Kleine Geschichte von Maximilian, dem ersten Banker

Versetzen Sie sich einmal zurück ins Jahr, sagen wir mal 1642*. Lautes Marktgeschrei überall. Viele Menschen, die sich um die Stände drängeln. Da gibt es fast alles, was zu dieser Zeit gebraucht wurde: vom Schnürsenkel bis zur Lederschürze, vom Obst, über Gemüse, Fleisch, Fisch bis hin zu Werkzeugen. Messerschleifer bieten ihre Dienste an und Fahrende führten ihre wundersamen Künste auf. Mitten unter diesen Menschen sind Sie.
In einem kleinen Beutel, den Sie eng bei sich tragen, haben Sie ein paar Gold- oder Silbertaler versteckt. Sie kaufen dieses und jenes ein; das Nötigste halt, was Sie für die nächsten Tage brauchen und machen sich wieder auf – zu Fuss – um zu ihrem bescheidenen Häuschen zu gelangen, wo die hungrige Familie schon wartet. Aber unterwegs müssen Sie durch einen dunklen Wald gehen. Und obwohl es oft gut gegangen war, sollte es diesmal anders kommen: Sie werden von zwei Räubern überfallen, die ihnen ihr ganzes Hab und Gut abnehmen! Nebst den Waren, sind dies auch die verbliebenen Goldmünzen oder Silbertaler!

Solche Szenen waren in jener Zeit nicht ungewöhnlich. Es gab viele Räuber im Lande. Und man tat gut daran, achtsam zu sein, wenn man durch die Gegend reiste! Dies war auch in jener kleinen Stadt nicht anders. Aber zu der Zeit wohnte da ein schlauer Geschäftsmann. Er war von Beruf Goldschmied. Sein Name war Maximilian.

Eines Tages trat er vor das Volk auf dem Marktplatz und alsbald standen schon sehr viele Leute um ihn herum. Gebannt folgten sie seinen Gedanken. Maximilian hatte nämlich die Idee, dass alle Leute, die dies möchten, zu ihm kommen sollten, um ihr Gold und Silber sicher aufzubewahren. Der Goldschmied hatte ein grosses Haus mit dicken Mauern. Darin hatte er sich aus festem Stahl Tresore bauen lassen, genug gross, um alles Gold und Silber der Bewohner dieser Stadt aufzubewahren. Aber die Bewohner brauchten ihre Münzen um zu zahlen! Wie sollten sie darauf verzichten?! Dazu hatte Maximilian sich folgendes ausgedacht. Jeder, der ihm sein Gold oder Silber brachte, bekam dafür einen Schein, der beglaubigte, dass er oder sie rechtmässige Besitzer seines Goldanteiles war. Auf dem Papier standen der Name, das Datum der Einlagerung und der Betrag als Gegenwert des Edelmetalls und der Unterschrift.

Mit diesen Scheinen konnte nun jeder Bürger und jede Bürgerin bezahlen! Statt die schweren Münzen mit sich herumzuschleppen, hatten sie nun nur noch einen oder mehrere Papierscheine in ihren Portofeuilles! Die Idee hatte so schnell Erfolg, dass alle begeistert dabeiblieben. Sie wussten ja, dass sie ihr Gold oder Silber jederzeit abholen konnten, wenn sie dies nur wollten. Dieser Gedanke blieb in den Köpfen haften. Wozu das schwere Zeug mitschleppen, wenn der Schein doch ebenso viel Wert besass!? Zudem hatte dieser Schein noch einen grossen Vorteil. Jeder Bürger bekam obendrein am Jahresende noch einen Zusatzschein für die Lagerung der Münzen und Barren ausgestellt, der sogenannte „Zins“. Da musste Mann und Frau doch einlenken! Zwar konnten auch diese Scheine gestohlen werden, aber das transportieren und verstecken ging doch viel einfacher als vorher.

Dies war sozusagen die Geburt des Geldes! Denn nichts Anderes war Geld am Anfang, als der Gegenwert eines diesem zugrundeliegenden Wertes, meistens in Form von Gold! Natürlich hob bald niemand mehr sein Gold ab! Es blieb fortan in Verwahrung von Maximilian, der so zu der ersten Bank wurde, die es gab! Tage, Wochen, Monate, ja Jahre lag dieses Gold einfach so da herum! Es lag nutzlos und verwaist da in dunklen Tresoren und wurde von niemandem mehr begehrt! Die Zeit verging im Flug. Und Maximilian kam erneut eine grossartige Idee! Wenn doch sowieso niemand dieses Gold und Silber mehr abholte, so konnte er doch auch mehr Scheine ausgeben, als Gold und Silber gelagert waren! Die Tatsache, dass plötzlich ALLE ihr Gut wieder abholen würden, sank praktisch gegen Null. Und so kam es, dass auch niemand bemerkte, was Maximilian tat. Denn er alleine hatte die Kontrolle über den Gold- und den Geldbestand! Er vergab bald Kredite! Er füllte Scheine aus, ohne dass ihm jemand dafür Gold zum Lagern bringen musste! Dafür musste der Geldleiher ihm Zinsen zahlen. Und die wundersame Geldvermehrung nahm seinen Lauf.

