aus Sicht ihres Eigners), wird mit Sicherheit ihre Gegner finden, wird Gegenargumente provozieren, die ihre Berechtigung haben. Fast jeder/jede meint, seine/ihre Idee sei die beste! Real gesehen, ist die beste Idee immer die situationsangepasste. Ideen können sich mit der Zeit verwandeln! Was zum einen Zeitpunkt gut ist, kann zu einem anderen Zeitpunkt genau das falsche sein. Ein Beispiel: Das leidige Ringen um Europas wirtschaftliche Zukunft zeigt es deutlich. Was für die Franzosen das Beste ist (Euro-Bonds), ist für Merkel das Schlechteste – im Gegenzug: Was für Merkel das Beste ist (Sparen), ist für die Franzosen das Schlechteste… Aber ich möchte mich nicht in politische Diskussionen einlassen und nun auch noch meinen bescheidenen Ideensenf (also mein Bestes) dazu geben. Schliesslich bin ich kein Finanzexperte und es geht mir jetzt auch um etwas ganz anderes.

Gute Ideen sind wichtig, aber das allerwichtigste ist, dass sich die unterschiedlichsten Ideen begegnen können! – „Ja, komm, immer diese Dialogmasche! Hauptsache wir haben darüber gesprochen usw. ! Das sind doch alles abgedroschene Begriffe!“ – „Sie kennen ja diesen Witz mit der Himmelstüre…?“ (…wohin gehen Sie lieber: in den Himmel oder zu Vorträgen über den Himmel…) Jeder Begriff, jede Idee wird früher oder später abgedroschen sein! Vor einigen Jahren gab es z.B. den Modebegriff „nachhaltig“, zu anderen Zeiten gab es wieder andere; heute gibt es diese, früher jene. Mit der Zeit verflacht jeder Begriff, je öffentlicher er wird, weil er nicht mehr mit der gleichen Tiefe erlebt wird. Das ist kaum zu vermeiden… heute spricht ja auch jeder von ganzheitlich… was er damit meint, ist eine andere Geschichte…

Begegnung lässt sich nun einmal nicht umgehen für jedes soziale Wesen und jede Entwicklung kann nur über den gemeinsamen Weg gehen. Dazu braucht es Offenheit. Für den Eisduscher wird der Kaltduscher immer ein Softie bleiben und für den Warmduscher wird der Kaltduscher ein Hardliner sein. Man kann auch darauf bestehen, dass dies bis ans Ende aller Tage so bleibt und darf sich über jeden „persönlichen Sieg“ freuen. Das heisst, wenn die eigenen Argumente den Gegner k.O.-schlagen, „bodigen“, wie es in der Boxersprache (…oder in der SVP) heisst. – Das ist doch absolut legitim und es freut den einen (…den anderen weniger). Kurzfristig verhebt diese Strategie durchaus! Mittelfristig und langfristig wird es jedoch immer nur Verlierer geben. Sicher, Argumente können auch überzeugen – besser wäre Einklang, Einigung statt Überzeugung… weil Argumente oft nur den Stärkeren bevorteilen.

Es geht also nicht um meine persönliche Idee, und um das, was ich gut oder schlecht finde; auch das ist wichtig – für mich persönlich ist es wichtig! Aber es hat zunächst nur dann einen Wert, wenn aus diesem isolierten Standpunkt wirklicher Konsens erwächst. Für mich alleine bleibt jede Idee letztlich wertlos, auch jede Weltanschauung, jedes Konzept. Einwand: „Jedes Argument bringt doch eine Erklärung und die Erklärung bringt Einsicht, so ist es doch?“ Gewiss, aber das Argument hat nur dann einen Sinn, wenn ich die Bereitschaft zeige, Gegenargumente wohlwollend aufzunehmen und bei Bedarf auch anzunehmen und nicht schon im Ansatz der „gegnerischen Intervention“ den Turbo einschalte: Statt hinzuhören, bereite ich meine eigene Gegenstrategie, den Gegenangriff vor… Und das braucht wieder eine gewisse Selbst-Reflexion… Solange ich auf dem eigenen persönlichen Standpunkt verharre, kann nur ein Mittel zum Sieg führen: der Krieg (ob im Kleinen oder im Grossen)! Manchmal ist es auch einfach Groll, Eifersucht, Neid usw. Aber es geht immer darum, Ideenwelten zusammenzubringen, egal wie sie heissen, woher sie kommen, welchen Standpunkt sie vertreten: ob politisch, kulturell, sozial, bildungsrelevant, religiös, künstlersich usw. Allein durch die Begegnung (auch, und insbesondere durch sehr unterschiedliche Wege, Ideologien, Weltanschauungen, Anliegen) kann Neues entstehen, auch wenn das von jedem die Bereitschaft zu einem Lernprozess erfordert.

Das ist doch alles idealistisches Geschwafel, wird man mir leicht entgegnen! Es geht doch um den Cashflow, um das dicke Geld! Um das Recht des Stärkeren, wie Darwin dies ausführte. Frage: Wenn Ihnen ein Mann – nennen wir ihn A.S. – für Ihre Dienste 2000.- zahlt und der zweite Herr, meinetwegen A.H. genannt, zahlt Ihnen 5000.- für den gleichen Dienst: welchen, der beiden Herren bevorzugen Sie? – Ist doch sowas von klar, natürlich den A.H. – wer würde das nicht tun? Das ist unsere normale Denkweise. Es geht gewiss nicht um Moral – wer ist der „bessere“ oder „schlechtere“ Mensch. Beides sind lediglich ihre Geschäftspartner, halt nur mit unterschiedlich dickem Portefeuille, denen Sie auch kaum moralisch auf die Pelle rücken wollen, wenn der Umsatz stimmt, zumal es sowieso nur Ihre persönliche Einschätzung von Moral gehen würde, die ja sowieso nichts aussagt… Wenn nun aber der erste Herr Albert Schweizer hiesse und der Zweite Adolf Hitler, dann würden Sie wahrscheinlich trotz allem ins Grübeln kommen, weil da nämlich noch mehr mit hinein spielt, als nur Geld und Geschäft, weil sich die Wertvorstellung plötzlich verschieben würde. Der Wert würde plötzlich nicht mehr am Verhältnis 2000:5000 gemessen, sondern an anderen Kriterien. – Solche „Geschäfte“ wurden ja gerade in der Schweiz ohne Augenzwinkern häufig getätigt… – Also doch moralisieren? Und wenn ich nun den beiden Herren sage. Gut! Sie können beide kommen. Ich gebe ihnen die Gelegenheit, sich miteinander auszutauschen, dann sieht die Sache schon wieder anders aus… (in der Hoffnung, dass der eine – hoffentlich der Richtige 🙂 – vom Anderen profitiert…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Sind Illuminaten Erleuchtete oder Verschwörer?

