Schlagwort-Archiv: Anthroposophie

Vom Wesen der Heilung

Heilung

„Heilsam ist nur, wenn in der Menschenseele sich spiegelt die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.“

Dieser Spruch Rudolf Steiners wird gebetsmühlenartig in tausenden von anthroposophischen Institutionen in der ganzen Welt, an vielen Sitzungen, Arbeitsgruppen usw. gelesen. Wie viel darin steckt, wird sich kaum jemand bewusst, der nicht in der Lage ist, die volle Wirksamkeit dieser Aussage daraus herauszulesen. Betreten steht man davor. Dabei geht es wohl um etwas Wesentliches, wenn nicht um das Wesentlichste der anthroposophischen Geisteswissenschaft.

Heilen als innerer Impuls

Die Ausschliesslichkeit, mit der Rudolf Steiner dieses „nur“ hinstellt, ist es, was betroffen macht. Heilsam ist also etwas NUR dann, wenn in der Menschenseele sich spiegelt die ganze Gemeinschaft. Was ist denn dieses Spiegeln? Was spiegelt sich? Doch nur die Wahrheit, die absolute Wahrheit! Oft kommt sie verzerrt daher, zum Beispiel, wenn sich etwas im welligen, gekräuselten Wasser spiegelt. Aber dennoch ist es NUR das, was schon IST, was sich spiegelt. Dass es gewellt oder gekräuselt erscheint auf der Wasseroberfläche liegt nicht am sich spiegelnden Objekt, sondern am Empfänger, dem Abbildenden sozusagen.

Übertragen auf die Gemeinschaft kann man gewiss sagen, es ist die Wahrheit dieser Gemeinschaft, die sich im Einzelnen spiegeln soll. Die Wahrheit ist das All Eine, etwas Übergeordnetes, nenne man es „Gott“ oder anders. Es geht also um das Göttliche im Menschen. Dieses Göttliche lebt in jedem Menschen gleichermassen als Wahrheit. Und diese Wahrheit spiegelt sich in jedem Einzelnen. Sie ist sowohl in meinem Mitmenschen, als auch in mir gleichermassen wirksam.

Zugang zur inneren Quelle

Nur der Zugang zu dieser Quelle des All Einen wirkt heilsam. Dieses Ausschliessliche, was Rudolf Steiner in dem kleinen NUR betont – denn es ist sicher kein Zufall oder eine unbeabsichtigte Floskel, die sich darin ausdrückt – ist sehr bedeutsam. Es zeigt eben auch, wo Heilung NICHT stattfinden kann! Überall wo diese Quelle des All Einen nicht Zugriff hat in die Taten der Menschen, findet KEINE Heilung statt. Was findet denn dort statt? Und wie merkt man, dass man den Zugriff hat oder nicht? Dies sind die wichtigsten Fragen für die Therapie, für die Therapeuten, aber auch für alle, die sich mit Menschen beschäftigen und den Anspruch haben, heilen zu wollen.

Alles Wissen, alle Erfahrung, die wir im Leben anhäufen und ansammeln, bilden so etwas wie einen kleinen Kosmos, der sich dem Grossen gegenüberstellt. Es ist ein individueller Kosmos. Es ist der kleine Himmel ähnlich dem Himmel, der ein Kücken hat, wenn es in seinem Ei drin sitzt. Dieser Himmel ist nichts anderes, als die Eischale! Aber das Kücken denkt (wenn es denken könnte), das ist meine Welt! Das ist alles, was es gibt. Erst in dem Moment, wo es diese Schale durchbricht, sieht es eine neue, andere Welt.

Lernprozesse und Wissen

In einem ähnlichen Zustand befindet sich der normale Alltagsmensch. Nur dass diese „Schale“ nicht so offensichtlich ist. Sie ist gewoben aus eben diesen Erfahrungen und dem daraus resultierenden Wissen. Dieses Wissen ist sehr wichtig! Das kleine Kind erfährt irgendwann, dass eine Herdplatte auch dann heiss sein kann, wenn man es von aussen nicht sieht. Durch die Erfahrung des Berührens wird diese Tatsache überdeutlich und eindrücklich erlebbar. Dieses Kind wird es nicht ein zweites Mal tun. Es hat aus der Erfahrung gelernt. Das Lernen ist verbunden mit Gedanken, die man sich im Nachhinein über die erlebte Situation gemacht hat. Wenn nun eine neue, ähnliche Situation auftritt, wird es vielleicht die Hand erst ein paar Centimeter über der Platte halten, um langsam abzuspüren, ob die Platte noch heiss ist oder nicht. Das Kind wird aus diesem Lernprozess heraus vorsichtiger. Der Gipfel dieser Art von Wissen ist die Weisheit, die aus Klugheit resultiert.

Und so gibt es selbstverständlich in einem Menschenleben Millionen von Eindrücke, die man „lernt“. Das Erfahrene wird konserviert und „abgespeichert“. In manchen Fällen ist das gut, in anderen weniger gut. Man stelle sich vor, wie wir Autofahren würden, wenn wir uns jedes Mal überlegen müssten, wo das Gaspedal, wo die Kupplung und wo die Bremse ist! Das wäre natürlich fatal! Die Handlungen werden durch Wiederholung automatisiert oder besser „einverleibt“. Dies geschieht im „Ätherleib“.

Spiegel in der Gemeinschaft

Was also zu unserem Besten dient, indem es zur Routine wird, ist andererseits auch eine Klippe, eine Hürde. Durch das Konservieren, schaffen wir einen Mantel um uns herum, der die Erfahrungen ihrer Reinheit entzieht. Und dies wiederum bewirkt, dass wir uns im Laufe eines Lebens wie ein Kokon einhüllen in unsere eigene Welt, die Welt unserer persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Daraus bilden wir unser Gedankenleben, bilden unsere Vorstellungen. Danach richten sich all unsere Gefühle und Handlungen. Das Fatale daran ist nicht, DASS es so ist, sondern, dass wir es nicht bemerken! Das ist das Fatale, dass wir es nicht bemerken! Wir identifizieren uns immer stärker mit diesem Kokon und meinen, das seien WIR, das sei „ICH“. Aber dieses Ich ist nicht ein reines Ich, es ist ein personifiziertes, individualisiertes Ich. Es ist ein Ich, was sich eben NICHT spiegelt in der Gemeinschaft! Denn in dieser Gemeinschaft hat jeder in dieser Beziehung ein anderes Ich! Keiner von uns ist gleich. Das ist eine Binsenwahrheit, denn jeder wird es bestätigt finden.

Befreiung aus dem Kokon

Es ist äußerst schwierig, sich aus diesem Kokon zu befreien, weil er, ähnlich dem Kücken, meint, dies sei die ganze Welt. Ich bin die ganze Welt, so meint im Grunde jeder. Auch wenn er es niemals zugeben würde, verhalten tut er sich doch meistens so. Und man wird gereizt, wenn der andere eine andere Meinung hat. Achten Sie gerade JETZT darauf, wie Sie auf diese Gedanken reagieren! – Halten Sie inne. Schauen Sie für einmal nicht auf meine Gedanken, die ich hier entwickle, sondern auf Ihre Reaktion darauf, gerade in dem Moment, wo Sie dies lesen! Vielleicht haben Sie das eine oder andere Mal den Kopf geschüttelt und waren gar nicht meiner Meinung?

Sehen Sie, das „meine“ ich. Wir leben nur noch in einer abgeschlossenen Welt unserer persönlichen Meinungen. Die Gedanken, die in uns kreisen, beziehen sich zum grössten Teil auf unsere persönliche Erfahrungswelt. Und aus DIESER Welt heraus, ist HEILUNG unmöglich!

