Kategorie-Archiv: Wissenschaft

Wissenschaft: Segen oder Fluch?

Beitrag zu einer Studie über „Wissenschaft in der Anthroposophie“

“Die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit ist doch das Endziel aller Wissenschaft“ Rudolf Steiner Vorwort zu „Wahrheit und Wissenschaft“.

Es wird heutzutage viel Wert darauf gelegt, die anthroposophischen Leitgedanken Rudolf Steiners (natur-) wissenschaftlich zu belegen. Doch muss diesem Bestreben immer die Frage voraus gehen: was ist wissenschaftlich? Wie definiert sich diese heilige Kuh der gegenwärtigen Zivilisation? Und muss man ihr zwingend Folge leisten? Was erreicht man damit? 

Mit „wissenschaftlich“ verbindet man in erster Linie Objektivität und Beweisbarkeit. Beides sind relative Grössen und Begriffe. Wichtig ist der Bezug, worauf sie gerichtet sind. Eines von Rudolf Steiners Grundlagenwerken ist die philosophische Auseinandersetzung mit der Anthroposophie, die er vor allem in der “Philosophie der Freiheit“ eindrücklich darlegt. Dabei wird der Fokus nicht primär auf Objektivität gelegt, wie sie in der Wissenschaft gefordert wird, sondern auf die Verbindung von Subjekt und Objekt, und damit auf das denkende Ich, welches forscht. Das Augenmerk liegt also in der Tatsache des Forschenden und nicht primär auf dem Erforschten. Diesem Umstand wird leider viel zu wenig Beachtung geschenkt. Man unternimmt abenteuerliche Versuche, geistige Inhalte in physisch sichtbare und relevante Zusammenhänge zu pressen und vergisst dabei – sich selbst, das Instrument.

Kann man Anthroposophie im heute üblichen wissenschaftlichen Kontext “beweisen“?

Meine Antwort ist ein klares Nein: denn sie ist eben eine Geisteswissenschaft. Dem Geistigen liegen andere Gesetze zugrunde, die eine erweiterte Erkenntnisfähigkeit erfordern. Der forschende Anthroposoph mag auf diesem Weg eine gewisse spirituelle Reife erlangt haben: den Inhalt zu vermitteln und auf das alltägliche Bewusstsein herunter zu brechen, ist kaum möglich.

Der wichtigste Impuls müsste meines Erachtens nicht im Herunterbrechen liegen, sondern im Erhöhen des Bewusstseins. Der Fokus müsste auf diese Tätigkeit gelegt werden. Warum soll man beispielsweise  dem im Alltagsbewusstsein verhafteten Menschen die Tatsache eines „höheren“ Ich’s “beweisen“? Welcher Sinn liegt darin? Ist das nicht ein missionarisches Anliegen? Und wie viel fruchtet eine solche, nur auf Überzeugung basierte Erkenntnis? Vielmehr müsste letztere aus eigenem Erleben erfolgen. Damit steht die Aufgabe der Bewusstseinsentwicklung über dem Vermitteln von Inhalten. Sie beweisbar zu machen muss scheitern, wenn der Empfänger nicht die entsprechenden Antennen dafür entwickelt hat.

Das Vermitteln von Inhalten kann dem wohlwollenden Empfänger durchaus wichtige Impulse geben, die ihn auf den Pfad der höheren Erkenntnis führen. Dieser Weg liegt den meisten Anthroposophen zugrunde, die sich heute als solche bezeichnen. Die Gefahr besteht darin, dass man sich irgendwann in den Inhalten verliert. Man vergisst sich selbst und verhaftet sich mit den Objekten. Dadurch dogmatisiert sich jeglicher Inhalt, egal worauf er sich bezieht und wie hoch sein Wahrheitsgehalt ist. Mag dieses „Objekt“ Gott sein oder eine Maschine. Das Problem wird im Grunde nur dadurch gelöst, dass man in Selbsterkenntnis vor dem denkenden Inhalt erwacht.

Jede These hat eine Gegenthese

Eine weitere Gefahr dieser Art Beweisens wird dadurch geschaffen, dass sich die Empfänger nicht immer wohlwollend dem vermittelten Inhalt gegenüberstellen (wollen). Jeder im obigen Sinn geführte Beweis schafft letztlich immer eine Gegenthese. Die so ausgefochtenen Auseinandersetzungen führen nicht selten zu einer Streitkultur und zu Provokationen. Wenn nicht die Forderung zu einem erhöhten Bewusstsein besteht, sondern eine blosse Auseinandersetzung auf der physischen Ebene bestehen bleibt, so werden meines Erachtens falsche Werte vermittelt und geschaffen.

Die Frage, warum man sich auf der physischen Ebene durch nur dieser entsprechende Wissenschaftlichkeit so sehr bemüht, muss ebenfalls hinterfragt werden. Oft sind es schlicht Anerkennungsfragen, hinter denen letztendlich auch die Frage nach Finanzierung von Projekten und Initiativen steht. Würde der ideelle Aspekt in den Vordergrund gerückt, so müsste anders vorgegangen werden. Denn genau hier setzt wieder die Frage der Erkenntnis und des Bewusstseins an. Weil aber solche Projekte mit der Finanzierung, zum Beispiel der anthroposophischen Therapien, steht und fällt, ist man gezwungen, sich den Fragen der damit verbundenen Behörden und Fachgremien zu stellen. Deren Bereitschaft, sich auf „höhere“ Ebene einzulassen wird dabei wohl eher gering bleiben. Inwieweit diese schwierige Aufgabe Anpassungen erfordert, bleibt abzuwarten. Es scheint mir jedenfalls eine unheilige Allianz zu sein.

Wo liegt das Hauptmotiv der Forschung?

Doch zurück zum obigen Zitat Rudolf Steiners. Die Grundsatzfrage müsste doch immer lauten: was ist das Hauptmotiv, warum jemand Wissenschaft betreibt? Nicht die blosse Tatsache, dass man wissenschaftlich sei ist gefragt, sondern warum? Man kann sich gut vorstellen, dass jemand durch Wissenschaft sich Vorteile verschaffen will. Das Motiv könnten wirtschaftliche Vorteile sein oder Machtvorteile. Ebenso gut können Emotionen im Spiel sein, die so etwas wie Befriedigung verschaffen gegenüber anderen, Stolz, Schadenfreude uvm. Im Umfeld solcher Bedürfnisse muss man sich fragen, wie weit man gezwungen wird, mitzuhalten.

Das Motiv der “Erhöhung des Daseinswertes“ hat natürlich eine ganz andere Relevanz. Hier geht es nie um Zwang, sondern um die Freiheit. Es geht um die reine Erkenntnisfrage. Der Druck der Anforderung von Wissenschaftlichkeit macht sich vor allem dann breit, wenn es um Finanzierung von Leistungen geht. Dahinter steckt fast immer die Nutzenfrage. Was nützt diese oder jene Therapie, diese oder jene Methode. Die Therapie mag noch so viele empirische Erfolge aufweisen, bewiesen ist sie im naturwissenschaftlichen Kontext natürlich nicht. Damit tun sich selbst pharmazeutische Firmen oft schwer. Wenn ein Medikament, welches 15000.- CHF im Monat an Behandlungskosten verursacht, zu dem Ergebnis führt, dass das Leben des Behandelten (vielleicht) 10 Monate verlängert wird, so liegen die Fakten der Beweisbarkeit doch auf einer dünnen Eisschicht? Zudem kann es kaum jemand anders beweisen, als diese Firma selbst.

Der wissenschaftliche Anspruch

Auf der Grundlage solcher Problematik entsteht oft der wissenschaftliche Anspruch in der Medizin, aber auch anderswo. Nur dass Bedingungen für alternative Methoden oft deutlich resoluter sind. Vor diesem Hintergrund erkennt man erst recht, wie sehr das Motiv der Wissenschaft im Zentrum stehen muss. Ist sie eine blosse Reaktion auf diesen äusseren Druck oder ist sie innerstes Erkenntnisbedürfnis?

Rudolf Steiner ergänzt seine Bemerkung in „Wahrheit und Wissenschaft“ folgendermassen: “…wer letztere (die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit) nicht in dieser Absicht betreibt, der arbeitet nur, weil er von seinem Meister solches gesehen hat, er “forscht“, weil er das gerade zufällig gelernt hat. Ein “freier Denker“ kann er nicht genannt werden.“ – und weiter: “Aber vielleicht verlangt die Wissenschaft der Gegenwart gar nicht nach ihrer philosophischen Rechtfertigung! Dann ist zweierlei gewiss: erstens, dass ich eine unnötige Schrift geliefert habe, zweitens, dass die moderne Gelehrsamkeit im Trüben fischt und nicht weiss, was sie will“.