BabelViele Dinge in der Weltgeschichte sollen unter dem Deckmantel eines mysteriösen Ordens, der von Adam Weishaupt im 18. Jahrhundert gegründet wurde, zu einflussreichen geschichtlichen Taten und Macht-Manipulationen geführt haben. Es gibt Begriffe, die einen ominösen (Ver-) Ruf haben. Zu ihnen gehört auch der Begriff der „Illuminaten“. Eigentlich bedeutet er „Erleuchtete“! Der Wolf versteckt sich bekanntlich gerne im Schafspelz. Man nennt sich humanistisch, sozial, menschenfreundlich usw., versteckt und vertuscht damit aber die eigentlichen hintergründigen Absichten, nämlich deren Gegenteil!

Natürlich kann man wahren Erleuchteten mit Bestimmtheit keine solchen Absichten unterstellen. Verdreht man geistige Tatsachen, so münden sie oft in eine Falle. Ob Weishaupt, Goethe, Herder und wie sie alle hiessen, die dem „Orden“ angehört haben sollen, nun „erleuchtet“ waren oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ob sie böse Absichten gehabt haben sollen im Sinne einer „teuflischen“ Manipulation der Weltgeschichte? Ich bezweifle es. Meines Wissens waren es redliche, ehrliche und durchaus aufrichtige Menschen mit hohen und hehren humanistischen Zielen.

Wie würden denn wirkliche Erleuchtete die Welt verändern wollen?

Natürlich hätte dies hohe Ziel, möchte man es mit anderen Menschen ehrlich teilen, zur Folge, einen Weg aufzuzeigen, der selbst zur Erleuchtung jedes weiblichen wie männlichen „Schülers“ führen müsste. Wer wirklich erleuchtet ist, der diese Gedanken hier liest, der weiss, dass durch die „neue Perspektive“ der Weltbetrachtung im erleuchteten Zustand sich sämtliche moralischen Werte und Vorstellungen in Luft auflösen! Es würde daraus niemals böse Absicht erwachsen können. Gerade nicht. Es gibt aber auch keine „gute“ Moral im Sinne eines festgefahrenen, konfessionellen oder sonstwie gearteten Konzeptes. Es gibt gar keine Moral! Wenn Sie den Mitmenschen und überhaupt die ganze Natur, jede Blume, jeden Stein, jedes Tier so wahrnehmen und fühlen, wie Sie Ihren eigenen Finger wahrnehmen und fühlen, dann werden Sie ihm nichts mehr antun wollen!

Die Erfahrung des All-Seins

Die Erfahrung genau dessen, einer Art All-Eins-Seins, die den erleuchteten Zustand ausmacht, durchzieht ein „neues Sehen“. Daraus gebiert keine Moral, kein gutes oder schlechtes Gewissen, sondern die einzige und wirkliche Freiheit eines Menschen. Eine Schule, die dahin führen soll, dass Menschen den Zustand der Erleuchtung erfahren sollen/können, hat bestimmte geistige Gesetzmässigkeiten zur Folge, die verhindern, dass der spirituelle Weg entweder in eine Verirrung oder in krankhafte Erscheinungen führen. Das wissen alle wahrhaftigen Einweihungs-Schulen. Es versteht sich von selbst, wer auf dem Weg dahin der eigentliche „Feind“ ist. Es ist das eigene Ego jedes Menschen! Die eigene Unzulänglichkeit des Verstandes, die Konditionierung der Vorstellungen in unserer eigenen Biografie, verhindert jede erfolgreiche Erweiterung der Sicht. Das mögen auch Weishaupt, Goethe und co. gewusst haben. Deshalb legten alle Lehrer, die etwas davon verstanden haben und hatten, einen so grossen Wert auf die Charakterschulung eines Menschen, der diesen Weg gehen wollte. Die Regeln waren zuweilen streng.

Der Schalk treibts an die Oberfläche

Wenn die Ziele einer (Verschwörer-) Macht, welche auch immer es sein soll, darin bestehen soll, sich selber zu erhöhen und den Fluss des Geldes – und damit auch die allgemeine Macht – auf sich zu ziehen, dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass dies nichts mit wirklicher „Illumination“ zu tun hat! Im Gegenteil! Dann hätten wir eben den Schafspelz, hinter dem sich der Wolf versteckt, indem er vordergründig hohe Ziele anpreist, die das Wasser letztlich auf seine eigene Mühle bringen. Das persönliche Ego jedes Menschen wird durch Massenbeeinflussung angetrieben, die kleine Welt des persönlichen Besitztums so geregelt und beeinflusst, dass er kontrollierbar bleibt, im Glauben des vermeintlichen Eigners, es sei dessen Besitz.

Gold wird mit Blei geschürft. Und dem kleinen Volk reicht das Blei durchaus, weil es meint, dass es Gold sei. Auch wenn es als Abgas aus den Motoren ihrer kleinen pseudoautonomen Fahrzeuge (genannt Auto) verpufft. Spirituell gesehen, nützen da auch jegliche „Filter“ nichts. Sie meinen, sie hätten das Gold und sterben schliesslich an ihrer (inneren) Bleivergiftung. Den Mächtigen solls recht sein, denn es gibt sowieso zu viele Nichtsnutze aus ihrer Sicht, die letztlich nur Geld kosten. In diesem Sinne gibt es wohl tatsächlich eine Art „Verschwörung“. Es ist die Verschwörung unseres Egos, die sich im Inneren jedes Einzelnen vollzieht. Die „Machthaber“ sind lediglich die Nutzniesser davon, eine Art „Super-Ego“, denn sie tun dies auch nur um ihrer selbst willen. Das ist im höchsten Zustand der grösste Reichtum durch alle weltlichen Güter. Diese Intention ist zugleich der grösste Feind wahrer Erleuchtung und am weitesten von dieser entfernt. Deren Seele ist im höchsten Mass verdunkelt, nicht erhellt. Kein Grund, ihnen nacheifern zu wollen.