Heilsam ist nur…

Heilsam ist nur, wenn in der Menschenseele sich spiegelt die ganze Gemeinschaft (also die GANZE Wahrheit) und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft. Letzteres tut sie nur, wenn ersteres der Fall ist, das heisst, wenn es ihr gelingt, aus der persönlichen Verhaftung herauszutreten, auf Distanz zu diesem „kleinen Ich“ zu gehen. Dies aber ist das Wesen der „Selbstbeobachtung“! In ihr ERKENNT man, welcher Herren Diener man gerade ist. Denn hinter dieser Welt stecken andere „Wesen“, die uns antreiben. Sie haben freie Bahn, solange wir sie nicht erkennen. Im wahren Ich bin Ich erst „Wahrheit und Leben“. Im kleinen Ich bin ich das nicht. Das kleine Ich kann nicht „heilen“! Denn es erreicht die andere Seele nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar. Es ist gefangen in der eigenen Identität. Heilen kann es nur sich selbst und zwar in dem Moment, wo es Selbst bewusst wird!

Konsequenz Selbsterkenntnis

Konsequenz dieser Gedanken ist, dass wir nur heilsam wirken können, wenn wir uns entwickeln. Diese Entwicklung hat nur EIN Ziel. Es ist das Finden des All Einen in uns! Der Weg geht über einen Schulungsweg, der von der Imagination über die Inspiration zu der Intuition reicht. Im letzteren schaffen wir erst den Raum, der Heilung bewirkt. Das schliesst alles bosse Wissen aus. Wissen ist IMMER sekundär. Wer das Wissen zum Primaten erhebt, verleugnet sich selbst. Wissen ist ein Trittbrett der Seele, ein Entwicklungshelfer. Es kann zur wahren Weisheit führen im Akt der Selbsterkenntnis. Wieviele Philosophen, Weise, Initiierte haben dies schon gesagt und geschrieben! Selbst dies hat man immer nur als Wissen aufgenommen und so weiter vermittelt, ohne die Tat! Es steht als Wissen neben anderem Wissen und man ist froh es manchmal zitieren zu dürfen.

Ein Ruck muss durch die Gesellschaft gehen! Bis wir zu dieser Gemeinschaft heranreifen, in der sich das All Eine spiegelt. Aber TUN können wir es jederzeit, in jedem Augenblick. Denn passieren tut es immer nur im JETZT.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

Wissenschaft: Segen oder Fluch?

Beitrag zu einer Studie über „Wissenschaft in der Anthroposophie“

“Die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit ist doch das Endziel aller Wissenschaft“ Rudolf Steiner Vorwort zu „Wahrheit und Wissenschaft“.

Es wird heutzutage viel Wert darauf gelegt, die anthroposophischen Leitgedanken Rudolf Steiners (natur-) wissenschaftlich zu belegen. Doch muss diesem Bestreben immer die Frage voraus gehen: was ist wissenschaftlich? Wie definiert sich diese heilige Kuh der gegenwärtigen Zivilisation? Und muss man ihr zwingend Folge leisten? Was erreicht man damit? 

Mit „wissenschaftlich“ verbindet man in erster Linie Objektivität und Beweisbarkeit. Beides sind relative Grössen und Begriffe. Wichtig ist der Bezug, worauf sie gerichtet sind. Eines von Rudolf Steiners Grundlagenwerken ist die philosophische Auseinandersetzung mit der Anthroposophie, die er vor allem in der “Philosophie der Freiheit“ eindrücklich darlegt. Dabei wird der Fokus nicht primär auf Objektivität gelegt, wie sie in der Wissenschaft gefordert wird, sondern auf die Verbindung von Subjekt und Objekt, und damit auf das denkende Ich, welches forscht. Das Augenmerk liegt also in der Tatsache des Forschenden und nicht primär auf dem Erforschten. Diesem Umstand wird leider viel zu wenig Beachtung geschenkt. Man unternimmt abenteuerliche Versuche, geistige Inhalte in physisch sichtbare und relevante Zusammenhänge zu pressen und vergisst dabei – sich selbst, das Instrument.

Kann man Anthroposophie im heute üblichen wissenschaftlichen Kontext “beweisen“?

Meine Antwort ist ein klares Nein: denn sie ist eben eine Geisteswissenschaft. Dem Geistigen liegen andere Gesetze zugrunde, die eine erweiterte Erkenntnisfähigkeit erfordern. Der forschende Anthroposoph mag auf diesem Weg eine gewisse spirituelle Reife erlangt haben: den Inhalt zu vermitteln und auf das alltägliche Bewusstsein herunter zu brechen, ist kaum möglich.

Der wichtigste Impuls müsste meines Erachtens nicht im Herunterbrechen liegen, sondern im Erhöhen des Bewusstseins. Der Fokus müsste auf diese Tätigkeit gelegt werden. Warum soll man beispielsweise  dem im Alltagsbewusstsein verhafteten Menschen die Tatsache eines „höheren“ Ich’s “beweisen“? Welcher Sinn liegt darin? Ist das nicht ein missionarisches Anliegen? Und wie viel fruchtet eine solche, nur auf Überzeugung basierte Erkenntnis? Vielmehr müsste letztere aus eigenem Erleben erfolgen. Damit steht die Aufgabe der Bewusstseinsentwicklung über dem Vermitteln von Inhalten. Sie beweisbar zu machen muss scheitern, wenn der Empfänger nicht die entsprechenden Antennen dafür entwickelt hat.

Das Vermitteln von Inhalten kann dem wohlwollenden Empfänger durchaus wichtige Impulse geben, die ihn auf den Pfad der höheren Erkenntnis führen. Dieser Weg liegt den meisten Anthroposophen zugrunde, die sich heute als solche bezeichnen. Die Gefahr besteht darin, dass man sich irgendwann in den Inhalten verliert. Man vergisst sich selbst und verhaftet sich mit den Objekten. Dadurch dogmatisiert sich jeglicher Inhalt, egal worauf er sich bezieht und wie hoch sein Wahrheitsgehalt ist. Mag dieses „Objekt“ Gott sein oder eine Maschine. Das Problem wird im Grunde nur dadurch gelöst, dass man in Selbsterkenntnis vor dem denkenden Inhalt erwacht.

Jede These hat eine Gegenthese

Eine weitere Gefahr dieser Art Beweisens wird dadurch geschaffen, dass sich die Empfänger nicht immer wohlwollend dem vermittelten Inhalt gegenüberstellen (wollen). Jeder im obigen Sinn geführte Beweis schafft letztlich immer eine Gegenthese. Die so ausgefochtenen Auseinandersetzungen führen nicht selten zu einer Streitkultur und zu Provokationen. Wenn nicht die Forderung zu einem erhöhten Bewusstsein besteht, sondern eine blosse Auseinandersetzung auf der physischen Ebene bestehen bleibt, so werden meines Erachtens falsche Werte vermittelt und geschaffen.

Die Frage, warum man sich auf der physischen Ebene durch nur dieser entsprechende Wissenschaftlichkeit so sehr bemüht, muss ebenfalls hinterfragt werden. Oft sind es schlicht Anerkennungsfragen, hinter denen letztendlich auch die Frage nach Finanzierung von Projekten und Initiativen steht. Würde der ideelle Aspekt in den Vordergrund gerückt, so müsste anders vorgegangen werden. Denn genau hier setzt wieder die Frage der Erkenntnis und des Bewusstseins an. Weil aber solche Projekte mit der Finanzierung, zum Beispiel der anthroposophischen Therapien, steht und fällt, ist man gezwungen, sich den Fragen der damit verbundenen Behörden und Fachgremien zu stellen. Deren Bereitschaft, sich auf „höhere“ Ebene einzulassen wird dabei wohl eher gering bleiben. Inwieweit diese schwierige Aufgabe Anpassungen erfordert, bleibt abzuwarten. Es scheint mir jedenfalls eine unheilige Allianz zu sein.