Praktische Fragen

Selbstverständlich sind solche Aussagen und Ideale über philosophische Grundforderungen Allgemeinplätze, idealistische Abhandlungen, die den wahren Kern der Wissenschaft tatsächlich oft verfehlen. Deshalb muss man wohl ins Praktische eintauchen, um der Sache näher zu kommen. Eine wissenschaftliche Frage, die heute sehr aktuell ist, könnte zum Beispiel lauten: wie reagieren Krebszellen auf verschiedene Stoffe. Um dies zu erforschen, entnimmt man üblicherweise die Zellen ihrem lebendigen Organismus und verlagert das Geschehen nach aussen. Dann fügt man diesen isolierten Zellen verschiedene Stoffe zu und rapportiert den Verlauf des Prozesses akribisch. Dabei gibt es Stoffe, die sich für den Krankheitsverlauf positiv auswirken und andere die einen negativen oder gar keinen Effekt zeigen.

Aufgrund solcher Studien werden Medikamente hergestellt. Weil der Stoff im Medikament aber nicht isoliert zur Wirkung kommt, sondern im lebendigen Zusammenhang mit einem Ganzen steht, gibt es nicht berechenbare Nebeneffekte: Sogenannte “Nebenwirkungen“ sind die logische Konsequenz davon. “Bitte lesen Sie die Verpackungsbeilage“…

Die Dimension des Lebens

Dieses Beispiel zeigt auf, dass der naturwissenschaftlichen Forschung eine wichtige Dimension fehlt, nämlich jene des Lebens. Um aber dahinter zu kommen, welche Wichtigkeit diese fehlende Kraft in der Forschung hat, müsste der Forschende sich grundsätzliche Fragen, nämlich philosophische, stellen! Erst über den Umweg einer philosophischen Fragestellung gelangt man zu neuen Forschungsaspekten. Da jedoch die Erkenntnis einer “Lebenskraft“ dem Beweis derselben vorangehen muss, setzt dies die Offenheit und Unvoreingenommenheit des Forschers voraus!

Und genau dieser Schritt müsste von der “anderen Seite“ getan werden, bevor man eine Beweissituation schafft! Genau an dieser Hürde scheitern die meisten Versuche aller Erklärungen. Deshalb wird sich jede Art von wissenschaftlicher Tätigkeit im spirituellen Bereich gezwungenermaßen schwer tun, wenn sie auf die materiell ausgerichtete physische Wissenschaft trifft. Das Dogma des Materialismus ist der grosse Verhinderer fruchtbaren Zusammenwirkens. Es ist der grosse Schatten dieser Art von Naturwissenschaft, der sich zu allem Übel schon im Ansatz ein unwissenschaftliches Fundament für den Dialog schafft!

Auch dieser Aspekt zeigt einmal mehr auf, dass der ideelle Überbau eine Erkenntnisfrage und somit auch eine Bewusstseinsfrage ist. Auch auf diesem Weg stossen wir wieder auf einen ähnlichen Grundsatz. Dieser steht über allem wissenschaftlichen Forschen.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

„Ich glaube nur, was ich sehe…“ – Dogma

GlaubenVom materialistischen Standpunkt aus betrachtet, geschieht unser denken – fühlen – wollen über das Nervensystem und damit im Gehirn als deren zentralem Organ. Jeder Mensch hat ein ihm spezifisches, individuelles und unvergleichbares Gehirn.

Aus der Sicht des Materialismus erfolgen Gedanken und Gefühle aufgrund biochemischer Prozesse in den Nervenbahnen. Wenn also der Materialist sagt: „ich denke“, dann ist dieser Gedanke seiner Theorie gemäß nichts anderes, als ein Vorgang von diversen Abläufen in den Schaltstellen seines Gehirns. Jetzt kann man sich fragen, woher es denn kommen kann, dass auch nur zwei Menschen den gleichen Gedanken haben können, warum z.b. alle Materialisten sich an diese ihre eigene Theorie anlehnen können?

Wo bleibt Gott?

Das müsste doch zur Folge haben, dass es etwas Übergeordnetes gibt, etwas, was quasi über all diesen Gehirnen „in der Luft liegt“. Ein Prozess, der verschiedene Aussagen oder Meinungen zu einem Thema miteinander verbindet und von vielen Gehirnen verstanden wird, kann niemals in einem einzigen, individuellen Gehirn stattfinden. So weit so gut. Es muss also „etwas“ geben, was dem zugrundeliegenden Erkenntnisprozess übergeordnet ist und was sich in vielen Gehirnen gleichzeitig oder nacheinander manifestieren kann. Je nach Art und Offenheit des Denkenden, verbinden sich somit Gedanken untereinander zu einem objektiven Tatbestand. Wenn Sie das, was ich hier schreibe, nachvollziehen können, dann ist der Beweis erbracht, dass dem so ist. Nämlich: Dass Sie (im gleichen Moment!) – wo Sie dieses lesen – denselben Gedanken mitdenken können! Ist das nicht unglaublich? Und dann sind Sie gewiss auch kein Materialist, auch wenn Sie sich vielleicht gerne so nennen oder sehen mögen…

Und nun zum Dogma

Aber auch wenn Sie es nicht verstehen, heisst das noch lange nicht, dass Sie ein Materialist sind. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einer zu sein! Es könnte durchaus sein, dass ich meine Worte für Sie ungünstig gewählt habe, oder Begriffe eingeflochten habe, die Sie nicht zu deuten wissen – oder dass es Ihnen erst durch mehrmaliges Lesen erschliesst, was gemeint ist und so weiter…
Diese Denkmöglichkeit liegt aber jenseits des Materialismus! Sie ist sozusagen Materie unabhängig! Sobald wir das Denken außerhalb des Gehirns legen, haben wir als pragmatisch denkende Menschen ein Problem. „Ich glaube nur an das, was ich sehe…“. Dieser berühmt-berüchtigte Satz dementiert alles, was sich jenseits vom Sichtbaren, Wägbaren usw. abspielt. Konsequenterweise müssten selbst Smartphones bezweifelt werden und jegliche digitale, webbasierte Übertragung von Daten, wie ich sie eben in diesem Moment, wo ich diese Gedanken via Datenbahnen in die Wolke sende, tätige.
Aber weil es eben funktioniert, glaubt man es auch. Man macht eine grosszügige Ausnahme. Aber da beginnt auch gleichzeitig das Problem des Dogmas. Natürlich funktionieren noch ganz andere Dinge: Tausende und abertausende von sogenannten „Wunderheilungen“, seltsamen Phänomenen und dergleichen, könnten die Sache mit dem „ich glaube nur, was ich sehe“ – Dogma ebenso ins Wanken bringen. Denken Sie darüber nach…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

 

Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft

WahrheitLetzthin stand in einer Schweizer Zeitung ein Beitrag als „Analyse“ zum runden Geburtstag des Online-Lexikons Wikipedia. Der Autor resümiert am Schluss seines Beitrages: „Was soll man also von einem Lexikon halten, das manchmal die Wahrheit sagt, manchmal nicht – und oft daherkommt wie ein schlechter Schulaufsatz? Das Lesen bei Wikipedia gleicht dem Besuch einer öffentlichen Toilette: Man weiss nicht, wer das WC vor einem benutzt hat: Es kann schmuddelig sein oder es sieht ziemlich sauber aus. Happy Birthday!“

Das freut doch jedes Medienherz der alten Garde (dabei ist der Autor noch jung!). Diese Einschätzungen werden von ihm als Wahrheit hingestellt und verallgemeinert. Gerechterweise, um jetzt nicht als schlechter Kritiker eingestuft zu werden, muss ich sagen, dass er zuvor auch ein paar gute Worte gefunden hat. Dies allerdings mit bedacht und immer leicht ironisch.
Man kann selbstverständlich geteilter Meinung sein, was die Inhalte von einem offenen Onlinelexikon wie Wikipedia angeht! Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft! Ungeachtet also, ob Sie eher an diese oder eine andere These „glauben“: Der zitierte Journalist präsentiert seine Gedanken jedenfalls als unerschütterliche Wahrheit. Sein Urteil ist – vernichtend.

Wie also solls der Toilettenbenutzer nach ihm halten?

Ähnliche Kommentare gibt es ja nicht selten in den Medien wenn es darum geht, sogenannte „freie Plattformen“ anzufechten. In die Diskussion möchte ich mich inhaltlich nicht einlassen, weil mir solche Kommentare schlichtweg zu primitiv sind, um sie ernst nehmen zu können, schon ihres Tones und Respektes wegen.
Aber was mich irritiert – und das ist nicht selten auch in der Politik gang und gäbe – ist die Art und Weise, wie man Meinungen vertritt. Der Umstand, daß es sich (lediglich) um eine Meinung handelt, wird dabei vollkommen übergangen. Man(n) stellt sich ins Zentrum der Welt und brüstet sich als Träger unerschütterlicher Wahrheit(en) im Sinne von: „Andere Gedanken darüber sind doch gar nicht möglich, wenn man einen gesunden Menschenverstand hat“ Oder: „Kritik ist hier gar nicht möglich, da muss nichts diskutiert werden“ usw.

