Kreative Spannung
Um es gleich vorweg zu nehmen, der Begriff “kreative Spannung“ ist nicht von mir, sondern von Peter M. Senge. In seinem Buch “Die fünfte Disziplin“ einer lernenden Organisation, stellt er diese Erfahrung in das Spannungsfeld zwischen Vision und Wirklichkeit. Ich möchte die Gedanken hier noch erweitern und sie in einen zusätzlichen Bezugsrahmen setzen, nämlich zwischen Objektivität und Subjektivität.
Dabei sehe ich die beiden Pole als ein Kreuz, gebildet mit der vertikalen Achse ideal und real, oder eben Vision und Wirklichkeit, sowie der horizontalen Achse mit den beiden Polen objektiv und subjektiv

Solange wir uns in der Welt der Mathematik befinden, stehen wir in diesem Kreuz in der linken, unteren Ecke, das heißt, die Urteile, welche einen mathematischen Hintergrund haben, also berechenbar fix sind, erfüllen sowohl den objektiven, wie auch den realen Zusammenhang. Sie sind nicht streitbar und absolut. Streitbar werden sie ja nur, wenn jemand falsch rechnet…
Im Gegensatz zu diesen, gibt es aber auch Urteile, die in der rechten und oberen Hälfte platziert werden müssten. Sie betreffen unsere seelische Innenwelt, beziehungsweise den persönlich gefärbten Anspruch und Geschmack. Solche Urteile sind sehr oft rein subjektiv und idealistisch. Als Menschen sind wir aufgefordert, uns im Spannungsfeld dieser Pole zu bewegen. Dieses Spannungsfeld kann durchaus positiv und aktiv genutzt werden und wird so zum kreativen Akt.
Im Lebensalltag befinden wir uns eigentlich immer in diesem Spannungsfeld, da die Dinge und Erfahrungen, die wir machen, wohl nur selten berechenbar, absolut und mit mathematischer Evidenz an uns herantreten. Insofern füllen wir unsere Begriffe meistens mit unterschiedlichen Inhalten. Sie bleiben, im Gegensatz zur Mathematik relativ, nicht absolut. Es wird schwierig werden für uns, wenn wir stets bemüht sind, unsere Gefühle und die seelischen Erlebnisse objektivieren zu wollen. Wir begeben uns dann in die Position dessen, der die Wahrheit vertritt und müssen dort mühsam für diese (unsere) “Wahrheit” kämpfen. Mit anderen Worten, wir befinden uns stets im Kriegszustand und in einer andauernden Auseinandersetzung mit der (andersdenkenden) Welt.
Seelische Erlebnisse sind oft schwammig und seicht, indifferent und vielfältig. Um sie zu verstehen, nützen Standpunkte nichts: wir müssen wohl oder übel schwimmen lernen, um ihnen näher zu treten! Wir befinden uns real immer in dieser Spannung zwischen objektiv und subjektiv. Kippen wir nach links (objektiv), so sind wir geneigt, unsere eigene Begriffswelt in einen berechenbaren Rahmen stellen zu wollen. Das ist der Standpunkt der Wissenschaft. Sie ist stets bemüht, alles dingfest und messbar zu machen, sowie Grenzen zu umreißen um sie weiter verwertbar machen zu können. Diese Bemühungen greifen zunehmend auch in innerweltliche, psychische Fragen und Aspekte des Lebens ein. Beschreiten wir die andere Seite des Pols in die subjektive Welt, so sind wir geneigt, jede seelische Regung der persönlichen, psychischen Struktur nicht nur zu idealisieren oder zu überbewerten, sondern uns darin vollkommen zu verlieren.
Wir leben niemals nur an einem Ende dieser Pole. Wir sind als Menschen stets eingebunden in diese Spannungsfelder und schwingen zwischen den Polen hin und her. Wir versuchen in der Kommunikation stets, diese Gegensätze verschiedener Gedankengänge und Empfindungsebenen verbal zu überbrücken. Schwierig ist das nicht, solange man Freude daran hat und offen bleibt der anderen Denkart gegenüber! Schwierig wird es erst dann, wenn wir geneigt sind, unseren Standpunkt für den absoluten anzuschauen. Wenn das auch bewusst kaum jemand zugeben möchte, so ist diese Praxis dennoch nicht unüblich. Das Bewahren dieses Standpunktes wird uns solange ganz gut gelingen, wenn wir miteinander mathematisch kommunizieren. Wenn wir das Urteil fällen, dass 2×2=4 ist, so werden wir damit kaum bei unseren Freunden auf Widerstand stoßen.
Ein solcher wird in politischen, sozialen oder künstlerischen Fragen mit Sicherheit schon wesentlich größer. Auch wenn man den sogenannten “gesunden Menschenverstand“ zu Hilfe nimmt (den ja jeder zu haben glaubt…), stößt man trotzdem immer wieder auf diese Gegensätzlichkeiten. Es wird in Zukunft wichtig werden, sich darüber klar zu werden, wo man im Bezugsrahmen dieses Kreuzes steht. Es geht nicht darum, das objektive Urteil über das subjektive zu stellen oder die Vision geringer zu werten als die Realität. Viel wichtiger scheint es mir, den eigenen, sowie den fremden Standpunkt zu kennen und entsprechend zu handeln. Das ist gemeint mit dieser “kreativen Spannung”. Das aber heißt auch, sich der Spannung bewusst zu werden, der wir in der Kommunikation täglich ausgesetzt sind. Wenn wir die Klarheit haben, wie die Urteilsbildung zu Stande kam oder kommt, dann werden wir gleichzeitig offener und flexibler anderer Inhalte und Gedanken gegenüber.








Gesunder Menschenverstand… vielleicht gibts den tatsächlich in einer objektiven Form, der (er)lebbar ist, wenn wir gesund durch die Welt gehen… sicher bin ich jedoch nicht…und auch darüber nicht ob es ein objektives gesund gibt.
Durchaus möglich zwar, dass wir durch unsere Klügeleien die Einfachheit des Lebens kaputt machen.
Das Leben / die Welt ist komplex aber nicht kompliziert, hat mir mal jemand gesagt…