Wo liegt das Hauptmotiv der Forschung?

Doch zurück zum obigen Zitat Rudolf Steiners. Die Grundsatzfrage müsste doch immer lauten: was ist das Hauptmotiv, warum jemand Wissenschaft betreibt? Nicht die blosse Tatsache, dass man wissenschaftlich sei ist gefragt, sondern warum? Man kann sich gut vorstellen, dass jemand durch Wissenschaft sich Vorteile verschaffen will. Das Motiv könnten wirtschaftliche Vorteile sein oder Machtvorteile. Ebenso gut können Emotionen im Spiel sein, die so etwas wie Befriedigung verschaffen gegenüber anderen, Stolz, Schadenfreude uvm. Im Umfeld solcher Bedürfnisse muss man sich fragen, wie weit man gezwungen wird, mitzuhalten.

Das Motiv der “Erhöhung des Daseinswertes“ hat natürlich eine ganz andere Relevanz. Hier geht es nie um Zwang, sondern um die Freiheit. Es geht um die reine Erkenntnisfrage. Der Druck der Anforderung von Wissenschaftlichkeit macht sich vor allem dann breit, wenn es um Finanzierung von Leistungen geht. Dahinter steckt fast immer die Nutzenfrage. Was nützt diese oder jene Therapie, diese oder jene Methode. Die Therapie mag noch so viele empirische Erfolge aufweisen, bewiesen ist sie im naturwissenschaftlichen Kontext natürlich nicht. Damit tun sich selbst pharmazeutische Firmen oft schwer. Wenn ein Medikament, welches 15000.- CHF im Monat an Behandlungskosten verursacht, zu dem Ergebnis führt, dass das Leben des Behandelten (vielleicht) 10 Monate verlängert wird, so liegen die Fakten der Beweisbarkeit doch auf einer dünnen Eisschicht? Zudem kann es kaum jemand anders beweisen, als diese Firma selbst.

Der wissenschaftliche Anspruch

Auf der Grundlage solcher Problematik entsteht oft der wissenschaftliche Anspruch in der Medizin, aber auch anderswo. Nur dass Bedingungen für alternative Methoden oft deutlich resoluter sind. Vor diesem Hintergrund erkennt man erst recht, wie sehr das Motiv der Wissenschaft im Zentrum stehen muss. Ist sie eine blosse Reaktion auf diesen äusseren Druck oder ist sie innerstes Erkenntnisbedürfnis?

Rudolf Steiner ergänzt seine Bemerkung in „Wahrheit und Wissenschaft“ folgendermassen: “…wer letztere (die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit) nicht in dieser Absicht betreibt, der arbeitet nur, weil er von seinem Meister solches gesehen hat, er “forscht“, weil er das gerade zufällig gelernt hat. Ein “freier Denker“ kann er nicht genannt werden.“ – und weiter: “Aber vielleicht verlangt die Wissenschaft der Gegenwart gar nicht nach ihrer philosophischen Rechtfertigung! Dann ist zweierlei gewiss: erstens, dass ich eine unnötige Schrift geliefert habe, zweitens, dass die moderne Gelehrsamkeit im Trüben fischt und nicht weiss, was sie will“.

Praktische Fragen

Selbstverständlich sind solche Aussagen und Ideale über philosophische Grundforderungen Allgemeinplätze, idealistische Abhandlungen, die den wahren Kern der Wissenschaft tatsächlich oft verfehlen. Deshalb muss man wohl ins Praktische eintauchen, um der Sache näher zu kommen. Eine wissenschaftliche Frage, die heute sehr aktuell ist, könnte zum Beispiel lauten: wie reagieren Krebszellen auf verschiedene Stoffe. Um dies zu erforschen, entnimmt man üblicherweise die Zellen ihrem lebendigen Organismus und verlagert das Geschehen nach aussen. Dann fügt man diesen isolierten Zellen verschiedene Stoffe zu und rapportiert den Verlauf des Prozesses akribisch. Dabei gibt es Stoffe, die sich für den Krankheitsverlauf positiv auswirken und andere die einen negativen oder gar keinen Effekt zeigen.

Aufgrund solcher Studien werden Medikamente hergestellt. Weil der Stoff im Medikament aber nicht isoliert zur Wirkung kommt, sondern im lebendigen Zusammenhang mit einem Ganzen steht, gibt es nicht berechenbare Nebeneffekte: Sogenannte “Nebenwirkungen“ sind die logische Konsequenz davon. “Bitte lesen Sie die Verpackungsbeilage“…

Die Dimension des Lebens

Dieses Beispiel zeigt auf, dass der naturwissenschaftlichen Forschung eine wichtige Dimension fehlt, nämlich jene des Lebens. Um aber dahinter zu kommen, welche Wichtigkeit diese fehlende Kraft in der Forschung hat, müsste der Forschende sich grundsätzliche Fragen, nämlich philosophische, stellen! Erst über den Umweg einer philosophischen Fragestellung gelangt man zu neuen Forschungsaspekten. Da jedoch die Erkenntnis einer “Lebenskraft“ dem Beweis derselben vorangehen muss, setzt dies die Offenheit und Unvoreingenommenheit des Forschers voraus!

Und genau dieser Schritt müsste von der “anderen Seite“ getan werden, bevor man eine Beweissituation schafft! Genau an dieser Hürde scheitern die meisten Versuche aller Erklärungen. Deshalb wird sich jede Art von wissenschaftlicher Tätigkeit im spirituellen Bereich gezwungenermaßen schwer tun, wenn sie auf die materiell ausgerichtete physische Wissenschaft trifft. Das Dogma des Materialismus ist der grosse Verhinderer fruchtbaren Zusammenwirkens. Es ist der grosse Schatten dieser Art von Naturwissenschaft, der sich zu allem Übel schon im Ansatz ein unwissenschaftliches Fundament für den Dialog schafft!

Auch dieser Aspekt zeigt einmal mehr auf, dass der ideelle Überbau eine Erkenntnisfrage und somit auch eine Bewusstseinsfrage ist. Auch auf diesem Weg stossen wir wieder auf einen ähnlichen Grundsatz. Dieser steht über allem wissenschaftlichen Forschen.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

Kann das wahre Ich bedroht werden?

Das Ich kann nicht bedroht werden. Es kann höchstens verdeckt werden. Dieses, was man in anthroposophischen Kreisen das „Ich“ nennt und als „Wesensglied“ bezeichnet, muss in seinem Wirken auf der Erde als „Ich-Organisation“, nicht aber als das wahre Ich selbst verstanden werden. Die Hülle, die diesen „reinen Geist“ umhüllt, kann verdeckt sein, kann zugepflastert sein mit allem möglichen Seelen- und Erdenkram. Aber verletzbar ist reiner Geist nicht, sonst wäre er nicht rein! Genauso wenig kann der Nebel die Sonne verletzen.