Es gibt zwei Möglichkeiten mit Statements umzugehen, deren Aussage man nicht teilt

Erstens: das was gesagt wird ist wirklich die absolute und unerschütterliche Wahrheit. Voila! In diesem Fall muß ich mich einfach fragen, was stimmt mit mir nicht, daß ich die Ansichten nicht teilen kann. Die Folge mag eine depressive Verstimmung sein…
Es kann aber eine zweite Möglichkeit geben: Die Aussagen entsprechen nicht dem absoluten Wahrheitsgehalt, wie es deren Träger vermutet! In diesem Fall sieht alles ein wenig anders aus. Dann müsste der Autor solcher Behauptungen ein Problem haben!

Immer wieder wird die Frage nach der Wahrheit gestellt. Kann es auf der „Formebene“ so etwas wie eine universelle Wahrheit überhaupt geben? Hätten wir die Wahrheit als persönliches Gut für uns gepachtet, dann hätten wir unsere (irdische) Entwicklung wohl längst abgeschlossen. Aber gerade weil wir in einer polaren, differenzierten und geteilten Welt leben, zumindest solange wir den hiesigen Gesetzmässigkeiten unterworfen sind, kann es eine solche Wahrheit für den Einzelnen nicht geben.

Was wir Wahrheit nennen, taucht immer erst dann auf, wenn wir die Ebene des Persönlichen verlassen! Im Grunde ist dies schon der Fall, wenn wir rechnen: 3 mal 3 gleich 9! Dann haben wir diese Ebene verlassen. Ob Herr Meier oder Herr Müller rechnet, ist vollkommen irrelevant, weil sich die Mathematik auf universelle Gesetze berufen kann. Wenn jemand nicht zum Ergebnis 9 kommt, dann liegt es nicht an ihm persönlich, sondern schlicht und einfach daran, daß er nicht rechnen kann! Er kann höchstens persönlich darauf reagieren, weil er es nicht gelernt hat, weil seine Intelligenz nicht ausreicht, diese Rechnung auszuführen. Nur dann kann das Ergebnis nichts dafür. Es ist seine persönliche Angelegenheit.

Doch wie verhält es sich mit unmathematischen Aussagen? Sätze wie: „…nur weil die Massen den Texten vertrauen, ist es noch lange keine glaubwürdige Enzyklopädie“, klingen scharf! Das ist natürlich eine Binsenwahrheit. Wahrheit hat nicht zwingend etwas mit der Masse zu tun! Aber ist es Wahrheit, wenn einige wenige Wissenschaftler ihre Studien den sogenannten „seriösen Lexika“ zur Verfügung stellen? Sind diese besser recherchiert und insofern wahrer? Entdeckt man nicht sehr oft Betriebsblindheit, da wo sich angeblich das grösste Wissen befindet? Und wie viele Wissenschaftler braucht es, um alle Begriffe eines Lexikons absolut zuverlässig zu recherchieren! Und zuguterletzt, wie lange dauert es, bis selbst grösste „Wahrheiten“ dieser Art in nicht allzu ferner Zeit wieder dementiert und widerlegt werden? Die Erfahrung gibt uns hinlänglich Bescheid darüber…

Nachklang: Wikipedia und seinesgleichen hin oder her. Mein Gedanke kann nicht „Ich selbst“ sein. Er ist immer nur ein Teilaspekt meiner selbst. Wenn ich ein Bild male, dann bin ich nicht das Bild! Aber das Bild ist ein Teilaspekt von mir! Was sich als „Wahrheit“ hinstellt, sind in diesem Zusammenhang immer nur Teilaspekte seines Trägers, dessen, der den Gedanken zu seinen Taten liefert. Man kann sich durchaus fragen, weshalb er überhaupt diesen einen Gedanken denkt und nicht einen anderen… es läuft eben alles darauf hinaus, dass wir lernen, neue Ebenen zu erfahren, um dem Gedanken wieder Leben einzuhauchen…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Ist alles Kunst?

PapierknäuelZur Zeit (Dezember 2015) findet in der Basler Messe eine Ausstellung von Ben Vautier statt. Der Performer und Künstler stellt die provokative, jedoch mittlerweile gesellschaftsfähig gewordene Frage: “Ist alles Kunst?“
Bereits Joseph Beuys, der sich sehr mit der Anthroposophie Rudolf Steiners verbunden fühlte, implizierte in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Diskussion um die künstlerischen Intentionen und argumentierte in diese Richtung.

Glaubenssätze

Die Frage kann existenziell sein. Sie ist es jedenfalls für mich. Sie rechtfertigt oder vernichtet meine künstlerischen Ausbildungen, meine ganze Erfahrung, meine Talente (und Schwächen?), meine Präferenzen. Damit hängen viele Dogmen und Glaubenssätze, aber auch viel Leid und Freud zusammen, die in den letzten 5000 Jahren Kunstgeschichte kaum jemals so deutlich hinterfragt wurden wie heute. Jetzt ist die Zeit scheinbar gekommen, alles zu zertrümmern, was uns prägte, stärkte, schwächte, kurz unsere ganzen Ziele und Vorstellungen, denen wir unser bisheriges Leben zu „verdanken“ haben, nach denen wir uns richteten, über Bord zu werfen. Müssen wir deshalb gleich das Kind mit dem Bade ausschütten? Ist das “Alles ist Kunst“-Dogma nicht auch wieder ein neues Gefängnis unserer Vorstellungen in das wir hineintrampeln ohne es zu bemerken und welches uns den letzten Todesstoss gibt?

Tod der Kunst

Dass die Bejahung der so gestellten Frage gleichzeitig den Tod der Kunst bedeutet, wird den meisten Normaldenkern nicht klar sein. Zu jovial, zu locker, zu wenig gewichtig betrachten die meisten Menschen grundsätzlich die Tragweite und den Wert der Kunst. In vielen Fällen wird sie bestenfalls als wichtige Nebenbeschäftigung, als (oft brotloser) Sonntagsjob, angesehen. Jedoch, sie ist es gewiss nicht, behaupte ich jedenfalls; sie ist sogar das Wichtigste was es gibt für die Entwicklung der Menschheit und der Menschen! Die Tatsache, dass alles Kunst sei, entwertet die Gewichtigkeit derselben in Ihren Grundfesten und erschüttert überhaupt jede künstlerische Bemühung. So werden gerade diejenigen, die sich heute Kunstschaffende, Künstler nennen und die mit der Flagge des banalen, alltäglichen oder gar unterschwelligen, rein subjektiven „Sauglattismus“ oder einem blossen „Provokatismus“ auftreten, zu den grössten Feinden der Kunst (…viele tun es aus dem Verständnis dieser Paradoxie heraus unbewusst schon gar nicht mehr…). Ein Begriff der ALLES ist, ist generell absurd. Darin besteht ja gerade der Sinn und Zweck eines Begriffs, dass er sich von anderen Begriffen abhebt, unterscheidet. Wenn ALLES Kunst ist, dann ist Kunst ALLES und es gibt nichts mehr ausser Kunst. Aber es gibt auch sie selber nicht mehr! Schon aus diesem Grund ist die Frage sinnlos, denn sie schliesst ALLES mit ein. Sie wäre, philosophisch gesehen, der letzte Satz der menschlichen Geschichte vor ihrem Untergang, wenn sie ernst genommen würde. Ist es demnach nicht nur absurd, sondern sogar blosse Zeitverschwendung, sich überhaupt damit zu beschäftigen?

Kunstrealität

Und dennoch scheint es heute so etwas wie eine geschichtliche Bestätigung im Sinne einer Bejahung dieser Frage zu geben! Man wird das Gefühl nicht los, dass Jahr für Jahr immer mehr Argumente für die Beurteilung des im echten Sinne Künstlerischen bachab gehen. Nicht diese oder jene Argumente und Kriterien, sondern Kriterien generell. Argumente oder Aspekte wie Schönheit, Wahrheit, Echtheit, Können usw. verkümmern mittlerweile immer mehr, verwässern sich, werden unklarer denn je oder sie werden gar belächelt, wenn nicht sogar bekämpft und verpönt. Im Grunde gibt es gar keine solchen Kriterien mehr. Jeder ist sein eigenes Zentrum mit den ihm oder ihr eigenen Sichtweise und verteidigt diese aufs Blut gegenüber den “Mitstreitern“. So gewinnt der stärkere und der Darwinismus, den man doch vielerorts überwunden haben will, ist neu auferstanden. Ästhetische Aspekte sind sowieso verpönt oder werden in ein ALLES umgepolt. Unsinnigerweise werden gerade sie vom “Alles-ist-Kunst“-Dogmatiker ausgeschlossen! Der Subjektivismus beherrscht kein anderes Gebiet so sehr, wie die Kunst. Gerade deshalb ist sie zum Gradmesser, zum Thermometer unserer Gesellschaft geworden! Ein tragisches emotionales Zeugnis, wie ich meine und zugleich paradox zu einer Alles-ist-Kunst-Doktrin

Kunst als Königsdisziplin

Die Kunst war einstmals eine Königsdisziplin. Der Künstler gehörte zu den angesehensten Bürgern des Landes. Sein Können wurde bewundert oder gar verklärt. Die Kompetenzen und Fähigkeiten und das handwerkliche Geschick, wurden beispielsweise in der Renaissance sehr hoch bewertet. Diese Hochachtung hatte noch lange Bestand, im Grunde bis in das letzte Jahrhundert hinein, wenngleich ein Zerfall, ein Auseinanderbrechen einer tragenden zentralen Kraft, schon damals spürbar wurde. Trotzdem: Kunstschulen waren hochwertige Akademien, auch wenn Sie zuweilen antiquiert daher kamen. Ihre Lehrer waren selbst angesehene Künstler im Sinne von Könnern. Die Kriterien der Professionalität wurden hoch bewertet. Sie beinhalteten lange Zeit objektivierbare Maßstäbe. Auch wenn dabei die Gefahr einer Konservierung und Verkrustung, sowie einer Dogmatisierung der künstlerischen Anschauung durchaus bestand.

