Kategorie-Archiv: Kommunikation

Vom Wesen der Heilung

Heilung

„Heilsam ist nur, wenn in der Menschenseele sich spiegelt die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.“

Dieser Spruch Rudolf Steiners wird gebetsmühlenartig in tausenden von anthroposophischen Institutionen in der ganzen Welt, an vielen Sitzungen, Arbeitsgruppen usw. gelesen. Wie viel darin steckt, wird sich kaum jemand bewusst, der nicht in der Lage ist, die volle Wirksamkeit dieser Aussage daraus herauszulesen. Betreten steht man davor. Dabei geht es wohl um etwas Wesentliches, wenn nicht um das Wesentlichste der anthroposophischen Geisteswissenschaft.

Heilen als innerer Impuls

Die Ausschliesslichkeit, mit der Rudolf Steiner dieses „nur“ hinstellt, ist es, was betroffen macht. Heilsam ist also etwas NUR dann, wenn in der Menschenseele sich spiegelt die ganze Gemeinschaft. Was ist denn dieses Spiegeln? Was spiegelt sich? Doch nur die Wahrheit, die absolute Wahrheit! Oft kommt sie verzerrt daher, zum Beispiel, wenn sich etwas im welligen, gekräuselten Wasser spiegelt. Aber dennoch ist es NUR das, was schon IST, was sich spiegelt. Dass es gewellt oder gekräuselt erscheint auf der Wasseroberfläche liegt nicht am sich spiegelnden Objekt, sondern am Empfänger, dem Abbildenden sozusagen.

Übertragen auf die Gemeinschaft kann man gewiss sagen, es ist die Wahrheit dieser Gemeinschaft, die sich im Einzelnen spiegeln soll. Die Wahrheit ist das All Eine, etwas Übergeordnetes, nenne man es „Gott“ oder anders. Es geht also um das Göttliche im Menschen. Dieses Göttliche lebt in jedem Menschen gleichermassen als Wahrheit. Und diese Wahrheit spiegelt sich in jedem Einzelnen. Sie ist sowohl in meinem Mitmenschen, als auch in mir gleichermassen wirksam.

Zugang zur inneren Quelle

Nur der Zugang zu dieser Quelle des All Einen wirkt heilsam. Dieses Ausschliessliche, was Rudolf Steiner in dem kleinen NUR betont – denn es ist sicher kein Zufall oder eine unbeabsichtigte Floskel, die sich darin ausdrückt – ist sehr bedeutsam. Es zeigt eben auch, wo Heilung NICHT stattfinden kann! Überall wo diese Quelle des All Einen nicht Zugriff hat in die Taten der Menschen, findet KEINE Heilung statt. Was findet denn dort statt? Und wie merkt man, dass man den Zugriff hat oder nicht? Dies sind die wichtigsten Fragen für die Therapie, für die Therapeuten, aber auch für alle, die sich mit Menschen beschäftigen und den Anspruch haben, heilen zu wollen.

Alles Wissen, alle Erfahrung, die wir im Leben anhäufen und ansammeln, bilden so etwas wie einen kleinen Kosmos, der sich dem Grossen gegenüberstellt. Es ist ein individueller Kosmos. Es ist der kleine Himmel ähnlich dem Himmel, der ein Kücken hat, wenn es in seinem Ei drin sitzt. Dieser Himmel ist nichts anderes, als die Eischale! Aber das Kücken denkt (wenn es denken könnte), das ist meine Welt! Das ist alles, was es gibt. Erst in dem Moment, wo es diese Schale durchbricht, sieht es eine neue, andere Welt.

Lernprozesse und Wissen

In einem ähnlichen Zustand befindet sich der normale Alltagsmensch. Nur dass diese „Schale“ nicht so offensichtlich ist. Sie ist gewoben aus eben diesen Erfahrungen und dem daraus resultierenden Wissen. Dieses Wissen ist sehr wichtig! Das kleine Kind erfährt irgendwann, dass eine Herdplatte auch dann heiss sein kann, wenn man es von aussen nicht sieht. Durch die Erfahrung des Berührens wird diese Tatsache überdeutlich und eindrücklich erlebbar. Dieses Kind wird es nicht ein zweites Mal tun. Es hat aus der Erfahrung gelernt. Das Lernen ist verbunden mit Gedanken, die man sich im Nachhinein über die erlebte Situation gemacht hat. Wenn nun eine neue, ähnliche Situation auftritt, wird es vielleicht die Hand erst ein paar Centimeter über der Platte halten, um langsam abzuspüren, ob die Platte noch heiss ist oder nicht. Das Kind wird aus diesem Lernprozess heraus vorsichtiger. Der Gipfel dieser Art von Wissen ist die Weisheit, die aus Klugheit resultiert.

Und so gibt es selbstverständlich in einem Menschenleben Millionen von Eindrücke, die man „lernt“. Das Erfahrene wird konserviert und „abgespeichert“. In manchen Fällen ist das gut, in anderen weniger gut. Man stelle sich vor, wie wir Autofahren würden, wenn wir uns jedes Mal überlegen müssten, wo das Gaspedal, wo die Kupplung und wo die Bremse ist! Das wäre natürlich fatal! Die Handlungen werden durch Wiederholung automatisiert oder besser „einverleibt“. Dies geschieht im „Ätherleib“.

Spiegel in der Gemeinschaft

Was also zu unserem Besten dient, indem es zur Routine wird, ist andererseits auch eine Klippe, eine Hürde. Durch das Konservieren, schaffen wir einen Mantel um uns herum, der die Erfahrungen ihrer Reinheit entzieht. Und dies wiederum bewirkt, dass wir uns im Laufe eines Lebens wie ein Kokon einhüllen in unsere eigene Welt, die Welt unserer persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Daraus bilden wir unser Gedankenleben, bilden unsere Vorstellungen. Danach richten sich all unsere Gefühle und Handlungen. Das Fatale daran ist nicht, DASS es so ist, sondern, dass wir es nicht bemerken! Das ist das Fatale, dass wir es nicht bemerken! Wir identifizieren uns immer stärker mit diesem Kokon und meinen, das seien WIR, das sei „ICH“. Aber dieses Ich ist nicht ein reines Ich, es ist ein personifiziertes, individualisiertes Ich. Es ist ein Ich, was sich eben NICHT spiegelt in der Gemeinschaft! Denn in dieser Gemeinschaft hat jeder in dieser Beziehung ein anderes Ich! Keiner von uns ist gleich. Das ist eine Binsenwahrheit, denn jeder wird es bestätigt finden.

Befreiung aus dem Kokon

Es ist äußerst schwierig, sich aus diesem Kokon zu befreien, weil er, ähnlich dem Kücken, meint, dies sei die ganze Welt. Ich bin die ganze Welt, so meint im Grunde jeder. Auch wenn er es niemals zugeben würde, verhalten tut er sich doch meistens so. Und man wird gereizt, wenn der andere eine andere Meinung hat. Achten Sie gerade JETZT darauf, wie Sie auf diese Gedanken reagieren! – Halten Sie inne. Schauen Sie für einmal nicht auf meine Gedanken, die ich hier entwickle, sondern auf Ihre Reaktion darauf, gerade in dem Moment, wo Sie dies lesen! Vielleicht haben Sie das eine oder andere Mal den Kopf geschüttelt und waren gar nicht meiner Meinung?

Sehen Sie, das „meine“ ich. Wir leben nur noch in einer abgeschlossenen Welt unserer persönlichen Meinungen. Die Gedanken, die in uns kreisen, beziehen sich zum grössten Teil auf unsere persönliche Erfahrungswelt. Und aus DIESER Welt heraus, ist HEILUNG unmöglich!