Es ist so viel zu hören von der „Verletzung des Ich“ als grösste Bedrohung der Menschheit. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat sein geistiges Erleben in Worte fassen müssen. Das bedingte, dass er ein Begriffssystem schaffen musste, welches quasi als Übersetzung von (real geistigen) Dingen diente, die in direkter Weise über das Denken keinen Zugang zu vermitteln vermögen. Den Oberbegriff „Anthroposophie“ hat er gleichfalls in diesem Sinne verstanden haben wollen, nämlich als ein lebendiges Wesen. Das Denken ist ein Wegbereiter. Solange es jedoch nur Inhalte schafft, verbindet, kombiniert, analysiert und interpretiert, befindet es sich ausserhalb reinen Geisterlebens, wie es dem „wahren Ich“ (das ist, reinem Geist) zugänglich ist. Ein solcher Zugang findet erst statt, wenn man das „Nadelöhr“ durchschreitet und an der Wurzel, am Entstehen, an der Quelle des Denkens angelangt ist. Der „Logos“ – der in manchen Übersetzungen auch als „Ursprung des Denkens“ verstanden wird und welcher, gemäss Johannes 1. Vers 1 am Anfang (von ALLEM) gestanden haben soll – meint genau dies.

Der Verstand als Endprodukt aller Weisheit

Wenn Steiner in diesem Sinne von „Wesensgliedern“ spricht, dann gibt er Unterscheidungen preis, die in dieser Art und Weise (aus der Sicht des Geistigen) nicht getrennt erlebt werden! „Ätherleib, Astralleib und ebenso der physische Leib“ sind zwar „Glieder“, aber doch niemals getrennt! Das Ich schon gar nicht. Gerade hier zeigt sich doch die All-Einheit der Dinge im Menschengeist. Das Bewusstsein muss dies alles trennen, um es verstehen zu können! So gelangt man immer wieder zum Verstand als Endprodukt aller Weisheit. Man muss aber dieses Nadelöhr durchschreiten, will man mit unmittelbarem Erleben etwas vom „Jenseits“ erfassen. Doch auch hier, in diesem bescheidenen Beitrag, stehen Begriff an Begriff, Gedanke an Gedanke gereiht. Wie also soll das gehen? Eigentlich unverstanden und seelenlos muss in dieser Weise alles werden, was sich dem Verstand unterordnet, wenn es nicht wieder zurückverwandelt wird in wahre Geistsubstanz. Und weil das wahre Ich eben solche Geistsubstanz ist, kann es nicht verletzt werden. ES IST ALLES. Sowenig wie Gott – oder wie man diese Energie nennen will – verletzt werden kann, so wenig kann dieses „Ich“ verletzt, bedroht werden, insofern es eben diesen reinen Geist darstellt. Vielmehr wird dieses Ich UMHÜLLT. Alles, was sich als Hülle zeigt, wird wahrgenommen und verarbeitet. Das ist „Normalzustand“. Und der ist wirklich SEHR normal. Das Hüllenwesen muss viel mehr gesehen werden! Denn wer seine Hülle sieht, ist schon nah am Zentrum!

Nur wahre Selbsterkenntnis ist der Weg

Um aus dem Teufelskreis des Verstandes auszubrechen, um ihn sozusagen zu „überwinden“, muss man sich in der Selbstbeobachtung üben. Denn was aus uns spricht, wird zwar auch „Ich“ genannt. Aber es unterscheidet sich von eben diesem reinen Geist genauso, wie der Nebel sich von der Sonne unterscheidet. Ist man im Nebel drin, meint man, es gäbe keine Sonne, wüsste es der Verstand nicht! Das Licht verschwindet, wird milchig und undurchsichtig, getrübt. Alles, auch jede anthroposophische, buddhistische, christliche Terminologie, was auch immer, entfernt sich in dieser Weise vom eigentlichen (erlebten) Sonnenlicht. Alle beschreiben diese „Sonne“, das „Höhere“, das „Wahre“, die „Mitte“, aber eben immer nur aus der Sicht des Benebelten. Es werden Worte gestammelt und jeder und jede versteht darunter wieder etwas anderes. So wird gestritten, weil man über etwas spricht, wovon man keine eigene Erfahrung hat. Es werden verbitterte Kriege geführt um sein Recht durchzusetzen! Und diejenigen, die die echten Erfahrungen hatten und nun wieder in Worte übersetzen müssen, verzweifeln fast daran, weil sie spüren, dass sie niemals imstande sind, das Erleben in dieser Weise UNMITTELBAR kundzutun. Ein fürchterliches Drama… denn Worte allein nützen letzlich NICHTS!

Der Anfang aller Selbsterkenntnis ist deshalb eine Erkenntnis der Hülle von einer „tiefer liegenden“ Hülle. Das ist deswegen noch kein „reiner Geist“, auch wenn man dies meint! Das „Hocharbeiten“, oder besser: “in die Tiefe arbeiten“, ist sozusagen der Erkenntnisweg, der einem das gewöhnliche Leben schon bietet. Es ist ein Ringen um einen immer „höheren“, besser “tieferen“, Standpunkt. Am „Ort“ des „wahren Kerns“, und das kann nur die Geistes-Gegenwart sein, stellt sich Stille ein… das ist erst die wirkliche Er-Leuchtung, die erste Stufe höherer Erkenntnis hat begonnen… wir stehen am ANFANG höherer Geist-Erkenntnis…

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Gespräch mit Rudolf Steiner

rudolf-steinerZum 154. Geburtstag Rudolf Steiners (1861-1925)…

Virtueller, in künstlerischer Weise gestalteter Dialog mit Rudolf Steiner zur heutigen Weltlage und der persönlichen Situation des anthroposophischen Impulses. Das Thema will zu einem Dialog über die „Anthroposophie“ Rudolf Steiners (und darüber hinaus) anregen. Es folgen Fortsetzungen…

UW: Herr Doktor Steiner, ich bedanke mich herzlich, dass Sie sich die Zeit nehmen, dieses Gespräch zu führen!

RS: Ich bedanke mich!

UW: Etwas, was  mir seit Jahren auf dem Herzen liegt und mich sehr beschäftigt, und was ich Sie gerne zuerst fragen möchte, ist folgendes. Wenn ich heute in die Welt schaue und all die Ereignisse um mich herum wahrnehme, die tagtäglichen menschenfeindlichen Geschehnisse, so kommt es mir vor, als ob es nicht gelingen will, wirkliche und nachhaltige Fortschritte im Sinne der von Ihnen initiieren Anthroposophie wahrzunehmen. Zumindest was die Entwicklung der einzelnen Menschen angeht, kann man doch gewiss ein paar Fragen stellen. Die Verstrickungen in die festgefahrenen materiellen Verhältnisse, die vielen Kriege und Missstände, scheinen mir so komplex, unüberbrückbar und unverrückbar geworden zu sein, dass ich den Sinn und Zweck einer anthroposophischen Geisteswissenschaft, wie sie heute betrieben wird, nicht mehr richtig nachvollziehen kann. Wenn Sie nun heute, als Begründer dieser weltweiten Bewegung, hineinschauen in deren Wirken und Tun, was wäre das allerwichtigste und aller dringlichste, was Sie den Menschen, die sich damit verbunden fühlen, sagen möchten?

RS: Diese Frage scheint mir durchaus berechtigt! – Denn tatsächlich ist es ja so, dass sich nach meinem Tode so manche Dinge zugetragen und verzerrt haben und in verschiedene Richtungen auseinander getrieben wurden. Das ist der Preis dafür, dass man vielerorts selbst nicht mehr zusammenhalten kann, was zu meinen Lebzeiten noch an der eigenen Person „gemessen“ werden konnte. Aber genau dieses „Messen an einer anderen Person“, ist das allerschlimmste, was passieren kann und konnte. Die Inhalte der von mir damals „Anthroposophie“ genannten Geisteswissenschaft, blieben als Reste in allem zurück, was davon schriftlich in einem für die damaligen Verhältnisse angepassten Begriffssystem, übrig geblieben ist. Damals war aber eine ganz andere Zeit und es galten andere geistige Gesetze als heute! Das gilt es zu erkennen! Heute müsste alles viel unmittelbarer und direkter und mit großer Einfühlung in die Verhältnisse geschehen. Es dürfte nichts mehr in der gleichen Weise an den von mir seinerzeit vermittelten Inhalten hängen bleiben. Das liegt allerdings mehr an der Verwandlung der Begrifflichkeit, als am damals vermittelten geistigen Kern der Aussagen und Erkenntnisse.