Kriterien der Kunst

Dennoch kann man die Frage einmal laut stellen: Welche künstlerischen Kriterien kann denn eine moderne Kunstschule überhaupt noch haben, wenn deren Philosophie in die oben gestellte Richtung zielt? Was soll an den heutigen Fachhochschulen für Kunst überhaupt noch gelehrt werden, wenn doch alles Kunst ist und grundsätzlich schon Kleinkinder kompetent sind? Es gibt dereinst keine angemessene, objektivierbare oder messbare Professionalität mehr! Die Kunst disqualifiziert sich selbst. Die geringste menschliche Handlung, sogar die tierische; jede Tätigkeit überhaupt, genügen dem so gearteten künstlerischen Anspruch, wenn man ihn konsequent nimmt.

Fachkompetenzen in der Kunst

Kein anderer Bereich als die Kunst, verlangt weniger fachliche Kompetenzen. Handwerker, Kaufleute, Wissenschaftler, Forscher, Lehrer, Köche, Bundeskanzler… innen immer mit eingeschlossen… erfordern höchste Ansprüche, um ihrem Fach gerecht zu werden. Ihnen allen wird akribisch auf die Finger geschaut. Und wehe, sie begehen Fehler! Ein Künstlertum dieser ART kennt keine Fehler, zumindest wird man dieses Gefühl in den bildenden Künsten nicht los. Alles ist gut, richtig – (nur unterschiedlich teuer).
Braucht es noch mehr Argumente um die gestellte Frage endgültig abzuhaken?
Wenn nein, so muss die nächste und entscheidende Frage lauten: Welche Kriterien hat ein Werk zu erfüllen, um dem Anspruch Kunst in professioneller Art und Weise zu genügen?
Problematisch wird es, wenn die Freiheit in der Kunst im Grundgesetz verankert ist, wie es in Deutschland zum Beispiel der Fall ist. Abgesehen vom “Alles ist Kunst“-Dogma, weiss ja keiner mehr, wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen Kunst und Nicht-Kunst. Das wäre aber durchaus empfehlenswert und notwendig. Ansonsten wird es gefährlich. Denn allein die Definition “Kunst“ vermag den bis zur absoluten Dekadenz neigenden sogenannten “künstlerischen Akt“, was immer dies sein mag, in jeder Handlung zu decken. Wer entscheidet dann, ob es gegebenenfalls wirklich Kunst ist und somit der Freiraum gewährleistet werden muss, oder ob das nicht der Fall ist? Ein Richter?

Und was soll denn Kunst nun sein?

Sicher werden Sie vermuten, dass ich nun derjenige bin, der mit der weltumfassenden Lösung des Problems kommt und Ihnen die hyperkompetente Definition der Kunst gebe? Ich werde mich hüten. Dennoch beschreibe ich Ihnen gerne, wie meine Sicht und meine Erfahrung aussieht. Dazu braucht man ein wenig Bauchpinselei, denn sonst glaubt einem ja niemand mehr. Dass ich bereits seit 30 Jahren aktiver Kunstschaffender bin usw., dass ich künstlerische Prozesse intus kenne durch jahrelange Arbeit mit Kindern und Erwachsenen, denen ich ebensolche Kriterien nahebringen will, weil sie mit Fragen und Erwartungen an mich herantreten, weil sie sogar Heilung aus der Kunstbetätigung erhoffen, dies alles soll nur am Rande erwähnt werden. Am eindringlichsten sind meine eigenen Intentionen in Malerei und Plastik, im eigenen künstlerischen Versuch, entstanden. Dort zeigen sich immer quasi die Reflexionen meiner Selbst als Abbild ausser mir! Wer sich damit zufrieden gibt, eine tote Idee, z.B. eines Papierknäuels, die in seiner konditionierten Vorstellung wurzelt, als Kunstprodukt anzuerkennen und damit leben kann, dem seis gegönnt! Mir genügt es nicht. Mich langweilt es. Meine konditionierten Vorstellungen langweilen mich, weil ich mich in ihnen nicht wirklich als Mensch erkenne. Weil sie im Erkenntnisakt lediglich die vielen, unsagbar vielen, Teilaspekte meiner Selbst spiegeln und mir eine Freiheit vorgaukeln, die irrsinnig und absurd ist. Allein, durch diese (Selbst-) Erkenntnis setzen andere Maßstäbe, andere Ansprüche ein, die den Kunstgenuss erfüllen möchten. Es sind Intentionen, die immer mit dem innersten Wesenskern zu tun haben, der durch vielerlei Schichten verdeckt ist. Darin also besteht in erster Linie meine eigene Bemühung: Das Abdecken/Aufdecken dieser eigenen Schichten durch die Kunst, durch die künstlerische Betätigung. Aus diesem Wunsch heraus leiten sich alle Schritte und Kompetenzen ab, die Kunst für mich zur Kunst machen. Und dadurch ist auch Heilung im künstlerischen Prozess mit eingeschlossen! Der wahre, tiefere Kern einer Kunsttherapie! Leider ist an den gegenwärtigen Kunstschulen wenig davon zu finden. Und auch in den meisten Kreisen der gegenwärtigen Kunst Szene. Es ist zu hoffen, dass sich die Abgründe des Subjektivismus allmählich wieder zu schliessen beginnen und eine Selbsterkenntnis in diesem erweiterten Sinn wieder Fuss fast, um die Kunst wieder dorthin zu bringen, wo sie hingehört, zu einer, im umfassendsten Sinn, spirituellen Tätigkeit.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und ein KinderbuchUrsli und der Traum vom Schiff

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Die Diagnose war eine Bombe

ZahnradEs gibt viele Theorien über alles mögliche, z.B. über die „richtige“ Ernährung, über Diäten, Vorschläge zum Abnehmen, gesund essen usw. Manche zählen nur die Kalorien, andere studieren mit der Lupe die Inhaltsangaben auf den Verpackungen und scannen sie auf Stoffe ab, die Schaden anrichten könnten. Die meisten beachten jedoch einen ganz wichtigen Faktor nicht: das WIE! Nicht, WAS esse ich, sondern WIE esse ich (richtig). Ich glaube nämlich nicht an die rein materialistisch-biochemische Wirkung, an eine von Seele und Geist losgelöste Wirkungsformel. So gesehen könnte es ja sein, dass auch der Faktor „Genuss“ eine positive Auswirkung hat…?

Ähnliche Voraussetzungen gibt es auch in der Medizin. „Die Diagnose hat eingeschlagen wie eine Bombe“, sagte letzthin eine Krebs-Patientin in der Basler Zeitung. Regelmässige Vorsorgeuntersuchungen für Männer und Frauen sollen helfen, allfällige Krebszellen oder andere schädliche Erreger möglichst früh zu erkennen und sie abzutöten oder wegzuoperieren. Dabei wird oft vergessen, dass wir keine mechanischen oder rein biologisch funktionierenden Wesen sind und unser Körper ebenso wenig nur rein funktional durchgecheckt und „geflickt“ werden kann. Zu jedem Heilungsprozess gehört meines Erachtens immer auch die „innere Arbeit“ der Patienten, die Frage nach dem Grundproblem, dem Auslöser für die schädlichen Einflüsse. Und gleichzeitig eine Energieform namens „Leben“…

Das Dogma unserer Zeit besteht in der absoluten und unvereinbaren Trennung von Psyche und Körper. Leider. Und dies leider noch immer, muss man sagen! Von Geist spricht man schon gar nicht mehr. Der wurde 869 am Konzil von Konstantinopel von den damaligen Kirchen-Fürsten offiziell „abgeschafft“.
Die unüberprüfte, unverrückbare Annahme, dass etwas kleines (z.B. ein Krebsgebilde) automatisch und unbeeinflussbar gross und gefährlich wird, wenn man es nicht „abtötet“, kann und will mir nicht einleuchten. Dass dies unbeeinflusst wohl geschehen mag, bezweifle ich nicht. Aber dass der Einfluss nur auf der materialistischen Ebene zu finden sei, stelle ich sehr in Frage.