Mein Fazit: Es gibt also mit Sicherheit keine wahren Illuminaten, die die Welt beherrschen wollen…

 

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft

WahrheitLetzthin stand in einer Schweizer Zeitung ein Beitrag als „Analyse“ zum runden Geburtstag des Online-Lexikons Wikipedia. Der Autor resümiert am Schluss seines Beitrages: „Was soll man also von einem Lexikon halten, das manchmal die Wahrheit sagt, manchmal nicht – und oft daherkommt wie ein schlechter Schulaufsatz? Das Lesen bei Wikipedia gleicht dem Besuch einer öffentlichen Toilette: Man weiss nicht, wer das WC vor einem benutzt hat: Es kann schmuddelig sein oder es sieht ziemlich sauber aus. Happy Birthday!“

Das freut doch jedes Medienherz der alten Garde (dabei ist der Autor noch jung!). Diese Einschätzungen werden von ihm als Wahrheit hingestellt und verallgemeinert. Gerechterweise, um jetzt nicht als schlechter Kritiker eingestuft zu werden, muss ich sagen, dass er zuvor auch ein paar gute Worte gefunden hat. Dies allerdings mit bedacht und immer leicht ironisch.
Man kann selbstverständlich geteilter Meinung sein, was die Inhalte von einem offenen Onlinelexikon wie Wikipedia angeht! Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft! Ungeachtet also, ob Sie eher an diese oder eine andere These „glauben“: Der zitierte Journalist präsentiert seine Gedanken jedenfalls als unerschütterliche Wahrheit. Sein Urteil ist – vernichtend.

Wie also solls der Toilettenbenutzer nach ihm halten?

Ähnliche Kommentare gibt es ja nicht selten in den Medien wenn es darum geht, sogenannte „freie Plattformen“ anzufechten. In die Diskussion möchte ich mich inhaltlich nicht einlassen, weil mir solche Kommentare schlichtweg zu primitiv sind, um sie ernst nehmen zu können, schon ihres Tones und Respektes wegen.
Aber was mich irritiert – und das ist nicht selten auch in der Politik gang und gäbe – ist die Art und Weise, wie man Meinungen vertritt. Der Umstand, daß es sich (lediglich) um eine Meinung handelt, wird dabei vollkommen übergangen. Man(n) stellt sich ins Zentrum der Welt und brüstet sich als Träger unerschütterlicher Wahrheit(en) im Sinne von: „Andere Gedanken darüber sind doch gar nicht möglich, wenn man einen gesunden Menschenverstand hat“ Oder: „Kritik ist hier gar nicht möglich, da muss nichts diskutiert werden“ usw.

Es gibt zwei Möglichkeiten mit Statements umzugehen, deren Aussage man nicht teilt

Erstens: das was gesagt wird ist wirklich die absolute und unerschütterliche Wahrheit. Voila! In diesem Fall muß ich mich einfach fragen, was stimmt mit mir nicht, daß ich die Ansichten nicht teilen kann. Die Folge mag eine depressive Verstimmung sein…
Es kann aber eine zweite Möglichkeit geben: Die Aussagen entsprechen nicht dem absoluten Wahrheitsgehalt, wie es deren Träger vermutet! In diesem Fall sieht alles ein wenig anders aus. Dann müsste der Autor solcher Behauptungen ein Problem haben!

Immer wieder wird die Frage nach der Wahrheit gestellt. Kann es auf der „Formebene“ so etwas wie eine universelle Wahrheit überhaupt geben? Hätten wir die Wahrheit als persönliches Gut für uns gepachtet, dann hätten wir unsere (irdische) Entwicklung wohl längst abgeschlossen. Aber gerade weil wir in einer polaren, differenzierten und geteilten Welt leben, zumindest solange wir den hiesigen Gesetzmässigkeiten unterworfen sind, kann es eine solche Wahrheit für den Einzelnen nicht geben.

Was wir Wahrheit nennen, taucht immer erst dann auf, wenn wir die Ebene des Persönlichen verlassen! Im Grunde ist dies schon der Fall, wenn wir rechnen: 3 mal 3 gleich 9! Dann haben wir diese Ebene verlassen. Ob Herr Meier oder Herr Müller rechnet, ist vollkommen irrelevant, weil sich die Mathematik auf universelle Gesetze berufen kann. Wenn jemand nicht zum Ergebnis 9 kommt, dann liegt es nicht an ihm persönlich, sondern schlicht und einfach daran, daß er nicht rechnen kann! Er kann höchstens persönlich darauf reagieren, weil er es nicht gelernt hat, weil seine Intelligenz nicht ausreicht, diese Rechnung auszuführen. Nur dann kann das Ergebnis nichts dafür. Es ist seine persönliche Angelegenheit.

Doch wie verhält es sich mit unmathematischen Aussagen? Sätze wie: „…nur weil die Massen den Texten vertrauen, ist es noch lange keine glaubwürdige Enzyklopädie“, klingen scharf! Das ist natürlich eine Binsenwahrheit. Wahrheit hat nicht zwingend etwas mit der Masse zu tun! Aber ist es Wahrheit, wenn einige wenige Wissenschaftler ihre Studien den sogenannten „seriösen Lexika“ zur Verfügung stellen? Sind diese besser recherchiert und insofern wahrer? Entdeckt man nicht sehr oft Betriebsblindheit, da wo sich angeblich das grösste Wissen befindet? Und wie viele Wissenschaftler braucht es, um alle Begriffe eines Lexikons absolut zuverlässig zu recherchieren! Und zuguterletzt, wie lange dauert es, bis selbst grösste „Wahrheiten“ dieser Art in nicht allzu ferner Zeit wieder dementiert und widerlegt werden? Die Erfahrung gibt uns hinlänglich Bescheid darüber…

Nachklang: Wikipedia und seinesgleichen hin oder her. Mein Gedanke kann nicht „Ich selbst“ sein. Er ist immer nur ein Teilaspekt meiner selbst. Wenn ich ein Bild male, dann bin ich nicht das Bild! Aber das Bild ist ein Teilaspekt von mir! Was sich als „Wahrheit“ hinstellt, sind in diesem Zusammenhang immer nur Teilaspekte seines Trägers, dessen, der den Gedanken zu seinen Taten liefert. Man kann sich durchaus fragen, weshalb er überhaupt diesen einen Gedanken denkt und nicht einen anderen… es läuft eben alles darauf hinaus, dass wir lernen, neue Ebenen zu erfahren, um dem Gedanken wieder Leben einzuhauchen…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Wirtschaft und Mensch

WirtschaftWas sind gegenwärtig die wichtigsten Antriebe für den Handel zwischen Menschen? Ist es die christliche oder humane Gesinnung für einen fairen Handel mit fairen Mitteln? Ist es die eigene Freude, anderen Menschen etwas Gutes zu tun? Oder ist es der uneigennützige Antrieb, anderen Menschen aus purer Liebe Freude zu bereiten? Vielleicht auch die reine Lust am Handel?
Wohl nichts von alledem!