Heilsam ist nur…

Heilsam ist nur, wenn in der Menschenseele sich spiegelt die ganze Gemeinschaft (also die GANZE Wahrheit) und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft. Letzteres tut sie nur, wenn ersteres der Fall ist, das heisst, wenn es ihr gelingt, aus der persönlichen Verhaftung herauszutreten, auf Distanz zu diesem „kleinen Ich“ zu gehen. Dies aber ist das Wesen der „Selbstbeobachtung“! In ihr ERKENNT man, welcher Herren Diener man gerade ist. Denn hinter dieser Welt stecken andere „Wesen“, die uns antreiben. Sie haben freie Bahn, solange wir sie nicht erkennen. Im wahren Ich bin Ich erst „Wahrheit und Leben“. Im kleinen Ich bin ich das nicht. Das kleine Ich kann nicht „heilen“! Denn es erreicht die andere Seele nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar. Es ist gefangen in der eigenen Identität. Heilen kann es nur sich selbst und zwar in dem Moment, wo es Selbst bewusst wird!

Konsequenz Selbsterkenntnis

Konsequenz dieser Gedanken ist, dass wir nur heilsam wirken können, wenn wir uns entwickeln. Diese Entwicklung hat nur EIN Ziel. Es ist das Finden des All Einen in uns! Der Weg geht über einen Schulungsweg, der von der Imagination über die Inspiration zu der Intuition reicht. Im letzteren schaffen wir erst den Raum, der Heilung bewirkt. Das schliesst alles bosse Wissen aus. Wissen ist IMMER sekundär. Wer das Wissen zum Primaten erhebt, verleugnet sich selbst. Wissen ist ein Trittbrett der Seele, ein Entwicklungshelfer. Es kann zur wahren Weisheit führen im Akt der Selbsterkenntnis. Wieviele Philosophen, Weise, Initiierte haben dies schon gesagt und geschrieben! Selbst dies hat man immer nur als Wissen aufgenommen und so weiter vermittelt, ohne die Tat! Es steht als Wissen neben anderem Wissen und man ist froh es manchmal zitieren zu dürfen.

Ein Ruck muss durch die Gesellschaft gehen! Bis wir zu dieser Gemeinschaft heranreifen, in der sich das All Eine spiegelt. Aber TUN können wir es jederzeit, in jedem Augenblick. Denn passieren tut es immer nur im JETZT.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

Schlägt dir einer auf die rechte Wange, so halte auch die linke hin…

„Schlägt dir einer auf die rechte Wange, so halte auch die linke hin“. Aus dem Bewusstsein der Form-Ebene heraus betrachtet, ist dieser Satz einer der absurdesten Ratschläge, die man sich nur vorstellen kann. Denn recht betrachtet müssen wir in der Welt der Formen genau umgekehrt handeln. Wenn zwei sich streiten, so werden beide alles daran setzen, Argumente vorzubringen, die den anderen Schachmatt stellen.

Es wird in solchen „Zweikämpfen“ immer einen Sieger und einen Verlierer geben. Das irdische Bewusstsein verteidigt den eigenen Standpunkt gegen den anderen oft aufs äußerste. Nichts von dem oben zitierten christlichen Vorbild ist da mehr zu erkennen.

Manche geben sich schneller geschlagen, ziehen sich zurück oder tun dem Frieden zu lieb etwas, was sie eigentlich nicht tun wollten. Dennoch machen sie die Faust im Sack und grollend innerlich. Betrachtet man den Vorgang aus psycho-energetischer Sicht, so kommt man allerdings zu einem sehr überraschenden Schluss.

Die Kampfsituation schafft negative Energien bei allen Beteiligten. Stelle ich mich aktiv verteidigend gegen den anderen, so verstärke ich die allgemeine negative Energie. Der andere sucht diese Verstärkung, weil sie ihm Nahrung gibt, einen Kick verleiht. Jeder von uns hat das selber schon erlebt und kann dies nachvollziehen. Und jeder, oder wenigstens die meisten von uns, kennen auch das umgekehrte, dass ihm oder ihr Energie entzogen werden, wenn der andere auf Angriff ausgeht.

Umgekehrt verhält es sich jedoch dann, wenn ich im übertragenen Sinn, die zweite Wange hin halte . Richtig verstanden geht es hierbei aber nicht etwa darum, sich künstlich zurückzuziehen oder etwas vorzuspielen. Vielmehr ist ein Zustand der inneren Ruhe gegenüber dem Angreifer gemeint. Ein Zustand, der uns in gewissem Sinne unangreifbar/unantastbar macht. Ein unsichtbarer Schild, was wir errichten dadurch, dass wir das, was uns entgegen geschleudert wird, innerlich nicht annehmen. Es muss dabei deutlich unterschieden werden zwischen dem künstlichen und einem authentischen, inneren Rückzug. Der letztere erfordert ein hohes Mass an Geistesgegenwart und Selbstwahrnehmung. In manchen Fällen gelingt dies besser, in anderen kaum oder gar nicht.

Jedenfalls tritt in solcher ehrlicher und authentischer innerer Ruhe beim Angreifer das Gegenteil ein. Seine Kraft erlahmt! Die negative Energie wird neutralisiert oder, im besten Falle, sogar in eine positive Energie umgewandelt.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

„Ich glaube nur, was ich sehe…“ – Dogma

GlaubenVom materialistischen Standpunkt aus betrachtet, geschieht unser denken – fühlen – wollen über das Nervensystem und damit im Gehirn als deren zentralem Organ. Jeder Mensch hat ein ihm spezifisches, individuelles und unvergleichbares Gehirn.

Aus der Sicht des Materialismus erfolgen Gedanken und Gefühle aufgrund biochemischer Prozesse in den Nervenbahnen. Wenn also der Materialist sagt: „ich denke“, dann ist dieser Gedanke seiner Theorie gemäß nichts anderes, als ein Vorgang von diversen Abläufen in den Schaltstellen seines Gehirns. Jetzt kann man sich fragen, woher es denn kommen kann, dass auch nur zwei Menschen den gleichen Gedanken haben können, warum z.b. alle Materialisten sich an diese ihre eigene Theorie anlehnen können?

Wo bleibt Gott?

Das müsste doch zur Folge haben, dass es etwas Übergeordnetes gibt, etwas, was quasi über all diesen Gehirnen „in der Luft liegt“. Ein Prozess, der verschiedene Aussagen oder Meinungen zu einem Thema miteinander verbindet und von vielen Gehirnen verstanden wird, kann niemals in einem einzigen, individuellen Gehirn stattfinden. So weit so gut. Es muss also „etwas“ geben, was dem zugrundeliegenden Erkenntnisprozess übergeordnet ist und was sich in vielen Gehirnen gleichzeitig oder nacheinander manifestieren kann. Je nach Art und Offenheit des Denkenden, verbinden sich somit Gedanken untereinander zu einem objektiven Tatbestand. Wenn Sie das, was ich hier schreibe, nachvollziehen können, dann ist der Beweis erbracht, dass dem so ist. Nämlich: Dass Sie (im gleichen Moment!) – wo Sie dieses lesen – denselben Gedanken mitdenken können! Ist das nicht unglaublich? Und dann sind Sie gewiss auch kein Materialist, auch wenn Sie sich vielleicht gerne so nennen oder sehen mögen…

Und nun zum Dogma

Aber auch wenn Sie es nicht verstehen, heisst das noch lange nicht, dass Sie ein Materialist sind. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einer zu sein! Es könnte durchaus sein, dass ich meine Worte für Sie ungünstig gewählt habe, oder Begriffe eingeflochten habe, die Sie nicht zu deuten wissen – oder dass es Ihnen erst durch mehrmaliges Lesen erschliesst, was gemeint ist und so weiter…
Diese Denkmöglichkeit liegt aber jenseits des Materialismus! Sie ist sozusagen Materie unabhängig! Sobald wir das Denken außerhalb des Gehirns legen, haben wir als pragmatisch denkende Menschen ein Problem. „Ich glaube nur an das, was ich sehe…“. Dieser berühmt-berüchtigte Satz dementiert alles, was sich jenseits vom Sichtbaren, Wägbaren usw. abspielt. Konsequenterweise müssten selbst Smartphones bezweifelt werden und jegliche digitale, webbasierte Übertragung von Daten, wie ich sie eben in diesem Moment, wo ich diese Gedanken via Datenbahnen in die Wolke sende, tätige.
Aber weil es eben funktioniert, glaubt man es auch. Man macht eine grosszügige Ausnahme. Aber da beginnt auch gleichzeitig das Problem des Dogmas. Natürlich funktionieren noch ganz andere Dinge: Tausende und abertausende von sogenannten „Wunderheilungen“, seltsamen Phänomenen und dergleichen, könnten die Sache mit dem „ich glaube nur, was ich sehe“ – Dogma ebenso ins Wanken bringen. Denken Sie darüber nach…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

 

Unser Hirncache

cache„Vorstellungen sind keine Gedanken, sondern (innere, subjektive) Wahrnehmungen“

Das ist ein Gedanke!