Die zeitgemäßen diagnostischen Methoden, die wir derzeit besitzen, helfen mit, jedes solche „Ding“ (Schädliche Zellen, Bakterien, Viren) schon im allerklitzekleinsten Zustand sichtbar zu machen. Was vor 10 Jahren noch nicht analysierbar war, ist heute sichtbar geworden. Vor zehn Jahren, sagen die Ärzte, wären wir halt unweigerlich daran gestorben. Ob das so ist? Damals sagten sie, beim Faktor -10 (das ist lediglich eine Beispielgrösse), es müsse tödlich enden. Entdeckt wurde es bei Faktor -20, also könne man es entfernen und somit die Gefahr mit grosser Wahrscheinlichkeit beseitigen. Heute entdeckt man das Übel bei Faktor -100 und man sagt, ab Faktor -50 sei es schon gefährlich. In weiteren 10 Jahren entdeckt man es bei Faktor -1000 und man sagt, man müsse es unbedingt vor Faktor -500 entfernen. Kann man die darin liegende (Un-) „Logik“ erkennen? Wieviele hätten dann vorher schon sterben müssen? Und warum war es nicht so? Weil es noch etwas anderes gibt als Materie, was heilt, nämlich Leben, Lebendiges, im denken, fühlen und im handeln.

Alles, was lebt verläuft in Zyklen und nie absolut. Es beeinflusst die Materie unbedingt. Und zwar nicht nur mechanisch und linear, sondern auch psychisch und mental – und zyklisch. Dies könnte bedeuten, dass jeder von uns schon einmal oder auch derzeit einen Erreger mit Faktor -500 intus hat. Zwingend ist aber nicht, dass er auch wächst und gefährlich wird oder „Nahrung“ findet, um sich auszubreiten. So wie er erscheint, könnte er auch wieder verschwinden. Das Dumme ist die Komponente „Angst“, die z.B. im Falle einer negativen Diagnose mit ins Spiel kommt. Sie beeinflusst den Verlauf mit Sicherheit zusätzlich negativ. Also erst besser gar nicht zuviel wissen? Einem Arzt stehen die Haare zu Berge, wenn er so etwas hört oder liest…

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Heilung. Die aktuell einzige schulmässig (sprich wissenschaftlich) anerkannte ist die biochemisch-mechanische. Alle anderen werden als Spuk (alte Generation Ärzte), bestenfalls noch als unbeweisbar, jedoch interessant (neue Generation Ärzte) gewertet. Der Faktor Leben existiert zwar ohne Zweifel für jeden. Aber er wirkt zu diffus, als dass man damit etwas knochig-konkretes anfangen könnte. Da er kein mechanisches oder biochemisches Konzept ist, lässt er sich auf dieser Ebene auch nicht „beweisen“. Sie können die Körpergrösse ja auch nicht mit der Waage messen. Also braucht es andere (lebendige) Messmethoden. Die gibt es zwar, sie sind aber noch nicht gesellschafts- bezw. wissenschaftsfähig geworden. Und warum nicht? Weil es gleichzeitig ein neues Denken dafür braucht. Ein „lebendiges Denken“. Es beruht nicht auf mathematischem oder statistischem Fundament. Wer da nicht hinfindet, kann auch diese Messinstrumente nicht nutzen, so wenig, wie ein kleines Kind, welches noch nicht zur Schule geht, mit einem Taschenrechner etwas anfangen kann. Oder zumindest nicht mehr, als wahllos darauf herumzuhacken…

Wie könnte dieses Dilemma gelöst werden? Fazit: Es wird immer nur durch persönliche, innere Arbeit geschehen können. Das Wahrnehmungsfeld des Beobachters in uns muss erweitert werden. Leben muss nicht nur gefühlt und irgendwie diffus benannt, sondern erkannt und bewusst gemacht werden. Die Gesetze des Lebendigen müssen erkannt und „gesehen“ werden. Das geht letztlich nur über den Weg der Selbsterkenntnis, denn Leben ist in jedem Körper, auch in dem eines Wissenschaftlers. Es gibt natürlich sekundäre Methoden um zum Beispiel sogenannte „ätherische“ Wirkungsfelder und Energien sichtbar zu machen. In der Kirlian Photographie oder im Pendeln z.B. Jedoch sind diese Methoden solange fragwürdig, als man sich auch hier wiederum nur auf Mechanik, bezw. Optik verlässt. Illusion und Wirklichkeit sind sachbedingt oft nahe zusammen. Dort liegt der Vorteil klarer, mechanisch-diagnostischer Methoden auf der Hand.

Dennoch gibt es ohne die entsprechenden Fortschritte auf diesem Gebiet, keine Auswege aus dem Dilemma. Sie führen, auch hier, immer über den Weg der eigenen Entwicklung… das sind immer wieder Themen meiner Bücher… sogar beim „Ursli“ 🙂

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft?

Gibt es ein Leben vor dem Geld?

GeldHaben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, was der Mensch wäre, wenn es kein Geld gäbe? Oder wie die Gesellschaft aussehen würde, wenn es kein Geld gäbe? Oder wie Ihr Leben persönlich ohne Geld aussehen würde? Ohne Geld!? Das ist doch gar nicht möglich, werden Sie sagen! Geld wurde in unserer Gesellschaft im Lauf der letzten Jahrhunderte zu einer Lebensnotwendigkeit wie Wasser und Luft! Es gehört quasi zu den Grundelementen der Spezies homo sapiens.

Und trotzdem, das war nicht immer so! Man kennt ja alle die Formen wirtschaftlichen Zusammenlebens aus der Geschichte der Menschheit. Ist denn unser heutiges System, welches wir seit etwa 500 Jahren – mehr oder weniger erfolgreich – pflegen, sakro sankt und unumstösslich? Wie sähe die Menschheit aus, wenn es kein Geld gäbe? Würden wir alle elendiglich zu Grunde gehen?

Gewiss, in einem System, wie wir es kennen, kann man unter Umständen tatsächlich nicht lange überleben, solange man dies als Einzelner tut. Zumindest würden Geldmittel aus anderen Quellen notwendig (Sozialhilfe, Arbeitslosengeld etc.). Der Grund dafür ist die allgemeine Vernetzung, die uns schleichend vom globalen Geldsystem abhängig gemacht hat. Das Spinnennetz des finanziellen Verbundes befestigt alle Menschen mit einem unsichtbaren Band um ein gemeinsames Zentrum: der Bank. Die Matrazen haben definitiv ausgedient. Sobald jemand geboren wird, ist er kostenpflichtig! (Meist schon vorher…) Leben kostet immer Geld, auch wenn wir jetzt einmal von den Grundbedürfnissen absehen. Allein auf der Welt zu sein, kostet. Dies gilt zumindest für unsere westliche Kultur. Niemand kann sich aus diesem Verbund mehr ausklinken*.

Natürlich kann jeder Einzelne sich dem eingespielten Finanzkoloss verweigern und versuchen,  „geldlos“ zu leben. Es gibt gute Beispiele dafür und ich bewundere sie, einerseits. Andererseits aber wird selbst das immer auf Kosten anderer geschehen müssen. Das Problem ist damit nicht wirklich gelöst. Irgendjemand muss mir einen Schlafplatz geben, mich nähren, die Lebenskosten bezahlen und dergleichen. Ich kann Arbeit als Gegenleistung erbringen, dennoch bleibe ich immer mit der Kette des allgegenwärtigen Geldstromes verbunden. Ansonsten bewege ich mich schnell an der Grenze des Illegalen und werde bald strafrechtlich verfolgt. Arbeiten darf ich natürlich jederzeit, aber sobald ich Geld dafür bekomme, bin ich wieder im System verwoben und steuerpflichtig. Mindestens das zweite Glied bleibt im System eingebunden und übernimmt gewisse Kosten für mich (seien es Freunde, die Familie, das Sozialamt oder andere). Insofern bleibe ich ein „Parasit“ (sprich Abhängiger) des Systems: Keine Rede von Freiheit, bestenfalls im egoistischen Sinn.