Das wesentliche Motiv – welches oft kaschiert auftritt, der persönliche finanzielle Gewinn, wird kaum jemand bestreiten, ohne Selbstbetrug zu begehen. Es ist die Maximierung des Umsatzes, die allen anderen Motiven voransteht. Der Drang, immer reicher und wohlhabender zu werden, sich immer mehr leisten zu können, der persönliche Wohlstand. Jedes andere Argument kann bestenfalls eine Alibi-Bezeugung sein, ein schöner Vorwand, um den wahren Grund zu verbergen. Wenn Aktionäre eine schmeichelhaft hohe Dividende ausbezahlt bekommen, kann es ihnen doch völlig Wurscht sein, ob die Firma an die Chinesen verschachert wird…
Natürlich können persönliche Freude an der Arbeit und der Nutzen idealerweise verschmelzen und zusammenwachsen. Bleibt der Gewinn aus, verdirbt es in den meisten Fällen jede Freude dieser Art. Wer etwas verkaufen will, egal was, muss sich in das Räderwerk der “freien“ Marktwirtschaft, wohl oder übel, einfügen.

Gewinnoptimierung

Die Gewinnoptimierung hat schon sehr viel Phantasie in der Geschichte der Menschheit angeregt. Selbst wenn wir eine, für anständige Menschen gezogene Grenze überschritten glauben, so sind wir noch lange nicht am Abgrund legaler (oder versteckt illegaler) Möglichkeiten angelangt. Es ist heute eine Selbstverständlichkeit geworden, Geräte, Apparate, Bestandteile, Kleider, Schuhe e.t.c. so zu konstruieren, dass sie kurz nach Ablauf der Garantiefrist (im Fall der Gerätschaften) irreparabel kaputt gehen (Stichwort Sollbruchstelle). Ein persönlicher Einschub sei mir erlaubt: Letzteres erlebe ich nämlich regelmässig bei der Munddusche, die nun zum dritten mal hintereinander nach knapp drei Jahren einen Riss am Kabel aufweist, immer exakt an der gleichen Stelle, die technisch durchaus besser gelöst werden könnte. Die Garantiefrist beträgt zwei Jahre. Selbstreparatur ist praktisch ausgeschlossen, weil man das Gerät nur mit radikalen Methoden (Hammer und Zange) öffnen kann…

Kundenbindung

Selbstverständlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten der Kundenbindung. Ohne den Druckverbrauch zu erhöhen, haben sich die Kosten für Tinte in den letzten zwei Jahrzehnten in meinem Fall mindestens verdreifacht, bis ich übergegangen bin, wieder professionelle, gebrauchte Drucker zu verwenden, die nur 10% des Tintenverbrauchs eines neuen aufweisen! Hinter dieser Tatsache stecken bestimmt keine humanen Gründe. Nur: wie banal sind solche Dinge im Vergleich zur menschlichen Gesundheit! Wenn das “Verkaufsgut“ Geräte sind, dann tangiert es uns, mal abgesehen davon, dass es Ärger verursacht, dennoch wenig.
Bei den Medikamenten zum Beispiel ist das „Endprodukt“ der Mensch! Hätte die Gesundheitindustrie wirklich Interesse daran, Menschen zu heilen, dann würde sie doch bald schon abdanken können! Das wäre nur dann nicht der Fall, wenn die Gesinnung der dortigen Manager der erstgenannten, humanen Variante, entspräche. Dies käme aber wohl kaum dem Anforderungsprofil eines solchen nahe.
Würden Medikamente die Menschen wirklich heilen, dann würde der Umsatz in kurzer Zeit stark zurückgehen. Das mögen Aktionäre nicht gerne. Deshalb gilt der Grundsatz der Gewinnoptimierung selbstverständlich auch in diesem Fall. In diesen Tagen werden in den Nachrichten (…alle halbe Stunde und an erster Stelle!) die grandiosen Gewinne eines bekannten Basler Chemiekonzerns von über 9000000000 Sfr. (9 Milliarden!, Tendenz steigend, trotz Finanzkrise) vermeldet. Ich habe mich gefragt, was das Motiv sein könnte, dass diese Nachricht in der Öffentlichkeit an so vorrangiger Stelle präsentiert wird!? Werden die Leute sagen: „WOW, toll! – Uns geht es aber gut!“ Doch eher müssten sich die meisten verärgert oder betrogen fühlen?

Kunden finden, Kunden binden, heisst es im Jargon der Verkaufsschulung. Im Fall der Medikamente heisst dies fatalerweise, dass es möglichst viele kranke Menschen geben muss und dass man sie möglichst lange (chronisch) krank halten muss (akute Krankheiten oder der Tod rentieren weniger). Die Abhängigkeit von einem Medikament (sprich, eine „Gesundheit“, die immer so auf der Kippe steht), ist der beste Garant für einen florierenden Markt! Wie absurd ist diese Situation!
Und sie spiegelt nicht nur die Absurdität der Pharmaindustrie, sondern jene eines ganzen (Markt und Finanz-) Systems. Niemand scheint den Irrsinn zu durchschauen. Der Massenschlaf geht endlos weiter. Glaube ist nirgends so ausgeprägt wie jener an dieses System. Religionen könnten stolz darauf sein! Es ist vor allem der blinde Glaube daran, zu den Gewinnern zu gehören! Der Verkäufer möchte natürlich immer Gewinner sein! Das Geschäft zwingt ihn dazu, Gewinne zu erzielen. Und die meisten sind es auch – Gewinner nämlich. Da es bei einem Gewinn aber immer einen Verlierer gibt, zieht der Käufer, also der Kunde in dem Fall immer den kürzeren. Die Sache gleicht sich irgendwie dadurch aus, dass der Verkäufer gleichzeitig auch immer Kunde ist – und umgekehrt! Betrügen und betrogen werden, ist dies die Maxime, die ein solches System aufrechterhält? Ist es deshalb so schwer auszutilgen, weil wir immer zu beiden Seiten gehören?! Es ist ein Spiel, in dem der oder die Stärkere gewinnt. Ein Kampf ums Überleben für die meisten, ein Kampf um Macht für die Wenigen, die wirklich Gewinner bleiben am Schluss…?