 

 

Warum ist das nicht auch eine subjektive Vorstellung?

Ich habe ihn im Moment, im Jetzt aus der unmittelbaren Selbstbeobachtung heraus gebildet. Er stand weder in einem Buch, noch im Internet. Und ich habe ihn auch von niemandem geklaut. Leider sind wirkliche Gedanken in unserem Leben umso seltener, je älter wir werden. Ursprünglich sind wir als denkende Wesen geboren, nicht als Vorstellende. Das Denken sollen wir entwickeln, nicht das Vorstellen. Weil wir aber unser Weltbild meistens auf dieses Vorstellen stützen, ist es subjektiv. Das Denken selbst steht ausserhalb von Subjekt/Objekt!
Schon im Kleinkindalter, setzen wir den Wahrnehmungen Begriffe entgegen. Wir versuchen im Laufe der ersten Jahre das Rätsel der Dinge aufzulösen, indem wir uns denkend bemühen. Dies geschieht nach und nach und in einer äusserst grossen Ernsthaftigkeit und Anstrengung.
Daran bilden wir unser Gedankenleben aus. Im Laufe der Zeit bündeln wir solche Erfahrungen in unserm Innern und speichern sie quasi ab. So etwa wie der Browser, im sogenannten „Cache“, Daten speichert, um sie jederzeit wieder verfügbar zu halten. Wir brauchen sie dann nicht mir irgendwoher zu holen und zu „aktualisieren“ (aus dem endlosen Datennirwana), sondern können sie in Kürze aufrufen und wiedergeben.

Der „Hirncache“

Ganz ähnlich wie der Browser tun wir es auch mit unsern Vorstellungen. Was in unserem „Speicher“ übrig bleibt, in diesem „Hirncache“ , sind eben innere Bilder, genannt die Vorstellungen. Es sind Dinge, von denen wir uns (einst denkend) ein Bild gemacht haben. Dieses Bild ist gespeichert und aufgehoben und wird in ähnlichen Situationen abgerufen. Dabei brauchen wir nicht mehr zu denken! Denn wir haben es ja bereits einmal gedacht. In dieser Art und Weise erstarrt unser Innenleben allmählich, erhärtet das, was wir landläufig das „Denken“ nennen, und wir verkrusten innerlich.

Es gibt selbstverständlich Dinge, die wir nicht jedes Mal neu denken müssen. Wenn wir etwa 3×3 rechnen, dann mühen wir uns nicht jedes Mal ab, wie in der ersten Klasse, um dem Ergebnis auf die Spur zu kommen. Sondern wir entnehmen das Ergebnis quasi fertig aus diesem „Hirncache“. Das tun wir mit vielen Dingen wohl zurecht! Es gibt aber Situationen, in denen es schlicht unangebracht ist, aus dem bereits vorgestellten Ergebnis zu schöpfen. Und es ist nicht nur unangebracht, sondern asozial und durchaus auch unkünstlerisch, dies zu tun. Je mehr wir diese Seite kultivieren, umso mehr werden wir zu Automaten, Robotern.

Es ist ein fataler Irrtum, das Denken mit dem Vorstellen zu verwechseln!

Dadurch, dass wir uns mit unseren Vorstellungen in dieser Weise verbinden – und identifizieren, sodass wir darob das Denken vergessen, verhaften wir uns mit einer niedereren Dimension in uns. Genauso kann der Cache des Browsers ja nicht mit dem unendlichen Datenmeer des Internet verglichen werden. So obszön dieser Vergleich für manche computerfeindliche Menschen klingen mag (auch sie sind nur in Vorstellungen befangen!), so nahe kommt es dennoch dem Charakter dieses Faktums. Nur muss man die Sache natürlich geistiger sehen! Dort würde dieses unendliche Datenmeer (des Internet) quasi mit einem All-Einen, All-Wissenden, All-Seienden verglichen werden müssen, mit dem wir uns nur im Denken, niemals aber mit dem Vorstellen verbinden können.

Die Vorstellungen, die doch so nützlich sind „um das Rad nicht immer neu erfinden“ zu müssen, können trotzdem schwer hinderlich sein. Sie sind es an allen Orten, wo es um eine Gesinnung geht, um eine Weltanschauung oder um Selbsterkenntnis, um „Glauben“, um Religion, um alles eben, wo es um eine innere Haltung geht gegenüber dem Anderen. Nicht Abgrenzung soll erzogen werden (das tut man aber genau mit diesem „Hirncache“), sondern Verbindlichkeit, Empathie, Verständnis. Denn auch der andere Mensch hat einen solchen Hirncache erschaffen. Nur dass er dummerweise niemals kongruent ist mit meinem! Die gespeicherten Daten haben eben ihren Ursprung in den gemachten Erfahrungen und Erlebnissen. Und da sind wir alle sehr unterschiedlich geprägt.

Habe den Mut wieder zu Denken!

Menschen mit einem grossen Hirncache agieren gedächtnisorientiert. Sie sind oft redegewandt, intellektuell und haben in jeder Situation sofort die passende Meinung parat. Sie müssen nicht mehr darüber nachdenken, was ihr Gegenüber eben gerade gesagt hat, sondern schöpfen aus einem Erfahrungspool heraus, der fix und fertig vorgegeben ist. Deshalb brauchen sie auch nicht zuzuhören, was der andere sagt. Denn schon nach wenigen Sätzen stellt sich das fertige Bild ein. So ist es und nicht anders. Wie wagst du es, dies zu bezweifeln! Dabei stellt sich sofort das (in ihrem Sinne) rechte Wort ein. Ob es richtig oder falsch ist, brauchen sie nicht abzugleichen. Es wurde irgendwann einmal gedacht und fixiert. Und steht nun für immer zur Verfügung. Solche Menschen findet man überall. Sie können ebenso materiell gesinnt sein, wie auch spirituell oder hoch religiös!

Beim Denken ist das anders. Ganz anders! Es gibt nie etwas Vorgefertigtes. Zu keinem Ding, zu keiner Aussage, zu keiner Meinung, zu keiner Wahrnehmung. Alles muss immer neu, aus dem Jetzt heraus, geschaffen werden. Darin liegt ein künstlerischer Impuls. Denken ist künstlerisch. Vorstellen formalistisch. Das erste ist lebendig, das zweite tot. Denken schafft aus dem Nichts heraus etwas Neues. Es stellt der Wahrnehmung einen Inhalt entgegen und vereint sich in der Beobachtung zur Intuition. Das ist religiös!

Fazit: Füttere Deinen Hirncache nur in Notfällen. Es braucht ihn – manchmal, leider. Aber mache es Dir nicht zur Gewohnheit, daraus zu schöpfen. Entdecke die Kraft des Denkens wieder!