UW: Können Sie uns diesen Punkt noch etwas genauer erläutern?

RS: Gut, ich gebe ein Beispiel: Die von mir im Jahre 1894 geschriebene „Philosophie der Freiheit“, war der Einstieg einer denkend durchdrungenen Gesinnung und Geisteshaltung, die, richtig verstanden, zur Schwelle einer dahinter, im verborgenen liegenden – für das normale Bewusstsein nicht zugänglichen, nicht materiellen – geistigen Welt führen sollte. Es war der Versuch, auf philosophischem Wege, heranzuführen an diese Schwelle. Alles dasjenige, was ich im Weiteren schrieb und vorgetragen hatte, sollte an dieses Schwellenerlebnis anschliessen, was jeden nach Erkenntnis strebenden Menschen in seinem tiefsten Wesen ansprechen sollte. Das Durchschreiten dieses Nullpunktes, dieses Nadelöhrs aus dem philosophischen Kontext heraus, war aber dasjenige, was ich für den Zeitgeist und dem wissenschaftlichen Verständnis am Ende des 19. Jahrhunderts für das dringlichste empfunden habe. Um von Innen her an die Inhalte heranzukommen, im Nacherleben heranzukommen, die ich den Menschen damals mitteilte, musste die künstlich gezogene Grenze des Dualismus von der zur Selbsterkenntnis drängenden Seele durchbrochen werden. Der Begriff „Anthroposophie“ war schlicht die Weiterführung der bis dahin auf dem Erkenntnisweg geltenden Philosophie. Er ist, wie alle Begriffe, zugleich zu einem Hindernis geworden und ich hätte ihn am liebsten täglich neu erschaffen! So wie alles, was sich daraus ergibt, immer nur im eigenschöpferischen Nachschaffen und Neubilden, in einer Art „ethischem Individualismus“ und durch „moralische Impulse“, möglich wird. Daraus enstehen stets neue und überraschende, freie Erkenntnisse, die jeder für sich aber erst mit der jeweiligen eigenen „moralischen Technik“ erschaffen muss, bis sie tätig umgesetzt werden kann. Nur wer sich in diesem Sinne an der Schwelle befindet – oder wer sie überschreitet und in diesen Innenraum eintreten kann – ist im wahren Sinne ein „Anthroposoph“, also einer, der der „Weisheit des Menschen“ von innen heraus erlebend gegenübertreten kann.

UW: Erlauben Sie mir die Frage: Inwiefern wird denn in diesem Kontext heute, aus Ihrer Sicht betrachtet, „Anthroposophie“ betrieben und in diesem von Ihnen gemeinten Sinne weitergeführt?

RS: Weitergeführt werden kann sie ja nur aus der Innenschau heraus. Das heißt, aus dem Erleben heraus! „Anthroposophie“ ist ja eigentlich eine Erfahrungswissenschaft. Sie erfordert Erkenntnisse der sogenannten „höheren Welten“ (auch das sind ja alles zunächst nur Begriffe!). Das meiste, was ich heute wahrnehme, ist noch immer an das Erleben dessen gebunden und verhaftet, was ich in der damaligen Terminologie die „Verstandes- und Gemütsseele“ nannte. Das heisst, es besteht aus einem analytischen und kombinierenden Zusammenreimen von verschiedenen Inhalten, im Sinne des metaphysischen Realismus. Dabei sind die einzelnen Inhalte durchaus richtig, aber es fehlt das „geistige Band“, beziehungsweise die Bewusstwerdung der bereits schon im Erkenntnisakt betriebenen ideellen Gedankengebilde, die der metaphysische Realist vergisst! Dieses „geistige Band“ kann nur über das eigene Nacherleben – in der Selbsterkenntnis – geschaffen werden. Was sich in dieser Weise, der „Verstandesseele“ offenbaren kann, sind nur sehr eingeschränkte, fragmentierte Erkenntnisse, die sehr schnell auch in Verirrungen und Wirrnisse führen können, weil das verbindende Glied fehlt. Der Intellekt erfordert in diesem Sinne keine Erlebnisse, denn er kann auch ohne diese seine Schlüsse ziehen! Genauso wie die materielle Welt, die „Dinge an sich“, ebenso gut ohne unsere Erkenntnisse existieren können.

UW: Was muss denn heute getan werden, damit die Anthroposophie wieder den Faden aufnehmen kann, der verloren zu sein scheint?

RS: Der geistige Faden ist es, der wieder gefunden werden muss. Das heißt nicht weniger, als dass eine neue Erkenntnisstufe erreicht werden muss. Dazu ist aber dringend notwendig, dasjenige zu erreichen, was ich damals mit dem Begriff „Bewusstseinsseele“ in Verbindung gebracht habe. Es ist heute dringender denn je geworden, diesen Schritt wirklich und bedingungslos zu tun! Die Bewusstseinsseelenentwicklung in diesem Sinne verlangt zunächst Selbstbesinnung und dann Selbstbeobachtung. Das Zurückgehen von all den Inhalten und Gebilden, die man sich wie eine neue Sprache angeeignet hat, das Zurückgehen auf sich selbst, auf die Tätigkeit im eigenen Seelenleben, auf die Gedanken und Gefühle, die in jedem Menschen leben, konsequent zu beachten. Diese Art von Selbstbesinnung, wie ich sie auch in meiner „Geheimwissenschaft im Umriss“ damals beschrieben habe, ist der entscheidende Schlüssel auf dem Wege zum Erleben einer geistigen Realität. Alle andere Erfahrung ist stets umhüllt von den Vorstellungen und Gedankengebilden, die wir uns selbst auferlegt haben im Laufe unseres Lebens. Sie werden dem wissenschaftlichen Anspruch der geistigen Erkenntnis nicht gerecht und finden keinen rechten Boden auf der neu zu erwerbenden Stufe der Bewusstseinsentwicklung des Menschen

UW: Wenn das Wirken der Anthroposophie in diesem Sinne gefasst werden soll, dann stellt sich mir die dringende Frage nach einer Erneuerung der Bewegung und wie sie sich auf diese direkte Art und Weise diesen neuen Boden schaffen soll. Immerhin sind die Wurzeln tief im Boden der bloßen Ideenwelt bereits weit ausgetrieben.

RS: Die Wurzeln müssen auch dort tief verankert sein. Wenn daraus aber etwas entstehen soll, was die Sphäre der bloßen Ideenwissenschaft überwindet, dann muss das bereits Errungene zuerst völlig losgelassen werden. Das Wissen, welches angesammelt wurde und die festgefahrene, überfüllte, abstrakte Terminologie, muss neu aus jedem Menschen durch eigene Erlebnisse, geschaffen werden. Was als „geistiger Zusammenhang“ nur mit dem Verstande begriffen wird, jedoch jeglicher Erfahrung entbehrt, bildet nicht nur Schleier, sondern Krusten vor dem geistigen Schauen. Es verdeckt und verhüllt das Wesentliche und verhindert genau dasjenige, was gesucht werden will… (—.— längeres Schweigen)

UW: Doktor Steiner, Sie beschrieben in dem eben von Ihnen genannten Buch „Geheimwissenschaft im Umriss“ den Weg zu geistiger Erkenntnis so, dass Sie davon erzählten, die Dinge dieser geistigen Welt müssten zuerst geschildert werden, bevor man dort selbst durch eine meditative, spirituelle Schulung in rechter Weise eintreten könne. Es stand dort folgendermaßen geschrieben: „Wer, ohne auf bestimmte Tatsachen der übersinnlichen Welt den Seelenblick zu richten, nur „Übungen“ macht, um in die übersinnliche Welt einzutreten, für den bleibt diese Welt ein unbestimmtes, sich verwirrendes Chaos“. Das war ja auch der Grund, weshalb Sie den praktischen Teil in diesem Buch, das ja so etwas wie ein Gesamtüberblick der Anthroposophie darstellte, dem inhaltlichen, theoretischen Teil hinten anzustellen.