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Das innere Kind lieben lernen

Inneres KindDie Hauptfrage jeglichen Tuns, Fühlens, Denkens lautet stets, wer – WER tut es? Wer ist dieses Etwas hinter all dem, welches tut, fühlt, denkt und lenkt? Selbst wenn wir mit grossen Worten eine spirituelle Terminologie verwenden, wie im anthroposophischen Jargon oftmals von Aetherleib, Astralleib und Ich gesprochen wird, so heisst dies noch lange nicht, dass wir aus der Instanz heraus sprechen, die real und wirklich diese benannten Ebenen überschaut und durchschaut. Eine solche Instanz kann aber nur das wahre, geistige Ich sein, von dem aus wir sprechen, oder zu sprechen meinen! Was aber, wenn wir nicht aus ihm sprechen? Wer spricht dann?

Und: Warum sprechen wir denn doch darüber?

Warum wiederholen wir so gerne die Inhalte anderer, pflegen sie, als ob sie unsere eigenen Erfahrungen sind? Weil wir oftmals selber keine spirituellen Inhalte haben, die real und wirklich erlebt sind! Und weil Inhalte von anderen uns eine gewisse Sicherheit vermitteln! Weil sie uns das Gefühl geben, furchtbar gescheit zu sein! Wir füllen dann diese („objektiven“) Begriffe mit unseren persönlichen („subjektiven“) Inhalten. Aber diese Inhalte sind nicht aus der Erfahrung unmittelbar dessen entsprungen, was wir vertreten, zitierten, wiedergeben, sondern aus den persönlichen, psychischen Tiefen gewonnen – gezüchtet wäre wohl besser – die wir in unserem Leben zusammen geschustert haben. Damit bleiben wir aber auf der sinnlich-physischen Ebene und in der Dualität verhaftet. Imagination oder Inspiration ist es nicht. Und schon gar keine Intuition! Dazu müssten wir die Geheimnisse der Metamorphose erkennen.

Ein Begriff wie den des Aetherleibs zum Beispiel, ist gefüllt mit vielen Zitaten, Gedanken und Inhalten anderer.  Damit werden wir aber niemals zum wesentlichen Inhalt finden, zum eigentlichen Tatbestand, der dem Begriff zugrunde liegt. Dieses liegt in der Metamorphose. Dieser Gedanke muss letztlich erlebt werden, nicht begriffen! Goethe konnte seine Gedanken SEHEN! Er rühmte sich sogar, niemals über das Denken nachgedacht zu haben. Das musste er auch nicht, denn sein Denken war ein Imaginieren! Um diesem Erlebnis näher treten zu können, müssen wir den ganzen Wissenskram, egal welchen „Höhen“ des Kosmos er entspringen mag, egal welche geistigen Grössen dahinter stehen, egal, wieviel „objektive“ Wahrheit dahinter steckt oder nicht, über Bord werfen! Die ewig klugen Reden müssen aufhören und ein inneres Erleben – muss an deren Stelle treten! Erst so erkennen wir unser „inneres Kind“.

Die letzte Frage

Was übrig bleibt ist dann nur noch diese eine Frage: wie kommen wir an das Erleben heran? Irgendwann im Leben interessiert man sich nur noch für diese Frage. Wenn der Wissenskram es geschafft hat, uns an diese Frage heranzubringen, dann hat er uns einen guten Dienst erwiesen! Ich erinnere an Goethes „Faust“ („ich habe – ach… Philosophie, Theologie usw. studiert… und bin so klug als wie zuvor!“). Es gibt viele Konzepte, viele Anschauungen, viele Erfahrungen und Erlebnisse anderer, die wir nachlesen können, mit denen wir versuchen können, uns an unser eigenes erleben vielleicht ein Stückchen heranzutasten. Jeder dieser Wege hat eine mehr oder weniger hilfreiche Funktion. Aber die Gefahr einer Entfernung oder Entfremdung von diesem eigentlichen Ich, ist sehr gross, wenn nicht sogar unausweichlich. Keiner kann mit dem Verstand wirklich erfasst werden. Der Verstand selber ist die Mauer, die es zu überspringen oder zu durchbrechen gilt. Er ist lediglich ein Hilfsmittel, eine Krücke dafür, uns überhaupt an diese Mauer heranzutasten und irgendwann zu merken: Hey, da ist etwas, da komme ich nicht mehr weiter, das blockiert mich! Die meisten bleiben aber dort stehen und benutzen sie als Schutzwall. Ein Schutzwall, um gegen die Angriffe von aussen zu agieren, sich zu verteidigen, zu rechtfertigen, zu behaupten; sich gegen den anderen, das andere zu stellen, sich abzugrenzen, Bollwerke aufzubauen. Ein ganzes Leben scheint oft nicht auszureichen, um dies zu erkennen. Denn dazu müsste man – und es ist das Kernthema dieses Blogs – sich selbst anschauen! Wieviel Groll, Neid, Missgunst, Kampf und Unmut gibt es doch im sozialen Umfeld, oft gerade auch in spirituellen Gemeinschaften!

Selbsterkenntnis ist für viele Menschen, leider oft auch in sogenannt spirituellen Kreisen, ein Fremdwort!

Lieber hängt man sich an Floskeln, spirituell Einverleibtes, dogmatisch Verfestigtes. Man wird mir leicht auch den Vorwurf machen können, immer die gleiche Leier abzuspielen, immer die gleichen Phrasen zu dreschen. Aber ich versichere, dass es keine Phrasen sind, sondern der eigentliche (selbst erlittene!) „wunde Punkt“, an dem die meisten von uns, mich eingeschlossen, leiden. Einige erkennen ihr Übel, andere nicht. Es gäbe natürlich viel interessantere „geistige Zusammenhänge“, mit denen ich Ihr Hirn füttern könnte! Schliesslich habe ich gewiss bald die halbe Steiner-Literatur gelesen (und das ist viel!). Ich könnte Ihnen davon berichten, wie jenes sich zu diesem verhält und wie der eine Bezug wieder einen neuen Bezug zum anderen ergibt und sich verwandelt durch dieses und jenes! Und schliesslich, wie jenes mit diesem sich wieder neu verknüpft. Wie interessant und spannend doch vieles ist und doch so weit von geistig Realem entfernt! Jetzt verpackt man diese Inhalte in schöngeistige Worte und verleiht ihnen einen Hauch von Absolutheit und Ehrfurcht. Vortreffliche Analysen werden gezogen und man freut sich darüber, einen neuen Zusammenhang erkannt zu haben im Universum des Wissens! Man glaubt, diese Art von Erkenntnissen bringe uns näher an das Wesentliche (in uns) heran. Aber das ist nicht der Fall… denn