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… – Einblicke in die Kunsttherapie… ein Resume nach 25 Jahren…

Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft

WahrheitLetzthin stand in einer Schweizer Zeitung ein Beitrag als „Analyse“ zum runden Geburtstag des Online-Lexikons Wikipedia. Der Autor resümiert am Schluss seines Beitrages: „Was soll man also von einem Lexikon halten, das manchmal die Wahrheit sagt, manchmal nicht – und oft daherkommt wie ein schlechter Schulaufsatz? Das Lesen bei Wikipedia gleicht dem Besuch einer öffentlichen Toilette: Man weiss nicht, wer das WC vor einem benutzt hat: Es kann schmuddelig sein oder es sieht ziemlich sauber aus. Happy Birthday!“

Das freut doch jedes Medienherz der alten Garde (dabei ist der Autor noch jung!). Diese Einschätzungen werden von ihm als Wahrheit hingestellt und verallgemeinert. Gerechterweise, um jetzt nicht als schlechter Kritiker eingestuft zu werden, muss ich sagen, dass er zuvor auch ein paar gute Worte gefunden hat. Dies allerdings mit bedacht und immer leicht ironisch.
Man kann selbstverständlich geteilter Meinung sein, was die Inhalte von einem offenen Onlinelexikon wie Wikipedia angeht! Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft! Ungeachtet also, ob Sie eher an diese oder eine andere These „glauben“: Der zitierte Journalist präsentiert seine Gedanken jedenfalls als unerschütterliche Wahrheit. Sein Urteil ist – vernichtend.

Wie also solls der Toilettenbenutzer nach ihm halten?

Ähnliche Kommentare gibt es ja nicht selten in den Medien wenn es darum geht, sogenannte „freie Plattformen“ anzufechten. In die Diskussion möchte ich mich inhaltlich nicht einlassen, weil mir solche Kommentare schlichtweg zu primitiv sind, um sie ernst nehmen zu können, schon ihres Tones und Respektes wegen.
Aber was mich irritiert – und das ist nicht selten auch in der Politik gang und gäbe – ist die Art und Weise, wie man Meinungen vertritt. Der Umstand, daß es sich (lediglich) um eine Meinung handelt, wird dabei vollkommen übergangen. Man(n) stellt sich ins Zentrum der Welt und brüstet sich als Träger unerschütterlicher Wahrheit(en) im Sinne von: „Andere Gedanken darüber sind doch gar nicht möglich, wenn man einen gesunden Menschenverstand hat“ Oder: „Kritik ist hier gar nicht möglich, da muss nichts diskutiert werden“ usw.

Es gibt zwei Möglichkeiten mit Statements umzugehen, deren Aussage man nicht teilt

Erstens: das was gesagt wird ist wirklich die absolute und unerschütterliche Wahrheit. Voila! In diesem Fall muß ich mich einfach fragen, was stimmt mit mir nicht, daß ich die Ansichten nicht teilen kann. Die Folge mag eine depressive Verstimmung sein…
Es kann aber eine zweite Möglichkeit geben: Die Aussagen entsprechen nicht dem absoluten Wahrheitsgehalt, wie es deren Träger vermutet! In diesem Fall sieht alles ein wenig anders aus. Dann müsste der Autor solcher Behauptungen ein Problem haben!

Immer wieder wird die Frage nach der Wahrheit gestellt. Kann es auf der „Formebene“ so etwas wie eine universelle Wahrheit überhaupt geben? Hätten wir die Wahrheit als persönliches Gut für uns gepachtet, dann hätten wir unsere (irdische) Entwicklung wohl längst abgeschlossen. Aber gerade weil wir in einer polaren, differenzierten und geteilten Welt leben, zumindest solange wir den hiesigen Gesetzmässigkeiten unterworfen sind, kann es eine solche Wahrheit für den Einzelnen nicht geben.

Was wir Wahrheit nennen, taucht immer erst dann auf, wenn wir die Ebene des Persönlichen verlassen! Im Grunde ist dies schon der Fall, wenn wir rechnen: 3 mal 3 gleich 9! Dann haben wir diese Ebene verlassen. Ob Herr Meier oder Herr Müller rechnet, ist vollkommen irrelevant, weil sich die Mathematik auf universelle Gesetze berufen kann. Wenn jemand nicht zum Ergebnis 9 kommt, dann liegt es nicht an ihm persönlich, sondern schlicht und einfach daran, daß er nicht rechnen kann! Er kann höchstens persönlich darauf reagieren, weil er es nicht gelernt hat, weil seine Intelligenz nicht ausreicht, diese Rechnung auszuführen. Nur dann kann das Ergebnis nichts dafür. Es ist seine persönliche Angelegenheit.

Doch wie verhält es sich mit unmathematischen Aussagen? Sätze wie: „…nur weil die Massen den Texten vertrauen, ist es noch lange keine glaubwürdige Enzyklopädie“, klingen scharf! Das ist natürlich eine Binsenwahrheit. Wahrheit hat nicht zwingend etwas mit der Masse zu tun! Aber ist es Wahrheit, wenn einige wenige Wissenschaftler ihre Studien den sogenannten „seriösen Lexika“ zur Verfügung stellen? Sind diese besser recherchiert und insofern wahrer? Entdeckt man nicht sehr oft Betriebsblindheit, da wo sich angeblich das grösste Wissen befindet? Und wie viele Wissenschaftler braucht es, um alle Begriffe eines Lexikons absolut zuverlässig zu recherchieren! Und zuguterletzt, wie lange dauert es, bis selbst grösste „Wahrheiten“ dieser Art in nicht allzu ferner Zeit wieder dementiert und widerlegt werden? Die Erfahrung gibt uns hinlänglich Bescheid darüber…

Nachklang: Wikipedia und seinesgleichen hin oder her. Mein Gedanke kann nicht „Ich selbst“ sein. Er ist immer nur ein Teilaspekt meiner selbst. Wenn ich ein Bild male, dann bin ich nicht das Bild! Aber das Bild ist ein Teilaspekt von mir! Was sich als „Wahrheit“ hinstellt, sind in diesem Zusammenhang immer nur Teilaspekte seines Trägers, dessen, der den Gedanken zu seinen Taten liefert. Man kann sich durchaus fragen, weshalb er überhaupt diesen einen Gedanken denkt und nicht einen anderen… es läuft eben alles darauf hinaus, dass wir lernen, neue Ebenen zu erfahren, um dem Gedanken wieder Leben einzuhauchen…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Das innere Kind lieben lernen

Inneres KindDie Hauptfrage jeglichen Tuns, Fühlens, Denkens lautet stets, wer – WER tut es? Wer ist dieses Etwas hinter all dem, welches tut, fühlt, denkt und lenkt? Selbst wenn wir mit grossen Worten eine spirituelle Terminologie verwenden, wie im anthroposophischen Jargon oftmals von Aetherleib, Astralleib und Ich gesprochen wird, so heisst dies noch lange nicht, dass wir aus der Instanz heraus sprechen, die real und wirklich diese benannten Ebenen überschaut und durchschaut. Eine solche Instanz kann aber nur das wahre, geistige Ich sein, von dem aus wir sprechen, oder zu sprechen meinen! Was aber, wenn wir nicht aus ihm sprechen? Wer spricht dann?

Und: Warum sprechen wir denn doch darüber?

Warum wiederholen wir so gerne die Inhalte anderer, pflegen sie, als ob sie unsere eigenen Erfahrungen sind? Weil wir oftmals selber keine spirituellen Inhalte haben, die real und wirklich erlebt sind! Und weil Inhalte von anderen uns eine gewisse Sicherheit vermitteln! Weil sie uns das Gefühl geben, furchtbar gescheit zu sein! Wir füllen dann diese („objektiven“) Begriffe mit unseren persönlichen („subjektiven“) Inhalten. Aber diese Inhalte sind nicht aus der Erfahrung unmittelbar dessen entsprungen, was wir vertreten, zitierten, wiedergeben, sondern aus den persönlichen, psychischen Tiefen gewonnen – gezüchtet wäre wohl besser – die wir in unserem Leben zusammen geschustert haben. Damit bleiben wir aber auf der sinnlich-physischen Ebene und in der Dualität verhaftet. Imagination oder Inspiration ist es nicht. Und schon gar keine Intuition! Dazu müssten wir die Geheimnisse der Metamorphose erkennen.