RS: Heute würde ich den Begriff „Geheimwissenschaft“ durch „Geisteswissenschaft“ ersetzen, also „Geisteswissenschaft im Umriss“ oder besser „Anthroposophische Geisteswissenschaft im Umriss“ Denn geheim ist im Grunde nichts darin. Es sind „offenbare Geheimnisse“, die sich durch das entsprechende Bewusstsein jedem erschließen können, der sich darum bemüht.
Doch nun zu Ihrer Frage: Diese Abfolge machte ich allerdings mit Bedacht. Liest man jenes Buch genauer, so wird man die Sache doch etwas differenzierter ansehen müssen. Der „theoretische Teil“, wie Sie es nennen, will eben bereits weit über dasjenige hinausgehen, was bloße Theorie im intellektuellen Sinne meint. Nicht darauf kommt es an, dass man den Inhalt nur gedanklich aufnimmt und als Wissen verwertet. Das genau tut im üblichen Sinne die Verstandesseele. Was für das praktische Leben durchaus sinnvoll und richtig ist, gilt nicht für das Aufnehmen der vorgetragenen übersinnlichen Inhalte. Vielmehr lebt sich der sich selbst gewahrende Geist im selbstbewussten Aufnehmen solcher Inhalte alleine durch das Mit-Denken erkennend und empfindend in den Inhalt ein. Das ist im Grunde schon der erste, aber sehr wichtige Schritt hin zur Geistesschulung. Auf diesem Weg werden Inhalte nicht dogmatisch übermittelt und weiter gegeben, wie man vielleicht meinen könnte. Vielmehr wird der Leser Miterkenner durch Selbstbesinnung. Dadurch wird nicht der Verstand angesprochen, ebenso wenig eine unterschwellige suggestive Ebene, sondern der sich selbst erkennende Mensch. So gesehen beginnt die Geistesschulung bereits in der Wahrnehmung der Welt.

Es folgen weitere Teile…

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft? und über Kunst – ein kreatives Thema… und noch ein Kunstbuch mit dem Titel: Form-Lust

Freiheitsaspekt in der (anthroposophischen) Kunst

GoetheanumViele Menschen verstehen unter Freiheit zunächst jene nach dem bedingungslosen „tun und  lassen können, was man will“. Das ist sozusagen die „Freiheit vom Einfluss der Anderen“, von einem anderen Menschen, einem Gesetz oder einer Mode usw. Diese Freiheit ist bei dieser Darstellung nicht gemeint, sondern eine persönliche „innere Freiheit“. Also die Freiheit des eigenen Ich vor Konventionen, Modeerscheinungen, Traditionen und von den eigenen festgefahrenen Vorstellungen und Ideen.

Dies verlangt – wie immer in solchen Fragen – Selbstreflexion, aber davon soll jetzt nicht die Rede sein…

Freiheit ja! Aber von was?

Als ich vor über 30 Jahren selbst als konventioneller, junger Architekt eine Reihenhaussiedlung im Kanton Luzern plante, fand ich es total aufregend, als ich den 60-Grad und den 45-Grad Winkel für Balkongeländer „entdeckte“! Damals wusste ich etwa so viel von Anthroposophie und anthroposophischer Kunst, wie ein Schornsteinfeger vom Tiefseetauchen, aber dennoch glaubte ich mich damit aus einem dogmatischen Engpass befreit zu haben und fühlte mich den anderen „Stümpern“, die halt „noch nicht so weit waren“, überlegen.  Auch wenn das jetzt doch sehr überspitzt dargestellt ist (ich hoffe man spürt die Selbstironie), eines ist Tatsache: Man hat sich in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten, natürlich auch aus ganz pragmatischen Gründen der Materialkunde – und aus Kostengründen – so sehr an das Dogma des rechten Winkels gewöhnt, dass man sich zum Vornherein schon sämtliche Denkmöglichkeiten nach anderen Gestaltungsaspekten „verbaute“. Zudem sind Häuser ja meistens auch nicht als „Kunstwerke“ angesehen worden. Dennoch könnte man diesen Anspruch bestimmt stellen und das wird ja auch vermehrt getan. Und was hier für die Häuser gilt, kann durchaus auch in anderen Bereichen als formales Prinzip verstanden werden.
Als man vor einigen Jahren in der neueren Kunstszene den Würfel wieder entdeckte (es gibt dutzende prominente Beispiel dafür), schien mir dies wie ein Hohn auf die künstlerisch-formale Entwicklung zu sein. Man wurde sich wie es scheint irgendwie bewusst, dass man sich in den rechten Winkel und in die überzogen klare, oft kalt wirkende Linie „förmlich“ verschossen hatte. Und man fand das so sexy, dass man glaubte, eine Art Renaissance des Bewusstseins vom rechten Winkel und der „Schlichtheit“ zelebrieren zu müssen. Das Gefühl hat im Grunde bis heute angehalten, auch wenn es kaum so formuliert wird.

Anthroposophische Kunst

Viele tun sich in diesem Zusammenhang zum Beispiel schwer damit, dass bei den Anthroposophen die Häuser alle scheinbar den rechten Winkel vermeiden. Sie finden das furchtbar dogmatisch. Es sei quasi eine anthrovorgeprägte, fixe und festgefahrene Idee. Sie fragen sich, warum man denn das tue. Der so geprägte typische „Anthro-Stil“ wird einem rituell-esoterischen Akt zugesprochen, der mit einem bestimmten Menschenbild zu tun habe. Das kann man in gewisser Weise so sehen, stellt sich nur die Frage: in welcher Hinsicht? Nun haben diese Kritiker offenbar überhaupt keine Mühe damit, dass die meisten ihrer Häuser nur immer den rechten Winkel bevorzugen. Das hingegen finden sie überhaupt nicht dogmatisch. Und es hat natürlich nichts mit ihrem Menschenbild zu tun – und esoterisch ist es schon gar nicht…
Das fühlt sich etwa so an, wie dieser Spruch aus der Bibel, wo der eine den Splitter im Auge des anderen kritisiert, aber den eigenen (vermutlich rechtwinkligen…) Balken vor seinen Augen nicht wahrnimmt. Die Frage, was denn die anthroposophische Kunst mit Freiheit (im Sinne der zweit genannten) zu tun habe und was doch seit Steiners „Philosophie der Freiheit“ ihr zentrales Anliegen sein müsste, ist damit natürlich noch nicht geklärt. Aber die Blickrichtung, in die es gehen soll, wird an diesem Beispiel einigermaßen deutlich vorgezeigt.