Alsbald waren Jahrzehnte vergangen. Alles funktionierte bestens und der alte Maximilian übergab das Geschäft seinem Sohn. Dieser war mindestens so gewieft wie er. Er trug das Gen der Geldvermehrung in sich. Und so baute er immer mehr solche Häuser, die er von nun an «Bank» nannte. Längst waren die Scheine viel mehr geworden als das in den Tresoren gelagerte Gold! Das Gesetz, welches besagte, dass nicht mehr Geld im Umlauf sein durfte, als sein realer Goldgegenwert, wurde von einem der Familie nahestehenden amerikanischen Präsidenten Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts abgeschafft. Das Verhältnis stieg alsbald in horrende Höhen und keiner dachte mehr daran, dass früher der Gegenwert gegolten hatte. Man vergass Gold und Silber vollkommen.

Aber nach dutzenden von Generationen war man immer noch bei diesen Geldscheinen geblieben. Und der Betrug damit blieb aufrecht. Mit der Erfindung der digitalen Technik, ergaben sich plötzlich ganz neue Dimensionen! Denn von nun an, war es möglich geworden, dieses Papier, genannt Geldscheine, lediglich in Zahlen umzuwandeln! Und ein nächstes Zeitalter war angebrochen!

Das «System» hatte sich verselbstständigt. Keiner konnte es mehr aufhalten! Gold und Silber konnte man zwar noch kaufen, aber ohne Rücksicht nehmen zu müssen auf das reale Vorkommen des physischen Metalls! Dazu erfand man besondere Finanzinstrumente und nannte sie «Futures», «Hedge-Fonds» oder «ETF» usw. Von nun an wurde «gehebelt» und «leer verkauft». Das heisst, man konnte etwas kaufen oder verkaufen, was es gar nicht gab! Welch wundersames Instrument für Anleger und Spekulanten. Dadurch sanken die realen Preise oder sie stiegen zumindest nicht in dem Mass, wie man dies erwarten musste aufgrund von Angebot und Nachfrage. Diese beiden spielten eigentlich keine Rolle mehr bei solchen Finanztechniken. Alles wurde zu Papier und dann zu virtuellen Zahlen gemacht! Die Geldmenge stieg in schier unglaubliche Höhen, weil nun sogenannte «Notenbanken» jede Bank mit Zahlen und Geld beleihen konnten. Ja es kam sogar der Tag, an dem die Notenbanken den Banken sogar Geld dafür zahlte, dass sie bei ihnen Geld ausliehen. «Negativzinsen» wurden Tatsache! Man befand sich quasi in einem Schlaraffenland, wo das Geld auf den Bäumen wuchs – aber leider nicht für alle Menschen.

Währenddem die einen so hantierten und hebelten, was das Zeug hielt, schufteten die anderen sich schier zu Tode um wenigsten Hartz 4 zu kriegen! Viele gingen zu Grunde, krepierten jämmerlich. Es gab Orte auf dieser Welt, wo die Armut so gross wurde, dass sich die Menschen nicht einmal mit einem Jahreseinkommen diejenigen Schuhe kaufen konnten, die sie für die sogenannte «westliche Welt» nähten!

Die Maximilians und seine Neffen, Enkel, Urenkel und was noch alles, florierten mit den gehebelten Geldern in stinkigen Geschäften. Es kam auch vor, dass der eine oder andere Präsident von Amerika wurde oder sonst eine hohe Position innehatte. Der Krake breitete sich leider nur allzu leicht aus. Und kaum meinte man, einen Tentakel erledigt zu haben, wuchsen zwei, drei, ja tausend andere nach! Inzwischen hatten sich die Menschen aber so sehr daran gewöhnt, dass kaum mehr einer bei solchen Praktiken aufmuckte oder widersprach. Es herrschte eine Art «Bewusstseinstrübe» im Land und die meisten gaben sich damit zufrieden, dass sie ihr kleines «Schäfchen» zu ihrem Nutzen nach Hause tragen konnten. Sich das eine oder andere leisten zu können, darauf waren sie mächtig stolz. Der Staat, der ja nur allzu sehr um das Wohl der Bürger besorgt war, schüttete hin und wieder kleine Zückerchen über das lechzende Volk und konnte es damit wieder beruhigen – bis zur nächsten Wahl. Man dachte sogar eine zeitlang, man könne es aus Helikoptern abwerfen, das war so eine Art Fluggerät, welches die Menschen in jener Zeit erfanden. Solches Geld wurde dann auch „Helikoptergeld“ genannt. Nach den Wahlen verblasste alles wieder für lange Zeit.

Und wenn sie nicht gestorben sind, scheffeln sie auch heute, im Jahr 2037, immer noch schlafend ihre kleinen mühevoll verdienten Freudenschätze und überlassen das grosse Ganze gern den Verwandten Maximilians, die es langsam aber sicher zu Tode richteten, währenddem sich ihr Geld von damals locker und fast unmerklich halbierte…

*Diese Zahl soll fiktiv stehen und hat keine geschichtliche Relevanz.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

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