Ein Begriff wie den des Aetherleibs zum Beispiel, ist gefüllt mit vielen Zitaten, Gedanken und Inhalten anderer.  Damit werden wir aber niemals zum wesentlichen Inhalt finden, zum eigentlichen Tatbestand, der dem Begriff zugrunde liegt. Dieses liegt in der Metamorphose. Dieser Gedanke muss letztlich erlebt werden, nicht begriffen! Goethe konnte seine Gedanken SEHEN! Er rühmte sich sogar, niemals über das Denken nachgedacht zu haben. Das musste er auch nicht, denn sein Denken war ein Imaginieren! Um diesem Erlebnis näher treten zu können, müssen wir den ganzen Wissenskram, egal welchen „Höhen“ des Kosmos er entspringen mag, egal welche geistigen Grössen dahinter stehen, egal, wieviel „objektive“ Wahrheit dahinter steckt oder nicht, über Bord werfen! Die ewig klugen Reden müssen aufhören und ein inneres Erleben – muss an deren Stelle treten! Erst so erkennen wir unser „inneres Kind“.

Die letzte Frage

Was übrig bleibt ist dann nur noch diese eine Frage: wie kommen wir an das Erleben heran? Irgendwann im Leben interessiert man sich nur noch für diese Frage. Wenn der Wissenskram es geschafft hat, uns an diese Frage heranzubringen, dann hat er uns einen guten Dienst erwiesen! Ich erinnere an Goethes „Faust“ („ich habe – ach… Philosophie, Theologie usw. studiert… und bin so klug als wie zuvor!“). Es gibt viele Konzepte, viele Anschauungen, viele Erfahrungen und Erlebnisse anderer, die wir nachlesen können, mit denen wir versuchen können, uns an unser eigenes erleben vielleicht ein Stückchen heranzutasten. Jeder dieser Wege hat eine mehr oder weniger hilfreiche Funktion. Aber die Gefahr einer Entfernung oder Entfremdung von diesem eigentlichen Ich, ist sehr gross, wenn nicht sogar unausweichlich. Keiner kann mit dem Verstand wirklich erfasst werden. Der Verstand selber ist die Mauer, die es zu überspringen oder zu durchbrechen gilt. Er ist lediglich ein Hilfsmittel, eine Krücke dafür, uns überhaupt an diese Mauer heranzutasten und irgendwann zu merken: Hey, da ist etwas, da komme ich nicht mehr weiter, das blockiert mich! Die meisten bleiben aber dort stehen und benutzen sie als Schutzwall. Ein Schutzwall, um gegen die Angriffe von aussen zu agieren, sich zu verteidigen, zu rechtfertigen, zu behaupten; sich gegen den anderen, das andere zu stellen, sich abzugrenzen, Bollwerke aufzubauen. Ein ganzes Leben scheint oft nicht auszureichen, um dies zu erkennen. Denn dazu müsste man – und es ist das Kernthema dieses Blogs – sich selbst anschauen! Wieviel Groll, Neid, Missgunst, Kampf und Unmut gibt es doch im sozialen Umfeld, oft gerade auch in spirituellen Gemeinschaften!

Selbsterkenntnis ist für viele Menschen, leider oft auch in sogenannt spirituellen Kreisen, ein Fremdwort!

Lieber hängt man sich an Floskeln, spirituell Einverleibtes, dogmatisch Verfestigtes. Man wird mir leicht auch den Vorwurf machen können, immer die gleiche Leier abzuspielen, immer die gleichen Phrasen zu dreschen. Aber ich versichere, dass es keine Phrasen sind, sondern der eigentliche (selbst erlittene!) „wunde Punkt“, an dem die meisten von uns, mich eingeschlossen, leiden. Einige erkennen ihr Übel, andere nicht. Es gäbe natürlich viel interessantere „geistige Zusammenhänge“, mit denen ich Ihr Hirn füttern könnte! Schliesslich habe ich gewiss bald die halbe Steiner-Literatur gelesen (und das ist viel!). Ich könnte Ihnen davon berichten, wie jenes sich zu diesem verhält und wie der eine Bezug wieder einen neuen Bezug zum anderen ergibt und sich verwandelt durch dieses und jenes! Und schliesslich, wie jenes mit diesem sich wieder neu verknüpft. Wie interessant und spannend doch vieles ist und doch so weit von geistig Realem entfernt! Jetzt verpackt man diese Inhalte in schöngeistige Worte und verleiht ihnen einen Hauch von Absolutheit und Ehrfurcht. Vortreffliche Analysen werden gezogen und man freut sich darüber, einen neuen Zusammenhang erkannt zu haben im Universum des Wissens! Man glaubt, diese Art von Erkenntnissen bringe uns näher an das Wesentliche (in uns) heran. Aber das ist nicht der Fall… denn

Das Wesentliche sind wir selbst

Tatsächlich rücken wir immer weiter vom Wesentlichen ab, indem wir uns mit immer neuen Inhalten verbinden und diese miteinander in immer neue Beziehungen setzen, sie erforschen und zerteilen, zerpflücken, weiter führen, und wieder zu integrieren versuchen usw. Das füttert vor allen Dingen unsere Neugierde. Es befriedigt uns in etwa so, wir uns diese oder jene neue Errungenschaft befriedigt. Meist mit einer kurzen Halbwertszeit. Bald schon versinkend im Datennirvana unserer Gehirne. Solange wir nicht imstande sind, diesen ewigen Kreislauf des Sammelns und Jagens (physisch, psychisch und mental, in Form von Wissen) zu durchbrechen, nähern wir uns keinen Schritt, auch nicht den geringsten – an uns Selbst.

„Aber wir müssen uns doch gerade von uns selbst lösen!“ sagen viele! „Du begreifst das nur nicht, mein Freund!“ Diese Stimmen meinen ein anderes Selbst, das wir auch Ego nennen. Und sie tun es tatsächlich, wenn sie Wissen sammeln, sich von sich selbst lösen, aber eben nicht vom Ego, sondern von einen anderen Selbst. Sie vermischen das eine „Ich-Gefühl“ des verhafteten Menschen mit dem anderen wahren „Ich-Gefühl“ des inneren Friedens, was wir eigentlich im Kern sind! Aber wir müssen uns vom einen kleinen selbst, dem „Ego“, unserem „inneren Kind“, auch gar nicht lösen! Das stimmt selbst auf dieser Ebene nicht! Wir müssen dieses innere Kind „nur“ LIEBEN lernen, es in die Arme schliessen, es behüten und vor allem wahrnehmen. Sehen, wohin es geht, was es tut, was es denkt und fühlt, wann es sich beleidigt fühlt, angegriffen fühlt, jähzornig wird, traurig ist usw. usf. – ganz so, wie man dies mit den eigenen, kleinen Kindern auch tun möchte. Darin besteht gerade die leidvolle Ursache aller Verwirrung, dass wir im Laufe unseres Lebens, ein eigenes, kleines, persönliches selbst schaffen, welches das andere, wahre Selbst verdeckt – und es im Regen stehen lassen! Der allein gelassene Verstand gehört zum kleinen, selbst gebastelten ichlein, welches in solcher Weise hohe Mauern erstellt über ein Leben hinweg und uns in einen Kerker der Verhaftung einsperrt. Es sind die Mauern der Verbitterung, der Angst, der Unlust usw. Wenn wir dies erkennen, beobachten und lieben lernen, dann erst kann es sich verwandeln! Dann lernen wir diesen Blick auch nach aussen zu lenken und wir vernehmen die Stimme der Natur in uns selbst, sich auf einer anderen Ebene aussprechend… in der Metamorphose.

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Mache 2016 zu Deinem Perspektivenwechsel!