Das geistige Potenzial in der Kunst

Was bitte soll denn das „Esoterische“  (im Gegensatz zum „Exoterischen“ – in die Aussenwelt gerichteten) in diesem Kontext sein? Eigentlich ist alles in der Welt immer zuerst als „Potenzial“ vorhanden: Ideen, Gefühle, Vorstellungen. Das haben schon Quantenphysiker wie der bekannte, kürzlich verstorbene Professor Hans-Peter Dürr erkannt. Was konkret geworden ist, hat die Ebene des Potenziellen, des (freien) Gestaltungswillens verlassen und verloren. Das geistige Potenzial ist in diesem Moment abgeschlossen, verewigt, vergewaltigt – ist absolut fertig, quasi „versteinert“, wenn es in die  endgültige, (materiellen) Form gegossen wird.
Freiheit in der Kunst würde adäquat bedeuten, Prozesse offen zu lassen. Die Möglichkeiten, die „in Potentia“ existieren, so lange heraus zu zögern wie möglich, den „Gerinnungsprozess“ in die Form, der ja gleichzeitig ein Verhärtungsprozess ist, zu bremsen und zu entschleunigen. So würde der Ausdruck mehr differenziert, verfeinert und mit einem Inneren abgestimmt.
Wenn wir z. B. sagen, das Gefühl der Lust wollen wir zum Ausdruck bringen, und wir drücken es als Würfelform aus, dann könnte man den Künstler vielleicht nicht ganz ernst nehmen. Wenn er dann das Prinzip Hoffnung ebenfalls durch einen Würfel darstellte, dann kämen doch einige zusätzliche Fragen auf. Würde er schließlich auch das Gefühl der Liebe wieder nur als würfelartiges Gebilde darstellen, dann würde wohl nur noch ein allgemeines Kulturgelächter übrig bleiben. Man würde berechtigterweise an der Kompetenz des Künstlers Zweifel haben, weil die ihm zur Verfügung stehenden Mittel der Umsetzung seiner Themen in diesem Fall sehr beschränkt wären oder besser gesagt: weil er immer nur sich selber, seinen Tick, seine Masche, seine eigene Verkalkung oder die Versklavung an eine Modeerscheinung zelebriert. Wenn dies auch pointiert dargestellt ist, so hat das aufgeführte Beispiel trotz seiner Überzogenheit nicht ganz daneben gegriffen. Vielleicht würde dem Künstler zu jedem Thema tatsächlich ein anderer „Einfall“, eine andere Vorstellung kommen, oder er würde sich schon gar nicht solchen „Themen“ stellen wollen. Vielleicht würde er etwas konstruieren, etwas zusammenbauen, ein Symbol, eine Idee nachbauen (lassen), die er oder sie gegoogelt hat, etwas „was zum Denken anregen soll“ usw.

Prozess der „Materialisierung“

Jetzt kann man fragen: „Was hat der denn immer mit seinen Würfeln! Das scheint wohl sein eigenes Problem zu sein!“ Gewiss gibt es mannigfaltige Kunstformen, die nichts mit einem Würfel zu tun haben. Es geht mir hier auch eher um ein Prinzip. Als Symbol gedacht, kann man das Beispiel als ein Synonym für alles verwenden, was eine Art Einschränkung der Gestaltungsmöglichkeiten im umfassenderen Sinne bedeutet.
Die Ausdrucksweise eines Künstlers müsste nach meinem persönlichen Empfinden Rechenschaft darüber abgeben, was Forminhalt werden soll: Eine Art Abgleichung von Forminhalt und dem dahinter stehenden inneren „Potenzial“ müsste passieren. Er würde möglicherweise nie umfassend an dieses herankommen, aber er würde es durch immer neue Versuche mit dem Inneren abstimmen wollen, weil es ihn schlicht dazu treibt, dies zu tun. Denn das Potenzial ist eine in ihm wohnende geistige Realität, die sich durch sein künstlerisches Tun in der Materie Ausdruck verschaffen will.
Auf der Suche danach wird er vielleicht in viele irrige Vorstellungen verwickelt werden, wird mannigfaltige Gefühle wie Zweifel und Ängste, aber auch Überheblichkeit, Stolz oder Arroganz durchleben. Eines Tages wird er aus der künstlerischen Krise heraus vielleicht dahinter kommen, dass seine automatisierten und biografisch bedingten Vorstellungen nie die Wirklichkeit dieses seines inneren Potenzials freigelegt haben, sondern nur immer Schein waren, dass sie das wahre Sein eher verdeckt haben! Umso mehr müssen die ihm zur Verfügung stehenden Mittel fortan ausgeweitet, der Prozess der „Materialisierung“ (im Stoff) gebremst werden, damit er den Zugang zu dieser „heiligen“ Quelle erreichen kann.

Keine neuen Dogmen schaffen

Um auf das obige Beispiel zurückzukommen, müsste man davon ausgehen, dass ihm mit einem grösseren Spektrum an Vielfalt, ein grösseres Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen würde und er somit diesem Inneren besser und umfassender Ausdruck verschaffen kann. Hat er zwischen 1 und 360 Grad, also im Prinzip alle Winkel, zur Verfügung, so kann er seiner Inspiration näher kommen als derjenige, welcher eben nur den einen Winkel, nämlich den „rechten“ (den er sich selbst vorschreibt), zur Verfügung hat. Selbst wenn der letztere die „Entdeckung des Lebens“ macht und noch den einen oder anderen Winkel dazu nimmt, so bleibt er doch immer noch aussen vor. Man könnte selbstverständlich in gleicher Art und Weise von einem Farben-Spektrum statt von Winkeln, oder von anderen Medien sprechen.
Dies ist aus meiner Perspektive der wesentlichste Aspekt in der anthroposophischen Kunst, sozusagen die „Esoterik“ dahinter. Er steht über jedem intellektuellen Konzept. Die Krux ist allerdings, dass man eben NICHTS zum Dogma machen darf! Weder das „Rundumpanorama“, noch der linear-fixierte eine Blickwinkel oder anderes. Die Verfügbarkeit des möglichst grössten Potenzials zur Umsetzung eigener, innerer Impulse ist entscheidend und nicht ein gedankliches Konzept, selbst dann, wenn es pseudoesoterisch klingt. Insofern geht es immer ums Erleben und nicht nur um individualisierte, persönliche Vorstellungen und Konzepte; ja nicht mal nur um diejenigen Gefühle, die sich an diesen Vorstellungen orientieren. Wenngleich diese Vorstellungen, wenn sie zu „individualisierten Begriffen“ werden, quasi erst das „Salz in der Suppe“ bilden und die künstlerische Entfaltung ermöglichen, so sind sie doch immer nur die „Greifarme“ einer dahinter liegenden geistigen Potenz.

Fazit: Welche Einschränkungen, Modeströmungen oder andere Hürden man sich selbst bei diesem Prozess auch immer verschafft: dieses „Erleben“ in die materielle Darstellung hinein zu zwängen, oder es atmen zu lassen, bleibt dem einzelnen Künstler sein ganz persönliches Problem und hat ebenfalls mit (Selbst-) Bewusstseinserweiterung zu tun.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft? und über Kunst – ein kreatives Thema… und noch ein Kunstbuch mit dem Titel: Form-Lust

Anthroposophie ist ein Begriff

rudolf-steinerEine Würdigung der Impulse Rudolf Steiners und – gleichzeitig – eine kritische Betrachtung der Bewegung.
Ein Begriff (z.B. „Anthroposophie“) deckt in erster Linie die persönliche, individuelle Vorstellung jedes Fragenden ab, wenn er dich fragt, ob du ein „Anthroposoph“ bist. Dem zuzustimmen ist sehr gefährlich, denn wir kennen die Vorstellungen, die das Gegenüber mit diesem Begriff verbindet, nicht! Und schon sind wir mitten drin…

Die Würdigung gilt dem Menschen Rudolf Steiner und hat durchaus eine persönliche Färbung. Es ist meine Beziehung zu ihm und das Verhältnis, welches sich vor mehr als 33 Jahren zu seinem Werk gebildet hat. Im Frühling 1981 (mit 25), kam mir der Name Steiners zum ersten Mal zu Ohren. Die Annäherung führte über sehr unterschiedliche Stationen schliesslich ins Heute.