Das Wesentliche sind wir selbst

Tatsächlich rücken wir immer weiter vom Wesentlichen ab, indem wir uns mit immer neuen Inhalten verbinden und diese miteinander in immer neue Beziehungen setzen, sie erforschen und zerteilen, zerpflücken, weiter führen, und wieder zu integrieren versuchen usw. Das füttert vor allen Dingen unsere Neugierde. Es befriedigt uns in etwa so, wir uns diese oder jene neue Errungenschaft befriedigt. Meist mit einer kurzen Halbwertszeit. Bald schon versinkend im Datennirvana unserer Gehirne. Solange wir nicht imstande sind, diesen ewigen Kreislauf des Sammelns und Jagens (physisch, psychisch und mental, in Form von Wissen) zu durchbrechen, nähern wir uns keinen Schritt, auch nicht den geringsten – an uns Selbst.

„Aber wir müssen uns doch gerade von uns selbst lösen!“ sagen viele! „Du begreifst das nur nicht, mein Freund!“ Diese Stimmen meinen ein anderes Selbst, das wir auch Ego nennen. Und sie tun es tatsächlich, wenn sie Wissen sammeln, sich von sich selbst lösen, aber eben nicht vom Ego, sondern von einen anderen Selbst. Sie vermischen das eine „Ich-Gefühl“ des verhafteten Menschen mit dem anderen wahren „Ich-Gefühl“ des inneren Friedens, was wir eigentlich im Kern sind! Aber wir müssen uns vom einen kleinen selbst, dem „Ego“, unserem „inneren Kind“, auch gar nicht lösen! Das stimmt selbst auf dieser Ebene nicht! Wir müssen dieses innere Kind „nur“ LIEBEN lernen, es in die Arme schliessen, es behüten und vor allem wahrnehmen. Sehen, wohin es geht, was es tut, was es denkt und fühlt, wann es sich beleidigt fühlt, angegriffen fühlt, jähzornig wird, traurig ist usw. usf. – ganz so, wie man dies mit den eigenen, kleinen Kindern auch tun möchte. Darin besteht gerade die leidvolle Ursache aller Verwirrung, dass wir im Laufe unseres Lebens, ein eigenes, kleines, persönliches selbst schaffen, welches das andere, wahre Selbst verdeckt – und es im Regen stehen lassen! Der allein gelassene Verstand gehört zum kleinen, selbst gebastelten ichlein, welches in solcher Weise hohe Mauern erstellt über ein Leben hinweg und uns in einen Kerker der Verhaftung einsperrt. Es sind die Mauern der Verbitterung, der Angst, der Unlust usw. Wenn wir dies erkennen, beobachten und lieben lernen, dann erst kann es sich verwandeln! Dann lernen wir diesen Blick auch nach aussen zu lenken und wir vernehmen die Stimme der Natur in uns selbst, sich auf einer anderen Ebene aussprechend… in der Metamorphose.

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Sind Gesetz und Freiheit unvereinbar?

Konzentration LagerIm Leben eines Menschen zeichnen sich viele unterschiedliche Phasen ab. Die Frage nach der Freiheit schwingt bei den meisten Menschen im Hintergrund mit. Der Jugendliche, oder der junge Erwachsene, fühlen sich ebenso mit dieser Frage konfrontiert, wie alte Menschen. Die Konsequenzen, die aus den Erfahrungen diesbezüglich gezogen werden, sind im Allgemeinen sehr unterschiedlich.

Der junge pubertierende Mensch pocht häufiger auf seine Rechte, auf sein wahrgenommen werden in der Welt. Was im hohen Alter eher befremdend daherkommt, ist in diesem Alter quasi legitim! Dabei sieht er/sie sich in größter Konfrontation mit seiner Umwelt. Das Gefühl der Autonomie gegenüber der Welt ist in jugendlichem Alter sehr wichtig für die weitere Entwicklung. Es gibt genügend Gründe, sich am Widerstand der äußeren Welt zu stärken, um so Selbstvertrauen und Durchsetzungswille zu schulen.

Im späteren Alter, so nach den Dreißigern, vielleicht Vierzigern, treten ganz andere Erfahrungen und Bedürfnisse auf den Plan. Das Zerrieben werden an der Welt, der ewige Widerstand, kann sich wie eine seelische Lähmung auswirken und zu Resignation und Depression führen. Man nimmt nur noch eine rücksichtslose und machtgierige Welt um sich herum wahr und fühlt sich entweder davon abgestoßen oder taucht selbst so tief darin ein, dass jede Selbstwahrnehmung diesbezüglich verloren geht.

Im Jugendalter muss das als gesund und normal angesehen werden, auch wenn sich das Erleben der Freiheit hier wohl in seiner egoistischsten (sprich autonomsten) Form zeigt. Das spätere Entwicklungsstadium lässt oft nachhaltige Spuren hinter sich, welche die Hoffnung auf eine mögliche Befreiung von dieser Marter des Menschen bestreitet. Oder man verkennt selbst die Unfreiheit darin. Das ist der Normalzustand vieler Menschen in fortgeschrittenem Alter. Beide, die Überbetonung einer egoistischen Freiheit, die natürlich nicht als solche entlarvt wird, und jene der Resignation und Leugnung der Freiheit machen den größten Teil der gegenwärtigen Lebensgrundstimmung in der Welt aus. Das Resultat können wir jeden abend in den Nachrichten sehen. Deshalb bleibt oft nur ein müdes Lächeln übrig, wenn man, wie hier in diesem Blog, immer wieder für eine Art „drittes Erlebnis“ aufmerksam machen will, einer „individuellen Freiheit“ sozusagen, die jenseits von Egoismus und Resignation gefunden werden kann, beziehungsweise schon da ist.