PerspektivenwechselUnser Denken führt manchmal in die Irre. Die Wege, die wir im Leben beschreiten, beruhen zum grossen Teil aus dem konditionierten Pflaster vorgefertigter Meinungen und Verhaltensmuster, die uns aus der Vergangenheit eines antrainierten Egos heraus nähren. Dennoch führt es in die Irre, wenn wir das Denken unterschätzen und dessen Wert negieren. Damit schütten wir das (innere) Kind mit dem Bad aus. Um genauer zu unterscheiden, welche Qualitäten des Denkens ins Auge gefasst werden müssen, um zu einem klareren Urteil zu kommen, könnte ein Perspektivenwechsel von grossem Nutzen sein.

Es gibt grundsätzlich zweierlei Perspektiven: eine “kleine Perspektive“ und die “große“, alles umfassende „Perspektive“. Der Quell unseres Denkens ist nichts geringeres als unser „wahres Ich“. Nennt es Gott, höheres Selbst, oder anders: Begriffe sind Schall und Rauch. Es ist das zentral menschliche damit gemeint, unser geistiger Ursprung, der “Logos“ – was auch übersetzt wird mit: “Ursprung des Denkens“.
Von Ihm – und aus Ihm – entspringen ALLE unsere Gedanken! Insofern sind Gedanken der höchste Ausdruck des menschlichen Geistes – zumindest potenziell. Was aus diesem Quell entspringt ist, in reiner Form gesehen, wahre geistige Substanz.

Das Übel besteht darin, dass der Ausdruck unserer geistigen Substanz in den wenigsten Fällen rein bleibt!

Denn der Weg vom reinen Quell in die physische Realität wird im Wesentlichen von drei Schichten verdeckt. Sie wird gewissermaßen gefiltert, verunreinigt, verschmutzt und verzerrt durch diese drei Schichten.

  • Die erste Hülle bildet die Wahrnehmung durch die physischen Sinne. Sie wird durch vorgefertigte Begriffe und Vorstellungen zementiert und somit subjektiviert. Achte einen Tag lang immer wieder auf Deine Wahrnehmungen und prüfe das dahinter liegende Motiv!
  • Die zweite ist die Schicht der durch das sinnliche Wahrnehmen genährten Gefühle (Besitz, Reichtum, Macht, Sex, Begehren und so fort). Achte einmal einen Tag lang darauf, aus welchen Motiven heraus Deine Gefühle entspringen!
  • Die dritte Schicht schliesslich sind die aus der sinnlichen Wahrnehmung gewonnenen Vorstellungen, Konzepte, Dogmen, Weltanschauungen und so weiter, die zu Deinen handlungsleitenden Impulsen werden. Achte einen Tag lang auf Deine Vorstellungen, woher sie kommen, woraus sie genährt werden, wohin sie Dich führen und leiten! Für die Wahrnehmung aller drei Schichten benötigt man Selbstbeobachtung und die Fähigkeit der Selbstreflexion.

Der wahre Kern, unsere tiefe geistige Substanz ist ein Ort der Stille und der Freiheit, des Glücks und der Liebe. Er wird verdeckt durch die sinnliche, materielle Welt, der daraus resultierenden Gefühle und Gedanken. Wenn diese Aussage wertend aufgefasst wird, so entspricht sie lediglich einem weiteren von unendlichen Konzepten und vermag sich nicht aus dem ewigen Kreislauf der intellektuellen Betrachtungsweise zu befreien. Damit aber bleibt sie unfrei! Was auch immer zum intellektuellen Konzept gemacht wird, ist dieser Gefahr unterworfen, seien die Inhalte noch so menschlich und edel; buddhistisch, christlich, anthroposophisch oder irgendeiner spirituellen Weltanschauung entspringend. So ist die Sache hier aber nicht gemeint! Man muss jedem Ding wertungsfrei gegenüberstehen können um nicht zum vornherein wieder in die Vorstellungsfalle zu tappen. Und das darf keine Phrase bleiben!

Die drei Schleier werden durch unsere  Identifikation  mit Ihnen genährt und aufrecht erhalten („unsere“ heisst die des Egos, des Alltagsbewusstseins).

Kein Weg führt deshalb an der Erkenntnis derselben vorbei. Aus der sinnlichen Wahrnehmung wird die Wahrnehmung „rein“ durch ein unbeschwertes und vorurteilsloses Bewusstsein der Gegenwart; aus den Verblendungen wird ein reines Fühlen gewonnen an den reinen Wahrnehmungen, das ist Liebe; und aus der Welt der Vorstellungen gebiert ihnen das Höchste, wenn sie durch die Selbst-Beobachtung erkannt (und damit erlöst) wird, nämlich wahre Selbsterkenntnis. Nur so kann der Perspektivenwechsel vollzogen werden, von der kleinen zur grossen Perspektive. Der Begriff Perspektive löst sich damit gleichzeitig auf, denn das Erleben dessen, was sich hier auftut, ist allumfassend.

Jeder Mensch ist gewissermaßen ein Märchenprinz oder eine Märchenprinzessin, allerdings geschlechtslos, verdeckt durch die drei Hüllen: die Hülle der Materie, die Hülle der sinnlich genährten Gefühle und die Hülle der daraus gebildeten Vorstellungen. So sicher wie der Weg jedes tieferen Märchens zur Ent-Deckung dieser drei Hüllen und damit ins Königreich, zum Königtum führt, so sicher wird dieser Weg geleitet von der Kraft der Liebe! Sie ist, wenn es die wahre Liebe ist, das Grundgefühl hinter jedem reinen Gefühl, so wie die Angst das Grundgefühl hinter jeder Verblendung ist. Die Falle ist eine ins rein sinnliche herabgedämpfte „Liebe“, welche diesem Begriff nicht mehr würdig ist. Das Resultat ist die Pech-Marie!

Mach Dich auf den Weg! Der Jahreswechsel ist immer ein guter Grund, sich etwas Grosses vorzunehmen! In diesem Sinn wünsche ich all meinen Lesern und Leserinnen ein interessantes und segensreiches neues Jahr!

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Besitz- Freude und Schenk- Freude

FreudeLetzthin sah ich in der Stadt einen älteren, sportlichen Mann auf seinem Fahrrad. Warum er mir auffiel, weiss ich nicht. Er hatte nichts Besonderes an sich, nichts, was herausstach oder sich vom Normalalltäglichen abhob. Vielleicht war gerade dies so charakteristisch spezifisch und augenfällig: das Normale. Auf seinem Gesicht, welches ich nur flüchtig erheischte, lag eine gewisse Fröhlichkeit.
Sein Lachen hatte in mir jedoch irgendwie seltsam nachgeklungen. Es fiel mir in der Folge auf – weitere lachende, scheinbar frohe Gesichter beobachtend – wie unterschiedlich die Qualität der Freude ausgedrückt werden kann!

Das Lachen jenes Mannes liess eine Freude durchscheinen, die sich auf etwas Bestimmtes bezog; eine freudige Erwartung im Sinne von: Jetzt kann ich mir endlich den neuesten iMac leisten, nachdem ich meine Frau davon überzeugen konnte. Wie geil ist es, jetzt das Ding zu kaufen! Die Freude des zum Mediashop fahrenden Mannes bezog sich auf eine Art äusserer Befriedigung, die jeder kennt, wenn er oder sie sich in irgend einer Art und Weise materiell befriedigt. Es mag so oder anders gewesen sein; Mediashop oder Geliebte, jedenfalls stimmte das Gefühl in diesem Sinne betrachtet…

Die meisten lachenden Gesichter, die ich in der Folge beobachtete, boten mir einen ähnlichen Ausdruck: sie bezogen sich auf irgendwelche materiellen Dinge oder Erwartungen. Es war aus ihnen zu lesen: jetzt bekomme ich etwas! Achten Sie einmal, wenn Sie durch eine Stadt spazieren, auf dieses Lachen! Versuchen Sie herauszufinden, welches der Antrieb für das Lachen auf den Gesichtern – wenn sich denn ein solches zeigt – ist! Meine persönliche Erfahrung war ernüchternd! Das meiste schien diesen Haben-Charakter zu tragen.