Ich frage mich, wie man ein solch dicht vernetztes und global verankertes System überhaupt aushebeln könnte, sei dies durch andere Geldsysteme oder durch neue Handels- und Finanzstrukturen – und; gibt es nicht immer Gewinner und Verlierer dabei? Gibt es so etwas wie ein wirklich gerechtes und absolut bedingungsloses „System“ oder ist es nicht – wie immer – nicht system- sondern bewusstseinsbedingt? Gäbe es grundsätzlich Möglichkeiten globaler Veränderungen, die selbst die heilige Kuh Geld (oder doch zumindest das aktuelle Finanzsystem) in Frage stellen würden und die für alle Menschen gleichermassen ein Gewinn sein könnten? Die Frage ist deswegen so schwierig zu beantworten, weil die Umsetzung immer mit großen materiellen Verlusten gewisser Menschen verbunden bleibt. Jede Umsetzung generiert ihre Opfer, bei den Schmarotzern, die in grossem Stil in diesem System absahnen, ebenso, wie auf der anderen Seite bei den Parasiten, die damit ihre derzeitige Lebensgrundlage verlieren!

Es gibt wohl keine Jetztlösung – und schon gar keine, die eine so breite Akzeptanz fände, dass sie eine Chance zur Umsetzung bringt. Jede Veränderung eines Systems ist IMMER eine Bewusstseinsfrage! Es muss die Einsicht auf Gerechtigkeit in jedem Menschen (bei den Schmarotzern, wie bei den Parasiten) so stark sein, dass sie entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen, weil sie wissen, dass es – ganzheitlich betrachtet – letzlich wieder ein Gewinn für ALLE und für die allgemeine Lebensqualität bringen würde. Denn diese kann man nicht mit Geld kaufen…

Und das hiesse für den Einzelnen: Einsehen: „ich bin ein Schmarotzer“, oder „ich bin ein Parasit“, und entsprechende Konsequenzen daraus ziehen… (Alle nicht davon Betroffenen haben dieses Bewusstsein ja schon, nur sind es bislang wohl viel zu wenige…). Jede nicht bewusstseinsbedingte Veränderung kann bestenfalls auf der Grundlage von Gesetzen beeinflusst werden. Aber Gesetze sind relativ, sie haben den Nachteil, dass sie nicht per se für alle einsichtig sein müssen, sondern nur für die Mehrheit (…und die „Mehrheit“ ist oft nicht einmal 1/4 der Bevölkerung, wenn sie denn überhaupt gefragt wird, wie es in der Schweiz noch der Fall ist…). Und wer wehrt sich gegen diese Gesetze? Die Betroffenen natürlich! Und wer sind in diesem Fall die Betroffenen? Die Mächtigen! Und wer hat letztlich das Sagen? Eben…

…der Kreis schliesst sich und die Welt dreht sich weiter um die Sonne wie vorher. Gelder werden in bankrotte, hochverschuldete Länder gepumpt (…und das sind nicht etwa die vermeintlich schwachen Staaten, sondern prominente wie die USA usw.), es wird gedruckt, was das Zeug hält und das System wird künstlich aufgepumpt; dies obwohl jeder Scolar mittlerweile weiss, dass es so nicht ewig weitergehen kann! Und warum tut man es denn trotzdem? Weil jeder noch einen Gewinn FÜR SICH SELBER abzwacken will. So quasi: Nach mir die Sintflut! Und diese Einzelnen werden mit Sicherheit auch Gewinne machen damit. Ob sie damit persönlich glücklicher sind, bezweifle ich. Der grösste Teil aber wird langfristig nur verlieren. Müssen wir es einfach ertragen? Können wir auf sogenannten „offiziellen“ Wegen (Gesetzesvorlagen, Abstimmungen etc.) überhaupt Erfolg haben? Ist die globale Finanzmacht (und mit ihr die Politik, die Wirtschaft) nicht immer am längeren Hebel? Und verschwenden wir unsere Energien nicht letztlich am falschen Ort?

„Kopfsache“ sagt man mittlerweile auch schon beim Fussball und im Sport. Was damit gemeint ist, ist jedem klar: Die Gedanken und Emotionen prägen unser Tun und Handeln, nicht umgekehrt. Und es nützt nichts, wenn ich der beste Dribbler der Welt bin und fit wie ein Ass, gleichzeitig aber beim Anblick von 50000 tobenden Fans im Stadion in die Hosen mache. Da helfen Gesetze zur Verhinderung der Angst auch nichts. Und es den Spielern bloss zu sagen, hilft ebensowenig. Das Beispiel macht deutlich, wie eng das Bewusstsein an die Emotionen – und damit an die Handlung, gebunden ist und wie fatal oder (je nach dem) auch fördernd es sich auf diese wiederum auswirken kann. Die Angst vor meinem persönlichen Verlust, der persönlichen Arbeit, meiner Familie, Ansehen, Status usw. verhindert letztlich jedes sozialere und menschenfreundlichere Modell für ein besseres wirtschaftliches System bisher noch immer erfolgreich… (und nicht etwa der Mangel an guten Ideen…)

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

*Ich bin offen für andere Hinweise! Hin und wieder gibt es auch durchaus interessante Artikel in der Zeitschrift Zeitpunkt… zum Thema Geld

Sucht und Gesellschaft

suchtIn der UPK (Universitäre psychiatrische Klinik) in Basel findet derzeit eine Ausstellung zum Thema: „Rausch, Ekstase, Sucht“ statt. Schon schnell wird dem Betrachter der Dokumente, Bilder, Texte und Tabellen bewusst, dass es sich um ein riesiges gesellschaftliches Thema handelt. Auch wenn es hier um die Geschichte der Suchtpolitik des Kantons Basel Stadt geht, so wird dem Besucher doch schnell klar, dass ein Spiegel für die ganze gesellschaftliche Situation der Gegenwart gezeigt wird.

Was spiegelt sich denn da?
Sucht ist mit Sicherheit weiter zu fassen, als es noch vor einigen Jahrzehnten Fall war. Damals beschränkte sich der Begriff vor allem auf Tabak und Alkohol. In den Sechzigern kamen u.a. die Drogen Opium, Marihuana, Kokain und Heroin dazu, später alle möglichen „designten“ Pülverchen, Mittelchen und Wässerchen.
In den 90er Jahren, als ich noch selbst in der damaligen PUK arbeitete, begann die große Diskussion um den medialen Konsum (Fernsehen, Internet, Games etc.). Damals, in den Anfängen des Internets, war es durchaus nicht Usus, dass man diesen neuen Medien ein Sucht-potential zusprach! Heute ist das kein Thema mehr. Die Gefahren von Verhaltenssucht wurden erkannt und heiß diskutiert.

Es gab vielfältige Hilfestellungen, die dem Phänomen entgegenwirken sollten.
Es wurden zunehmend alle möglichen (und unmöglichen) Experimente unternommen, die das Suchtverhalten Erwachsener und Jugendlicher aufzeigten. So auch aktuell in einer Studie mit einer Klasse in Basel. Es ging darum, 24 Stunden aufs Internet zu verzichten!
Ich wiederhole: 24 Stunden!
Keiner der Klassenmitglieder bestand den Test!
Denn es gab immer wieder einen Grund, die Abmachung zu brechen. Hier einige Stimmen aus dem von den Schülern protokollierten Verlauf:

  • Ich konnte nicht widerstehen meine Mails auf Facebook zu checken…
  • Ich hatte keine andere Wahl, da ich ein Bewerbungsschreiben per Mail versenden musste…
  • Wie ich mich fühle? Langweilig. Langweilig. Langweilig…
  • In der Schule habe ich mein Handy nicht benutzt. Am Nachmittag musste ich Musik hören. Musik ist sehr wichtig für mich…

Bei aller „Logik“ dieser Antworten: das Problem ist langsam im gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen. Es ist sicher müssig, sich darüber auszulassen, welche Art von Sucht nun die Schädlichste im lusteren Reigen ist. In jedem Fall geht es immer um den Verlust von Eigenständigkeit. Jede Sucht ist gewissermaßen eine selbst auferlegte Freiheitsstrafe.
Die Abhängigkeit ist in jedem Fall das zentrale Thema. Ob es ein Stoff ist oder ein psychischer oder sozialer Faktor: die Folge bleibt immer gleich: Bindung und Abhängigkeit.

Die Präventionsmaßnahmen oder die „Suchtbekämpfung“ sehen jedenfalls sehr unterschiedlich aus. In vielen Fällen werden weniger die eigentlichen Wurzeln angegangen, als vielmehr ein „gemäßigter Umgang“ mit den Mitteln angestrebt. Aber eben, was heißt gemäßigt? Kann ein Süchtiger überhaupt mäßigen? Oder ist es eben nicht gerade das Überschreiten des gesunden Maßes, was die Sucht erst ausmacht? So oder so, das Übel liegt wohl tiefer.