Als ich damals mit der Anthroposophie in Kontakt kam, hatte ich einen naiv-kindlichen Zugang und betrachtete alles in einem rosafarbenen Schleier. „Esoterische“ und spirituelle Themen beschäftigen mich schon seit meiner Kindheit. Psychologische Fragen über Mensch, Gott und die Welt, die damit zusammenhängen ebenso wie Fussball und Lesen.

Damals war ich intensiv mit Büchern eines gewissen Carlos Castagneda`s und jenen lebensvollen Romanen von Hermann Hesse beschäftigt. Es prägte sich eine sehr idealisierende Haltung in mein (Unter)-Bewusstsein ein. Von bewusstem Sein kann nicht im Geringsten die Rede sein, weil ich aufgesogen war mit Inhalten aller Art und schnell alles für bare Münze nahm, was mir diesbezüglich in die Hände, oder in den Sinn, kam. Als ich zum ersten Mal Bücher Steiners las, gab es keinen Unterschied zwischen einem Castagneda, Hesse und ihm. Sie sprachen selbstverständlich alle vom gleichen und liessen meinen Interpretationen und Phantasien viel Spielraum.

Was ich gelesen hatte, und das war am Anfang sehr viel, integrierte ich in mein Denken. Ich färbte mein Tun und Handeln danach. Ich sah, dass es anderen auch so erging und es entstanden ähnliche, oft symbiotische Beziehungen im Umfeld von Steiners Anhängern. Man war sich in grundlegenden Fragen wie Reinkarnation und Karma in internen Kreisen meistens einig. Ein Zitat des Meisters galt als unanfechtbares Glaubensgut, was es nach aussen zu verteidigen galt. Differenzierte Fragen wurden hingegen deutlich weniger gleichmütig diskutiert. Ich habe niemals so viele Idealisten an einem Ort erlebt, wie damals.

Dann geschah etwas, was meinem innersten Wesen vollkommen widersprochen hatte: Eine persönliche Absonderung gegen anders Denkende und ein Entwicklungsstillstand wurde spürbar. Das erlebte ich spätestens, als ich die Ausbildung als Werklehrer und Kunsttherapeut am Goetheanum abgeschlossen hatte und wieder in „die Welt da draussen“ eintauchen musste/durfte. Es wurde mir zum innersten Bedürfnis, diese Re-Integration von neuem zu suchen und mich zu öffnen. So kam ich auf kleinen Umwegen schliesslich an die Psychiatrische Universitätsklinik in Basel, wo ich drei Jahre tätig war, bevor ich eine eigene kunsttherapeutische Praxis eröffnete.

Diese Beschreibungen sollen die Beziehung zu Rudolf Steiner und zur Anthroposophie als Entwicklungsprozess, auf einem individuellen Weg, darstellen. Am ersteren blieb alles, an der letzteren wenig, insofern es sich um den Begriff und einer vorgefertigten Vorstellung darüber handelt! Aus dem Verhältnis als Guru und Lehrer, erwachte allmählich eine innere Bruderschaft zu Rudolf Steiner. In den vergangenen 30 Jahren kam es nie zu einem grundsätzlichen Bruch, trotz meines individuellen und unkonventionellen Weges.

Das erwähnte Stehenbleiben bei den vorgefertigten Interpretationen der anthroposophischen Inhalte war mir zunehmend ein Dorn (-ach) im Auge. Davon (von den Interpretationen,nicht von den Inhalten) habe ich mich gelöst. Das ständig neue überdenken und neue formulieren von Erlebnissen und Erfahrungen brachten mich dazu, auch bei anderen Weltbildern wieder den Zugang zu Antworten über das, was die Welt im Innersten zusammenhält, zu suchen.

Die Synergien zwischen den verschiedenen Weltbildern und Religionen standen im Mittelpunkt und keine abgeschlossene Glaubensdoktrin. Es wurde mir klar: Begriffe können eine Sache benennen, und ihnen einen Anker geben, an dem man sich festhalten kann. Die Rückaufschlüsselung dieses Ankers ist viel schwieriger, weil derselbe Begriff unterschiedliche Bedeutungen haben kann und somit nicht objektiv ist.

Das Bewusstsein der Begrenztheit unserer Vorstellungen (wir nennen es landläufig „denken“) wurde mir immer klarer. So begann ich nach bewusstem Sein zu suchen, welches sich über die reine gedankliche Ebene erhebt. Ich war davon überzeugt, dass wir grundsätzlich keine Begrenzung in der Erkenntnis haben, wie uns dies Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ nahegebracht hatte. Was ich aber im Denken suchte, offenbarte sich nun bald in der selbstreflektiven, bedingungslosen Schau desselben.

Dieses Erlebnis bedeutete für mich eine neue Wende in meinem persönlichen Entwicklungsweg. Wenn ich, so sagte ich mir, das Bewusstsein des Wahrnehmens der Gedanken erlebe, dann enthebe ich mich gleichzeitig der Identifikation mit diesen Gedanken. Das Erleben im Zustand der Selbstbeobachtung und der „Achtsamkeit“, wie ihn die buddhistische Tradition kennt, war ein Schlüssel zur Freiheit, ohne deswegen dem Buddhismus oder einem anderen „Ismus“ beitreten zu müssen…

Die Dinge widersprechen sich nicht. Man muss nicht Buddhist werden, um dies zu begreifen. Es gibt immer nur ein zu sich selbst finden.

Ich fühle mich heute näher verbunden mit Rudolf Steiner! Näher denn je! Das Beobachten des Denkens in seinem wichtigsten Werk: Der „Philosophie der Freiheit“ zeugt davon und entschlüsselte mir neue Erkenntnisse. Steiner wollte den Begriff „Anthroposophie“ jeden Tag neu definieren!

Was wäre wohl aus der Gesellschaft geworden, wenn die Menschen heute keinen Begriff mehr hätten, an welchen sie sich klammern könnten? Wenn die vermeintliche „Wahrheit“ nicht mehr aus unendlichen Diskussionen herausgepresst werden müsste, sondern bewusstseinsmässig im Jetzt erfahrbar würde. Wenn wir in jeder Situation aus uns selbst die Wahrheit finden müssten, ohne Bezugnahme oder Rezitation von irgendwelchen klugen Sprüchen! Wenn nur noch diese Erfahrungen und Erlebnisse relevant würden auf einer internationalen, vollkommen unabhängigen Plattform, die keinen Namen hat und aus dem Herzen jedes Einzelnen entspringen würde…

Steiners Anthroposophie ist diesem Gedanken sehr nahe gekommen. Nur, wohin steuert dieses zunehmend träge werdende Schiff, welches den Namen heute trägt und verantwortet und welches sich im riesigen Ozean der Ideologien zu verirren droht, sich mehr und mehr spaltet in Untergruppen, Nebengruppen und in feindliche Lager. Wie unabhängig und frei ist die Gesellschaft (…und die damit zusammengeschlossenen Verbände) heute noch?

Solche Fragen bewegen mich unaufhörlich. Ich bin nicht am Ende meiner Weisheit angekommen und werde dies auch nie schaffen. Ich stelle lediglich ehrlich und offen meine persönliche Sicht der Dinge dar. Offenheit im Rucksack tragend, allen ernsthaften Bemühungen gegenüber, seien sie mir ideologisch näher oder ferner… so lautet mein Lebensmotiv.

Die einzige Abhängigkeit, oder besser Verantwortung, habe ich meinem eigenen, inneren geistigen Führer gegenüber. Er aber hat keinen Namen und bleibt für immer unaussprechlich.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und ein KinderbuchUrsli und der Traum vom Schiff