Wie anders ist es doch, wenn jemand nicht lacht, weil er oder sie etwas bekommt, etwas erwartet, was ihm oder ihr zusteht – was also infolgedessen auf Besitz ausgerichtet ist! Wenn sich ein Lachen in einem Gesicht zeigt, welches nicht etwas von anderen für sich selbst haben will, sondern etwas geschenkt hat, anderen etwas gegeben hat! Die Qualität einer solchen Freude, zeigt mehr als blosse Selbstlosigkeit, blosse Demut oder asketisches Gehabe.

Ein Lachen dieser Art schenkt selbst, aus sich heraus, etwas viel Kostbareres, lässt etwas spürbar machen, was sich im Hintergrund von einer Art „permanenter Persönlichkeit“, einer Art „geistigem Ich“, oder wie man es nennen will, kund tut! Es tritt hervor aus dem Schleier der egoverhafteten Persönlichkeit, durchbricht diesen (wenigstens für Momente) und wirkt heilend auf die Umgebung! So, wie die Sonne, die hinter den Nebelschwaden hervorbricht alles in ein vollkommen neues Licht verwandelt! Solche Schenk-Freude berührt jeden von uns. Sie kommt aus einer tieferen Ebene, als die Besitz-Freude und hat eine enorme Wandlungskraft! Das „Haben“ verblasst im Schein des „Seins“.

…ähnliches habe ich letzte Woche auf dem Gesicht meiner verstorbenen Mutter auf ihrem Totenbett gesehen… dies sei ihr zum Gedenken!

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Lob des Denkens…

…mit gedanklichen Einwänden

DenkenZuweilen wird gestritten, ob das menschliche Denken nicht mehr zerstöre, als es aufbaut. Es wird manchmal über die Intellektualität der westlichen Gesellschaft gewettert und deutlich gemacht, dass wir mehr menschliche Wärme benötigen und unsere Gefühle stärken sollen, anstatt alles zu analysieren und zu zerpflücken. Dabei gibt es sehr große Meinungsverschiedenheiten darüber, was denn Denken überhaupt sei… und alles dies, mit Verlaub, geschieht mit demselben Werkzeug, welches menschliche Kommunikation auszeichnet: dem Denken! Allein dies zeigt schon die Unmöglichkeit, das Denken streitig zu machen.

Wie auch immer die Einwände dagegen sind; sie können nur immer wieder durch Gedanken vermittelt werden. Sicher, das ist eine Binsenwahrheit und man kann sich darüber ärgern, dass das Denken zum Thema eines Artikels wird, zum wiederholten Male. Überhaupt, was will der ständig mit seinen Aufrufen zur Bewusstseinsentwicklung! Soll das doch mal etwas lockerer nehmen. Sich ein bisschen gehen lassen, gelassener werden. Einwände, die ich gelegentlich zu hören bekomme… es gibt doch so viele andere, schönere Geschichten. Zum Beispiel, wie drollig meine Katze sich wieder am Fußende meines Bettes wälzt. Oder der neueste Song von dieser oder jener Gruppe, auch schön. Vielleicht auch gerade nicht schön. Lässt sich doch so wunderbar streiten darüber, ob der Song nun schön ist oder nicht schön ist.

Auch andere Geschichten wälzen und belasten uns tagtäglich. Wir hören sie, sehen sie am Radio, im Fernsehen: Informationsfluten über Kriege, Schlachten, Mord und Totschlag, Einbrecher, Abzocker, Geldwäscher und andere üble Dinge. Sie nehmen uns in Beschlag und benebeln uns durch die Überfülle, das Zuviel (des Schlechten). Wie viel Leid können wir ertragen? 5 Kriege, 6 Abzocker, 3 Kindsmörder und sechs tragische Unfälle. Und dies alles in 15 Minuten Hauptnachrichten! Nur ein einziger Fall, der uns persönlich betreffen würde, genügte, um uns für Tage, Wochen, Monate in eine tiefe Krise zu führen…

Bei alledem fragt man sich schon, welchen Wert diese Informationsfülle hat? Was wir „Denken“ nennen, ist eben normalerweise nicht ein aktives, innerlich beteiligtes Verstehen wollen, sondern ein passives Hinnehmen von Bildern und Vorstellungsfluten, die (meistens) ungefiltert an uns herantreten. Unsere Wahrnehmung geht dahin und dorthin, streift durch die Schaufenster, Bildschirme und Objekte unserer Umgebung. Und gleichzeitig läuft innerlich, in uns, ein Film ab von Assoziationen und Erlebnissen: Dinge, die wir noch zu erledigen haben oder die wir hinter uns gebracht haben und die einen fahlen Nachgeschmack hinterließen. Dies alles füllt unser „Bewusstsein“ und lässt wenig Raum übrig für das Wesentliche! Über das, was hinter dieser Fassade eines getrübten Blickes lebt und seinen Anspruch an uns fordert, ein Leben lang. Jedoch von uns nicht gesehen wird, weil unser Blick dafür verdeckt ist…

Und alles nennen wir „denken“. Und die Forderung nach etwas Neuem, unentdecktem ist sicherlich nicht ungerechtfertigt! Aber deswegen das Kind mit dem Bade ausschütten? Wie sollen wir denn zu diesem Neuen finden, wenn wir das Denken einfach ausschalten? Wir können träumen oder schlafen, einerlei, da haben wir es tatsächlich ausgeschaltet. Manche nennen es Meditation. Was aber tun sie anderes, als mit herabgedämpftem Bewusstsein in den Tag hinein zu träumen.

Allein, das Verwoben sein, das verhaftet sein mit den Vorstellungen, die uns passiv ständig belagern, macht es uns unmöglich, hinter die Fassade unserer Persönlichkeit zu blicken. Aber hinter der Fassade lebt etwas in jedem Menschen, was er nie mehr missen möchte, wenn er es einmal „gesehen“ oder gefühlt, entdeckt hat!

Das Denken ist eine menschliche Kraft, die es uns ermöglicht, solche Wege zu beschreiten. Deshalb ist es nicht nur wichtig, sondern absolut unerlässlich. Das heißt aber nicht, dass das Denken selbst schon das Geistige ist! Es ist vielmehr eine Brücke zum Geistigen Ganzen in uns. Das Problem besteht im Erkennen dessen, was uns an Gedanken tagtäglich durchzieht. Die, ganze oder teilweise, Verhaftung mit den Vorstellungen und Bildern führt dazu, dass wir die Motive für unser Handeln nicht mehr erkennen können. Es gibt sicherlich Extremfälle, Affekthandlungen, die dies ziemlich krass dokumentieren und jedem verständlich machen. Das wird auch niemand abstreiten können. Aber sonst? Was geht das mich an? Ich habe doch alles im Griff? Sobald wir anfangen, ein wenig wacher zu sein in dem, was uns an Vorstellungen stets durchzieht, merken wir, dass es durchaus nicht so ist, dass wir „alles im Griff“ hätten. Schon die ersten Bemühungen in diese Richtung werden uns wachrütteln. Wären wir tatsächlich immer der eigene „Herr im Haus“, dann hätten wir keine Probleme mehr, die uns seelisch bedrängen würden. Die Statistik zunehmender psychiatrischer Leiden zeigt indessen etwas anderes…