Was aber wären die Konsequenzen, wenn man den Gedanken der Unfreiheit des Menschen zum Dogma macht, ohne ihn gründlich zu Ende zu denken? Wie würde oder müsste sich z.B. das Rechtswesen konsequenterweise verändern, wenn man davon ausgeht, dass es eine solche Freiheit nicht gibt? Dieses Rechtswesen und die Gesetze bauen weitestgehend auf der Maxime einer egoistischen Variante von Freiheit auf. Um die einseitige Übersteigerung, die auf eine extreme Selbstbehauptung gegenüber anderen Menschen baut, auf ein normales, sozialverträgliches Maß herab zu brechen, müssen sogenannte „Normen“, eigentlich besser „Verhaltensnormen“ definiert und aufgestellt werden. Die Umgehung dieser Gesetze muss in der Folge drastisch und vehement kontrolliert werden. Kontrolle geht in diesem Kontext über Vertrauen; denn ein wirkliches und bedingungsloses Vertrauen würde schon eher zu der dritten, von mir gemeinten Freiheit gehören. Da sie als inexistent angenommen wird, zumindest gemäß dem allgemeinen Verhalten der Menschen zufolge, muss das Werkzeug der Kontrolle und des Misstrauens als Gesetzesbasis eingesetzt werden. Dadurch entsteht die Knechtschaft, aber nicht nur jene nach aussen, in Abhängigkeit dieser Gesetze folgende, sondern auch die eigene, nach innen gerichtete, die dahinter nicht erkannt wird!

Die Konsequenz ist die Entmündigung des Menschen und vor allem, eines möglichen freien Menschen. Er wird gar nicht als existent wahrgenommen: die letzte Konsequenz daraus ist die totale Entmündigung. Die Freiheit hat jedoch nicht nur äußere Aspekte, sondern auch Innere. Sie hängen unter anderem auch mit dem Triebleben zusammen. Ein Wolf, der ein Schaf reißt, kann dafür kaum verantwortlich gemacht werden, dass er dies tut. Man könnte ihn zwar abschießen. Damit hat man ein Problem beseitigt, den (entmündigten) Täter beseitigt. Aber da es noch viele andere Wölfe (Wölfinnen) gibt, bleibt der Naturtrieb an sich dennoch am Leben erhalten und es wird auch in Zukunft immer wieder Schafe reißende Wölfe (Wölfinnen) geben. Der Trieb stirbt nicht aus. Das Tier ist existentiell von ihm abhängig und kann dafür auch nicht bestraft werden. Da auch der Mensch Triebe hat, muss davon ausgegangen werden, dass er oder sie, sie nicht immer unter Kontrolle haben kann. Aber was heißt nicht immer? Gibt es denn eine Möglichkeit, sie zu kontrollieren? Eben darin zeigt sich ein Aspekt der dritten Art von Freiheit. Wäre sie im Menschen nicht latent vorhanden, dann könnte man ihn ebenso wenig bestrafen, wie den Wolf. Hier stecken wir in einem Zwiespalt. Das Gesetzt selber ist der Zwiespalt…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

 

Mache 2016 zu Deinem Perspektivenwechsel!

PerspektivenwechselUnser Denken führt manchmal in die Irre. Die Wege, die wir im Leben beschreiten, beruhen zum grossen Teil aus dem konditionierten Pflaster vorgefertigter Meinungen und Verhaltensmuster, die uns aus der Vergangenheit eines antrainierten Egos heraus nähren. Dennoch führt es in die Irre, wenn wir das Denken unterschätzen und dessen Wert negieren. Damit schütten wir das (innere) Kind mit dem Bad aus. Um genauer zu unterscheiden, welche Qualitäten des Denkens ins Auge gefasst werden müssen, um zu einem klareren Urteil zu kommen, könnte ein Perspektivenwechsel von grossem Nutzen sein.

Es gibt grundsätzlich zweierlei Perspektiven: eine “kleine Perspektive“ und die “große“, alles umfassende „Perspektive“. Der Quell unseres Denkens ist nichts geringeres als unser „wahres Ich“. Nennt es Gott, höheres Selbst, oder anders: Begriffe sind Schall und Rauch. Es ist das zentral menschliche damit gemeint, unser geistiger Ursprung, der “Logos“ – was auch übersetzt wird mit: “Ursprung des Denkens“.
Von Ihm – und aus Ihm – entspringen ALLE unsere Gedanken! Insofern sind Gedanken der höchste Ausdruck des menschlichen Geistes – zumindest potenziell. Was aus diesem Quell entspringt ist, in reiner Form gesehen, wahre geistige Substanz.

Das Übel besteht darin, dass der Ausdruck unserer geistigen Substanz in den wenigsten Fällen rein bleibt!

Denn der Weg vom reinen Quell in die physische Realität wird im Wesentlichen von drei Schichten verdeckt. Sie wird gewissermaßen gefiltert, verunreinigt, verschmutzt und verzerrt durch diese drei Schichten.

  • Die erste Hülle bildet die Wahrnehmung durch die physischen Sinne. Sie wird durch vorgefertigte Begriffe und Vorstellungen zementiert und somit subjektiviert. Achte einen Tag lang immer wieder auf Deine Wahrnehmungen und prüfe das dahinter liegende Motiv!
  • Die zweite ist die Schicht der durch das sinnliche Wahrnehmen genährten Gefühle (Besitz, Reichtum, Macht, Sex, Begehren und so fort). Achte einmal einen Tag lang darauf, aus welchen Motiven heraus Deine Gefühle entspringen!
  • Die dritte Schicht schliesslich sind die aus der sinnlichen Wahrnehmung gewonnenen Vorstellungen, Konzepte, Dogmen, Weltanschauungen und so weiter, die zu Deinen handlungsleitenden Impulsen werden. Achte einen Tag lang auf Deine Vorstellungen, woher sie kommen, woraus sie genährt werden, wohin sie Dich führen und leiten! Für die Wahrnehmung aller drei Schichten benötigt man Selbstbeobachtung und die Fähigkeit der Selbstreflexion.

Der wahre Kern, unsere tiefe geistige Substanz ist ein Ort der Stille und der Freiheit, des Glücks und der Liebe. Er wird verdeckt durch die sinnliche, materielle Welt, der daraus resultierenden Gefühle und Gedanken. Wenn diese Aussage wertend aufgefasst wird, so entspricht sie lediglich einem weiteren von unendlichen Konzepten und vermag sich nicht aus dem ewigen Kreislauf der intellektuellen Betrachtungsweise zu befreien. Damit aber bleibt sie unfrei! Was auch immer zum intellektuellen Konzept gemacht wird, ist dieser Gefahr unterworfen, seien die Inhalte noch so menschlich und edel; buddhistisch, christlich, anthroposophisch oder irgendeiner spirituellen Weltanschauung entspringend. So ist die Sache hier aber nicht gemeint! Man muss jedem Ding wertungsfrei gegenüberstehen können um nicht zum vornherein wieder in die Vorstellungsfalle zu tappen. Und das darf keine Phrase bleiben!