Natürlich gibt es nahe liegende Zusammenhänge zwischen Sucht und Psyche, zwischen Sucht und Depressionen, zwischen Sucht und Angst, Sucht und Psychose  usw. Man kann aber davon ausgehen, dass die Kernthemen überall tiefer liegen. Die moderne Gesellschaft ist keine Einheit mehr. Auf der einen Seite werden künstliche Gemeinschaften geschaffen, welche diese Einheit vortäuschen sollen (Staatenbünde, Interessengemeinschaften etc.), auf der anderen Seite zerfallen immer mehr die Grundelemente jeglicher Einheit bildender Faktoren, wie Gerechtigkeit, Toleranz, Achtung und Mitgefühl. Die Gesellschaft, so scheint es, ist global ausgebrannt, ist nicht mehr in der Lage, ihre Individuen mitzutragen, Hüllen zu bilden, oder meinetwegen auch ein Heimatgefühl, welches den Reiz von jeglicher Maßlosigkeit verhindern oder zumindest dämpfen könnte. In diesem Fokus steht die Sucht allerdings nicht alleine, sondern wohl jede Art von Überreaktionen, also auch jene von Gewalt und Kriminalität.

Was bleibt als Eindruck übrig?
Die oberste und wichtigste aller Kompetenzen zur Förderung eines gesellschaftlichen Bewusstseins steht und fällt mit der Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen. Nur wer sich in der Auseinandersetzung mit sich selbst erkennt, bildet neue soziale Fähigkeiten heran, die diesen Überreizungen entgegenwirken können… genau so stand es schon vor Jahrtausenden am Tempel zu Delphi: „Erkenne dich selbst“.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

 

Glaube macht selig, Wissen ist Macht, Erleben Realität

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Vor einigen Jahren noch hätte ich Erkenntnis und Wissen über Glauben gestellt. Heute denke ich darüber nach, ob das wirklich so ist? Ganz im Sinne des letzthin geposteten Gedankens über die „Instabilität als Triebkraft„, ist es durchaus ratsam, immer wieder auch Grundsätzliches in Frage zu stellen…

Auf der Ebene des Wissens ist die Einsicht verhältnismäßig einfach. Hingegen aus einer tieferen Ebene heraus betrachtet, komme ich schnell ins Schleudern. Erkennen ist jedoch nicht nur mit Wissen verbunden. Wenn ich mir Dinge aneigne, Zusammenhänge analysiere und gedanklich durchdringe, habe ich etwas gewonnen. Ich schaffe damit Vorteile, die im beruflichen Alltag und für das gewöhnliche Leben wichtig sind. Im Raum der Gegenstände und der Formen fühle ich mich sicherer damit. Dabei geht es vor allem um das Zerstückeln der Welt in kleine und kleinste Teilchen. Etwas anderes kann ich mit dieser Art Wissen nie erreichen.
Der normale User eines Computers zum Beispiel sieht die Kiste, Maus und Tastatur und den Bildschirm vor sich. Er weiß, wie er das Ding zu starten hat und kann einige Programme bedienen, weil er weiß, wo er hinklicken muss. Der etwas „tiefer eingeweihte“ PC-User hat die Kiste schon auch mal von innen betrachtet. Er weiß, da gibt es ein Netztteil, ein Motherboard mit Sockel und Prozessor. Er findet vielleicht sogar die Speicherriegel und kann sie auswechseln. Er kann ein Laufwerk anschließen oder einen CD/DVD-Player. Oder vielleicht kennt er sich sogar mit Grafikkarten und Soundkarten aus.

Noch einen Schritt tiefer in die „Materie“ folgt ein User mit Expertenwissen. Der kennt jetzt die Sprache des Computers bis in die feinsten Tiefen. Er weiß, wie er mit den für den Laien skurrilen Zeichen einer Programmiersprache umgehen muss, weiß etwas über Java, C/C+-Programmierung, über Server, Apache, Linux usw. Und dann gibt es diejenigen, welche in die allertiefsten Innereien vordringen können, von denen der Normalsterbliche keine Begriffe mehr hat!

Dies alles ließe sich auch auf andere Bereiche des Wissens anwenden. Wo auch immer wir unseren Blick hinlenken: Immer geht es darum, die Teile zu zerkleinern um tiefer „in die Materie“ einzudringen. So können wir selbstverständlich auch in die Pflanzenwelt oder in die Tierwelt eindringen und uns darüber Gedanken machen, wie alles zusammengesetzt ist. Doch eines werden wir mit dieser Methode niemals herausfinden: das Leben selbst. Deswegen nicht, weil es nicht das Resultat oder das Produkt von Teilchen ist! Die Teilchenwelt lässt sich in die vielfältigsten Zusammenhänge hinein zerlegen und begreifen! Selbst in der Philosophie und in der Geisteswissenschaft kann man dies tun!

Erkenntnisse „höherer“ Art werden somit durch unser Denken entschlüsselt, ohne damit an das Wesentliche heranzukommen. Das Denken befähigt uns, Zusammenhänge zu schaffen. Aber dazu brauchen wir die Teile, aus denen die Zusammenhänge konstruiert werden! Haben wir die Teile, so können wir sie benennen (fehlt nur das geistige Band…). Es stellt sich da und dort ein Wort, ein Begriff ein. Die Begriffe füllen sich mit Vorstellungen. Die Vorstellungen wiederum haben einen subjektiven, persönlichen Charakter. Aber was ist denn dieses „Wesentliche“?

Je mehr wir uns den philosophischen Begriffen nähern, umso subjektiver sind diese Vorstellungen geprägt. Deshalb ist das Wissen wohl wenig geeignet, geistige Zusammenhänge zu finden, die einen objektiven, allgemein gültigen, für den Wissenschaftsanspruch „wahren“, Charakter haben!

Also macht doch nur der Glaube selig?
Von diesem Standpunkt her betrachtet scheint es tatsächlich so zu sein. Wenn wir nicht noch das hätten, was ich „Erleben“ nenne. Das einzige, was in der Realität stattfindet, ist das Erleben! Dies können auch Gedanken sein, auch sie können erlebt werden! Von dem Augenblick an, wo ich in das Erleben der Gedanken eintauche, stellt sich ein neues Bewusstsein ein. Denn das Erleben ist zugleich ein Wahrnehmen der Gegenstände (und auch Gedanken sind Gegenstände!). Gedanken und Gefühle können ebenso wahrgenommen werden, wie Steine, Bäume, Menschen!

Damit verlassen wir aber unsere Bindung an den Inhalt des Gedachten. Dies, obwohl wir Gedanken bilden. Wir schaffen dadurch eine neue Realität, die tiefer mitschwingt. Das ist das Erlebnis dessen, was alles trägt, die Erfahrung des Lebens selbst! Diese Erfahrung macht den Gedanken nicht etwa wertlos, sondern gibt ihm, im Gegenteil eine grössere Kraft, eine tiefere Dimension, macht ihn wesentlich.

Die Gebundenheit bewirkt, dass sich mein Selbst an den Inhalt klammert, sich damit – ein abgedroschenes Wort inzwischen – identifiziert. Dennoch bleibt der Inhalt eine Wegmarke, führt und leitet unser Tun. Aber dieses Tun wird damit reifer, gegenwärtiger und intensiver! Die neu gewonnene Tiefe, fördert zugleich einen anderen Bewusstseinszustand zutage. Manche Menschen schöpfen aus dieser Kraft heraus neue Erkenntnisse, welche sie „Glauben“ nennen. Damit ist eine Gewissheit der Erfahrung verbunden, für die sie keine Worte haben, weil es für solche Erlebnisse in unserer Sprache keine Worte gibt. So betrachtet wird auch dieser Begriff von (meinen) alten Vorstellungen ein wenig geläutert…

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft? und über Kunst – ein kreatives Thema… und noch ein Kunstbuch mit dem Titel: Form-Lust

Psychopharmaka und das Heildilemma

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Ob von der Psyche zum Körper oder vom Körper zur Psyche – die Peptide bilden den Dreh- und Angelpunkt. Sie sind die Substanzen, die Leib und Seele miteinander verbinden. Wahrscheinlich gibt es nur wenige Vorgänge, bei deren Steuerung und Funktion sie nicht eine wichtige Rolle spielen. Schaut man genau hin, so sind sie schon von der ersten Stunde an mit von der Partie. Denn das Spermium ist nicht so klug, wie bisher gedacht. Es spürt das Ei nicht aus eigener Kraft auf, sondern wird von ihm angelockt. Wodurch? Natürlich durch Peptide.

Unsere innere Apotheke ist gut sortiert. Ob Schmerzmittel, Tranquilizer, Antidepressiva oder Schlafmittel – das Gehirn stellt sie rezeptfrei und kostenlos zur Verfügung. Wahrscheinlich gibt es für viele, vielleicht sogar für alle handelsüblichen Psychopharmaka entsprechende vom Gehirn selbst produzierte Substanzen. Das hat einen einfachen Grund. Medikamente können nur dann eine Wirkung er­zielen, wenn sie die in den Zellen ablaufenden Prozesse beein­flussen können. Dies gelingt ihnen, indem sie sich an einen Re­zeptor an der Oberfläche einer Zelle binden. Dazu müssen sie al­lerdings die passende molekulare Struktur haben, sonst öffnet der Schlüssel nicht das Schloß. Doch unsere Rezeptoren sind nicht für die Pharmaindustrie gemacht, sondern für unsere eigenen »Medikamente«. Wie schlecht wir davon Gebrauch machen, zeigt der jährlich verschlungene Tablettenberg. Gelänge es uns, unser eigenes Potential besser zu nutzen, so könnten wir uns so man­chen Gang zur Apotheke sparen und würden dabei noch etwas ge­gen die Kostenexplosion im Gesundheitswesen tun.