Bereits in den ersten Kapiteln von Rudolf Steiners Einweihungsbuch mit dem etwas antiquierten Titel: „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“, steht, dass man versuchen soll, sich wie ein Fremder gegenüberzustehen. Im Prinzip läuft dies (zunächst) auf eine „Gedankenkontrolle“ hinaus. Das heißt, wir sollen versuchen, dadurch, dass wir uns selbst Inhalte schaffen, uns von den automatisierten Vorstellungen mehr und mehr zu lösen. Die Kraft, die dann erwächst, wenn man sich in solcher Art und Weise, wie von Steiner beschrieben, für eine Weile auf einen bestimmten Gedanken konzentriert, wird uns befähigen, später, wenn wir uns einige Übung darin erschaffen haben, auch diesen selbst geschaffenen Inhalt wieder wegzumachen. Und dann befinden wir uns in einem „geistigen Raum“, der nun nicht mehr am Gedanken „klebt“, sondern dahinter, darüber oder wie auch immer steht, ihn im Grunde, zeit- und „raumlos“, umfasst. Dass nun zu dieser Schulung eine Grundhaltung der Ehrfurcht und Achtung gehört, versteht sich fast von selbst. Das Wesentliche in solchem Erleben aber ist das betreten einer höheren Dimension, in der sich alles auflöst, was uns sowohl an die Vergangenheit wie an die Zukunft bindet. Es ist ein Zustand absoluter Geistes-Gegenwart…

Die Brücke, die das Denken schafft, ist das Hinweisen und Hinführen an diese Erlebnisse. Deswegen ist es nicht etwa wegzumachen oder zu verdrängen, sondern im Gegenteil, zu stärken! „Lob dem Denken“ also… und dies in gedanklicher Art und Weise… sei an dieser Stelle mein Credo!

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Willkommen im Club der Unbelehrbaren!

UnbelehrbareGehören Sie, wie ich, zu den Menschen, die sich im Laufe der Jahre zwar recht viel Wissen angeeignet haben, aber in der Umsetzung des Gelernten oft schlicht zu faul sind? Zwar kennen Sie alle möglichen Einwände, die man zu gewissen Handlungen, Konzepten, Anschauungen machen könnte, wissen auch, dass Ihr Verhalten Sie in manchen Situationen nicht weiter bringt, tun es aber trotzdem immer wieder (oder gerade nicht)?

Willkommen im Club der Unbelehrbaren! Ich kenne diese Pleite zur Genüge und mache stets von neuem wieder Vorsätze in Richtung Besserung (nicht nur am Jahresende). Doch wie Sie ebenfalls wohl wissen: der Weg zur Hölle ist genau damit gepflastert…

Warum nur tut man sich so schwer damit, einmal Erkanntes wirklich und radikal umzusetzen? Warum fällt man immer wieder auf dieselben Tricks und Trotts herein?
Wissen befriedigt offenbar unser Gemüt so sehr, dass wir – trotz Einsicht – keinen Bedarf mehr haben, tiefer zu gehen und vor allem, in die Tat zu schreiten. Wir leiden vielleicht an einer Krankheit und plötzlich erfahren wir vom Arzt, wie die Krankheit heißt, nur das. Allein der Name befriedigt uns scheinbar zur Genüge. Das Wissen darum, wie die Krankheit heißt und vertrauen zu dem ganzen Heilungsapparat, der bestimmt ein Mittelchen dagegen hat, genügt offensichtlich den meisten. Die Hoffnung darauf entlastet uns sehr, obwohl das Leiden dadurch nicht weniger geworden ist. Vielleicht laufen die Prozesse ähnlich in unserem Geldsystem, deren natürlicher Zerfall sich “auf Teufel komm raus“ und entgegen jeder Vernunft, verzögert und verlängert durch raffinierte finanztechnische Methoden. Doch lassen wir diesen Aspekt beiseite. Die Grundsatzfrage lautet: Warum verfallen wir immer wieder denselben Mustern, Lastern und Eigenheiten und lassen uns von ihnen leiten.

Vielleicht haben Sie gelernt Auto zu fahren? Dann kennen Sie den Unterschied von Wissen und Erleben sehr gut! Würden Sie noch heute, nach vielen Jahren in der Praxis, mit dem Verstand fahren und an jede Hand- oder Fußbewegung denken während des fahrens und lenkens, dann hätten Sie wohl bald einen Totalschaden! Müssten Sie jedes mal überlegen, wo das Brems- und wo das Gaspedal ist, kämen Sie sehr schnell in oberbrenzlige Situationen! Und genauso ist es mit allen unseren Handlungen, unseren gelernten Verrichtungen. So geht es dem Maurer und dem Schreiner ebenso, wenn sie ihr Handwerk ausüben. Was man sich anfangs erst mühsam über den Kopf aneignen musste, geht nach einiger Zeit in eine Art lebendigen Tuns über, prägt sich in „Leib und Seele“ ein, wie man so schön sagt. Diese Art von „gelebtem Handwerk“ geht dem rein intellektuellen Tun mit „lockerer Hand“ voran!

So ist es mit allen Dingen, egal ob sie die praktischen Taten betreffen oder unser Gedankenleben. Nur, in gewissem Sinne sind auch die Gedanken praktische Taten. Auch hier gibt es immer beide genannten Ebenen, die intellektuelle, rein vom Kopf her verstandene und die in tiefstem und wahrstem Sinne begriffene! So können die unterschiedlichsten Konzepte entstehen, wie wir die Welt anschauen und verändern möchten. Immer geht das Erlebte tiefer, weiter als das intellektuelle, rein vom Kopfe her gesteuerte Wissen.

So ging es mir mit manchen Büchern, die mir wirklich am Herzen lagen. Anfangs waren es nur Texte/Gedanken anderer. Man las den Inhalt, verstand einiges, anderes wiederum nicht. Es mag sein, dass von Anfang an eine Art Zauber darin lag, den man aber noch nicht so recht zu deuten wusste. Aber er ließ uns die Texte immer wieder von neuem lesen. Und mit jedem lesen, mit jedem verflossenen Zeitabschnitt gewann der Inhalt mehr und mehr an Tiefe. Irgendwann ist die Verbindung damit so groß geworden, dass man damit zu Leben beginnt. Es ist mit Bestimmtheit nicht mehr dasselbe Buch, derselbe Inhalt, wie das dogmatische Aufnehmen von Wissen davor! Wenn Gedanken lebendig werden, verlieren sie jeden Staub und jede Trockenheit eines “aufgetörnten“ Verstandes. So lebendig erging es mir persönlich nur mit sehr wenigen Büchern. Die meisten liest man ohnehin nur einmal oder gar nicht zu Ende. Gerade die angesprochene Erfahrung aber zeigt, wie viel mehr Tiefe die „Gedanken“ haben können, jedenfalls viel tiefer, als wenn man sie nur oberflächlich aufnimmt. Und dies gilt natürlich in allen Belangen, nicht nur bei Büchern, Texten, sondern auch in Begegnungen, Erfahrungen, „Erlebtem“!

Für Außenstehende ist es nicht immer leicht herauszufinden, ob jemand Gedanken/Taten wirklich (nach-) erlebt oder nur trocken wiedergibt. Die Erfahrung dessen geschieht oft intuitiv, aber zuweilen unbewusst. Dennoch haben erlebte Gedanken wesentlich mehr Kraft und Energie in sich, als die trockenen, auch wenn die Worte die gleichen bleiben. Das erkennt man durchaus. Denn man kann es eben selbst nacherleben! Die Kraft der gelebten Gedanken überträgt sich auf den Leser und insbesondere auf den Zuhörer. Auf der anderen Seite bewirken trockene Gedanken oft das Gegenteil: zuweilen schläft man dabei ein. Dies wäre wohl der Glücksfall.
Die Unbelehrbarkeit jedenfalls hängt mit der Tatsache zusammen, dass wir nicht bereit sind, uns auf die tiefere Ebene der Dinge einzulassen. Auf der Oberfläche spielen immer Argumente gegen Argumente, Tatsachen gegen andere Tatsachen. Das Verweilen auf dem einmal Erlernten konserviert unser Bewusstsein, trocknet es aus. Vielleicht geschehen die wirklich wichtigen Dinge sogar ausserhalb dieser Gedankenwelt. Vielleicht ereignet sich das Wesentliche zwischen den Gedanken?

Gedankenschnippsel vom Sonntagnachmittag, den 13. September 2015…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…