Die drei Schleier werden durch unsere  Identifikation  mit Ihnen genährt und aufrecht erhalten („unsere“ heisst die des Egos, des Alltagsbewusstseins).

Kein Weg führt deshalb an der Erkenntnis derselben vorbei. Aus der sinnlichen Wahrnehmung wird die Wahrnehmung „rein“ durch ein unbeschwertes und vorurteilsloses Bewusstsein der Gegenwart; aus den Verblendungen wird ein reines Fühlen gewonnen an den reinen Wahrnehmungen, das ist Liebe; und aus der Welt der Vorstellungen gebiert ihnen das Höchste, wenn sie durch die Selbst-Beobachtung erkannt (und damit erlöst) wird, nämlich wahre Selbsterkenntnis. Nur so kann der Perspektivenwechsel vollzogen werden, von der kleinen zur grossen Perspektive. Der Begriff Perspektive löst sich damit gleichzeitig auf, denn das Erleben dessen, was sich hier auftut, ist allumfassend.

Jeder Mensch ist gewissermaßen ein Märchenprinz oder eine Märchenprinzessin, allerdings geschlechtslos, verdeckt durch die drei Hüllen: die Hülle der Materie, die Hülle der sinnlich genährten Gefühle und die Hülle der daraus gebildeten Vorstellungen. So sicher wie der Weg jedes tieferen Märchens zur Ent-Deckung dieser drei Hüllen und damit ins Königreich, zum Königtum führt, so sicher wird dieser Weg geleitet von der Kraft der Liebe! Sie ist, wenn es die wahre Liebe ist, das Grundgefühl hinter jedem reinen Gefühl, so wie die Angst das Grundgefühl hinter jeder Verblendung ist. Die Falle ist eine ins rein sinnliche herabgedämpfte „Liebe“, welche diesem Begriff nicht mehr würdig ist. Das Resultat ist die Pech-Marie!

Mach Dich auf den Weg! Der Jahreswechsel ist immer ein guter Grund, sich etwas Grosses vorzunehmen! In diesem Sinn wünsche ich all meinen Lesern und Leserinnen ein interessantes und segensreiches neues Jahr!

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Die Wahrheit in der Presse

journalismusMasken sind das Thema der ersten Ausgabe unserer eigenen Zeitschrift, dem „Wirkstatt Schaufenster„. In Basel spricht man allerdings von Larven, wenn man dieses Ding meint, womit man sich für kurze Zeit, genau gesagt für die “drey scheenschte Dääg“ in eine andere Person verwandeln möchte. Masken im Sinn der Thematik haben aber noch eine andere Bedeutung. Sie umschreiben einen Zustand, der bei den meisten von uns auch ausserhalb der Fasnacht eine nicht unwichtige Bedeutung haben.

Nur fragen wir selten danach, weil wir jene Masken gerne verdrängen. Sehen wir sie nicht überall in unserem Alltag, automatisiert und leer? Ein Beispiel ist der blinde Glaube an das Gedruckte.
Warum neigt der durchschnittliche Leser/Leserin dazu, das Meiste zu glauben, was in der Boulevardpresse, oder überhaupt in Zeitungen, steht? Warum ziehen generell Buchstaben, die schwarz auf weiss gedruckt sind, einen mystischen Mantel der Seriosität und Allmacht mit sich herum, ähnlich dem Status der Herren (und Damen?) im weissen Kittel?

Die Frage ist berechtigt, schaut man sich die Motive der unaufhörlichen Gier nach Inhalten der Pressejäger etwas genauer an. Denn diese sind durchaus nicht immer so wahrheitsfreundlich, wie sie daherkommen, sondern vor allem mehrheitstauglich. Da wird, gelinde gesagt, schon mal kräftig gemogelt.

Die Wahrheit ist kein einfaches Geschäft. Lügen will gelernt sein. Sie stellt sich in verschiedenen Masken und Facetten dar. Und da wären wir schon beim Thema. Lügen bedeutet nicht nur das Verschweigen von Tatsachen, sondern auch das Verzerren, das Über- oder Redimensionieren von entscheidenden Details. Diese können so in einem völlig anderen Licht erscheinen. Werbe-Psychologie spielt da unter anderem eine sehr grosse Rolle. Wahrheit und Lüge steckt da nicht nur in Worte verkleidet, sondern vor allem in Bilder, in Betonungen, Gewichtungen, Darstellungen im Scheinwerferlicht des Bewusstseins oder besser, des Unbewussten.

Das richtige Bild, der richtige Titel macht die Made im Speck aus, beziehungsweise den Umsatz im Portefeuille der Verlage; der Inhalt mag wichtig sein, bleibt aber oft hinter einer Fassade zurück.
Das Ganze macht die Sache schwieriger als erwartet. Die Lüge ist oft versteckt und undurchsichtig, undurchschaubar hinter den Gedanken verpackt. Dies gerade ist die Kunst eines so (aus-) gearteten Journalismus: die Wahrheit bis an ihre Grenzen auszuloten, zu modifizieren und anzupassen, womöglich zu verbiegen, so dass sie sich dennoch in einem relativ glaubwürdigen Gleichgewicht zwischen noch zu ertragendem, unanfechtbarem Tatbestand einerseits, und in oben erwähnter Massentauglichkeit andererseits, zu behaupten (oder zu verkaufen) vermag. Das ist die Maxime hoher Verkaufszahlen.

Das Fatale ist, dass in solcher Art durchaus bewusst verdrehter Berichterstattung die Kerntatsachen oft nicht nur verwischt, sondern wissentlich umgelenkt werden. Es ist durchaus möglich, in gewissem Sinne „wahrheitsgetreu“ den einen Blickwinkel in aller Deutlichkeit festzuhalten, um dabei die im Schatten stehenden (oder liegenden), vielleicht wesentlicheren Ereignisse mit demselben Akt professioneller Halbwahrheiten auszuschalten. Glauben, Lüge und Wissen – schafft sich im Schlachtfeld der eigenen Persönlichkeit ein Schattendasein, genannt Maske. Dennoch können solche Schlachten mit klugen Mitteln sehr erschwert werden. Aber die meisten Menschen zeigen sich, was die Wahrheitsfindung anbelangt, zu wenig Kampfeslust bereit.

„Wirkstatt Schaufenster“ geht den Weg des Idealismus und der Unabhängigkeit. Es wird mit Themenschwerpunkten für Kinder und Erwachsene erscheinen und bleibt kostenlos…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und ein KinderbuchUrsli und der Traum vom Schiff“