Unsere körpereigenen Medikamente sind dabei jedem Pharma­medikament haushoch überlegen. Sie wirken gezielt und spezi­fisch. Der Körper gibt sie in der richtigen Dosierung ab, sie haben keine Nebenwirkungen und werden ohne Probleme wieder abge­baut. Im Vergleich dazu führen sich viele Medikamente wie ein Elefant im Prozellanladen auf. Sie blockieren die Rezeptoren und kümmern sich wenig um das fein abgestimmte Zusammenspiel der biochemischen Prozesse des Körpers. Die mehr oder weniger lange Liste der Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln von Medikamenten spiegelt dies wider. Erst vor kurzem wurden etwa Valiumrezeptoren auf Immunzellen entdeckt. An eine mögliche Beeinflussung des Immunsystems hat wahrscheinlich kein Dok­tor gedacht, der in den letzten dreißig Jahren seinen Patienten wegen jeder Kleinigkeit einen Tranquilizer verschrieb.

Dies alles spricht nicht gegen den gezielten Einsatz von Medika­menten, wenn es dafür eine klare medizinische Indikation gibt. Es spricht allerdings klar dafür, sich mehr um unser eigenes inne­res Heilungspotential zu kümmern. Jeder kann lernen, es für sei­ne eigene Gesundung einzusetzen. Ob wir es wissen oder nicht, wir können uns selbst heilen.

Mit jedem neuen Gedanken verändern sich das chemische Muster des Gehirns, die Zusam­mensetzung und Lokalisation seiner Botenmoleküle. Es besteht kein Zweifel daran: Unser Denken formt die materielle Realität des Gehirns. Zumindest im molekularen Bereich sind wir, was wir denken. Was sagte die vedische Literatur schon vor 5000 Jahren? Der Körper ist die Projektion des Bewußtseins. Das war ein Voll­treffer. Es scheint, die Wissenschaft ist dort angekommen, wo die Intuition schon immer war.

Jetzt zeigt sich das kunstvolle Zusammenspiel zwischen Seele und Körper in seinem ganzen Ausmaß. Genau genommen wirkt sich jeder neue Gedanke auf den ganzen Körper aus. Wenn ein angst­voller Gedanke durch den Kopf geht, zieht die Angst auch durch den Körper. Denn die mit der Angst verbundenen Botenstoffe be­einflussen das vegetative Nervensystem, verändern die Balance der Hormone, wirken sich auf den Stoffwechsel aus, auf den Blut­druck, die Körpertemperatur, die Verdauung, natürlich auch auf die Immunzellen und wahrscheinlich – wir können es noch nicht genau genug messen – auf jede einzelne Zelle. Weshalb chroni­sche Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit oder Niedergeschlagenheit sich gesundheitlich so verheerend auswirken können, ist nun of­fensichtlich: Der Körper bekommt immer wieder die gleichen »deprimierenden« Botschaften, die seine Vitalität hemmen, seine Widerstandskraft beanspruchen und seiner Gesundheit zusetzen. Doch schon im nächsten Augenblick kann sich das ganze Bild än­dern. Eine glückliche Erinnerung erzeugt ein neues Muster und löst im Körper eine »glückliche« Reaktion aus. Wie oben, so un­ten – diese alte esoterische Weisheit hat es in sich. Körper und See­le bewegen sich zwar in unterschiedlichen Welten, doch sie sind, paradox wie es ist, nicht voneinander getrennt.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Heimatgefühle

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Heimatgefühle kennt wohl jede und jeder von uns. Das Gefühl, mit einer Landschaft, mit Menschen, mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen verbunden zu sein, gehört zu unseren wichtigsten Grundemotionen. Sie können unser ganzes Leben nachhaltig beeinflussen, uns prägen und formen, bis in die Physiognomie hinein.

Doch was ist Heimat? Was passiert,wenn wir entwurzelt werden, wenn wir Land und Leute verlassen (müssen) und uns an einem fremden Ort dieser Welt ansiedeln? Was bleibt von diesem Gefühl übrig und wie sehr verändert es uns, wenn wir es nicht mehr befriedigen können?

Bausinger z. B. beschreibt den Begriff „Heimat“ (gemäß Wikipedia) folgendermaßen: „Eine einheitliche Definition existiert nicht. So ist für Bausinger Heimat eine räumlich-soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren kann, sowie ein Ort tieferen Vertrauens: „Heimat als Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist, als Rahmen, in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles, abschätzbares Handeln möglich ist – Heimat also als Gegensatz zu Fremdheit und Entfremdung, als Bereich der Aneignung, der aktiven Durchdringung, der Verlässlichkeit“ (Bausinger 1980: 20)

Es gibt aber noch ganz andere, offenere Konzepte, die einen festen Standort relativieren. So steht es ebenfalls auf Wikipedia: „Heimat ist im Gehirn jedes Menschen präsent. Heimat besteht aus einer Unmenge von Engrammen. Je länger er an einem Ort verweilt, desto stärker sind die Engramme synaptisch bei ihm verfestigt, sofern sie emotional positiv korrelieren. Heimatgefühle manifestieren sich durch wiederholte Prägung. Diesen Gedankengang hat bereits der römische Philosoph Cicero entwickelt:.[3] – Wenn emotional bejaht, können mehrere Orte für ein bestimmtes Individuum Heimat werden. Auf ähnliche Weise entstehen nicht-ortgebundene Heimatgefühle (wie das Sich-Heimisch-Fühlen in einer Sprache). Umgekehrt ergibt sich aus einer Auflösung neuronaler Strukturen im Zuge einer Demenzerkrankung oft ein Gefühl der Heimatlosigkeit, und zwar auch dann, wenn sich in der Umgebung des Erkrankten objektiv nichts Wesentliches verändert hat.[4]

Der Begriff ist, wie so viele andere auch, also nicht einheitlich definiert. Der letzte Gedanke, welcher offenbar sogar auf Cicero zurückgeht, scheint mir hingegen sehr wichtig zu sein! Er lässt den Schluss zu: Es gibt, neben der räumlichen, auch eine geistige Heimat, und diese ist durchaus recht flexibel, zumindest potenziell. Die Fähigkeit der Flexibilität ist individuell bedingt und bei jedem Menschen unterschiedlich stark. Manche können durchaus oft und ohne Probleme ihre räumliche Umgebung wechseln, sich bestens an die neue Umgebung anpassen, sich integrieren. Andere sind dazu weniger in der Lage.

Woran liegt es denn, woran liegt diese Fähigkeit? Kann man sie schulen, oder ist sie, wie meistens im normalmedizinischen Kontext, schlicht „genetisch bedingt“. Die Zigeuner z.B. tragen, gemäß solchen Vorstellungen, diese Fähigkeit sozusagen als „Wander-Gen“ schon in sich. Die Bayern vielleicht weniger… Nein, Spaß beiseite, die Frage der Wandelbarkeit unserer geistigen Veranlagung ist, vor allem in der Neurologie, ein vieldiskutiertes Thema der letzten Jahrzehnte. Und der Schluss, der aus vielen Forschungen gezogen wurde, ist eindeutig: Unser Gehirn ist extrem wandelbar! Der Begriff Neuroplastizität besagt, – und ich lasse auch dieses Mal Wikipedia sprechen: „…unter neuronaler Plastizität versteht man die Eigenschaft von SynapsenNervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abhängigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu verändern (anzupassen)“.

In der Kindheit, Jugendzeit passt sich das Gehirn und diese neuronalen Strukturen zwar seiner Umgebung an und prägen unser Denken und Fühlen, unsere Vorstellungen und damit auch unser Handeln. Gleichzeitig hat es aber auch die Fähigkeit, sich jeder neuen Situation und neuen Gedankenmustern anzupassen. Das bedeutet, dass unser Denken nicht per se abhängig bleibt von sogenannten psychologischen und sozialen „Altlasten“. Die Bedingungen für eine Veränderung liegen also in uns selbst. Wir selbst können es beeinflussen, ob uns unsere Automatismen durchs Leben begleiten bis dass der Tod uns von ihnen scheidet, ganz im Sinne von: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr“, oder ob wir jederzeit neue Wege gehen können…

Heimat ist also in uns. Es ist ein innerer Zustand, der weder vom Raum, noch von der Umgebung, und auch nicht von Menschen oder Verhältnissen abhängig ist, sondern einzig und alleine von dem, „was wir daraus machen“. Wir können also in jedem Augenblick die Zukunft verändern… und Heimatgefühle entwickeln…

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…