Hervorgehobener Artikel

Warum ich schreibe…

Die Gedanken, die hier als Beiträge und Aufsätze veröffentlicht werden, sind aus dem Lebensalltag meiner künstlerischen und kunsttherapeutischen Arbeit heraus entstanden. Auch wenn sie nicht immer, oder für manche sogar selten, einen konkreten Bezug zu Kunst und Kunsttherapie aufzeigen, so gewiss doch ist der Zusammenhang gegeben. Es sind gewissermassen „Abfallprodukte“ meiner therapeutischen Tätigkeit. Dies soll nicht despektierlich gemeint sein. Vielmehr sammeln sie sich, ähnlich wie der Abfall des scheinbar „wertvollen“ Inhalts, am Rande des persönlichen oder gesellschaftlichen Lebens an. Abfall ist etwas, was „abgefallen“ ist vom „normalen“ Leben, ausgesondert. Aus dem Zusammenhang gerissen, dramatisiert es die Verhältnisse, weckt aber gleichzeitig auf, schafft Bewusstsein. Das Pathologische unterzieht sich so einem Heilungsprozess.

Durch Fragen, wie sie in der Auseinandersetzung mit den Menschen, die ich bisher begleiten durfte, sich stellten, weckte sich das (Selbst-) Bewusstsein. Gleichsam am Ursprung ihrer Ängste, Sorgen, Nöte und Probleme, den Lebenssituationen, die sie schaffen, der Tragik ihres Lebens überhaupt und dem sich entgegenstellen, aufrichten, auseinandersetzen; am Rande dieses Wirkens geschieht Heilung. Eine in dieser Weise „abfallende“ Kraft, die sich Raum verschafft und etwas anderes weckt: „Aufrichtende“ Kräfte schöpfend… der Wille zur Tat, zur Wandlungsbereitschaft bildend. Hieraus entsteht Dynamik. Das Schöpferische im kreativen Element wird geweckt. Es „ent – wickelt“ sich.

Gerade in der Kunst – und einer darauf gründenden Therapie – sind die Fragen „am Rande“ des „normalen“ sehr wichtig und ernst aufzufassen. Sie zeigen sich in jedem Werk als Gestaltungswille. Als Stagnation zunächst, als Blockade, als Stauung, als Täuschung, Phantastik usw. Deren Verwandlung im Brennpunkt des ICH ist etwas heiliges/heilendes. Es steht zentral im (Reifungs-) Prozess, gleichsam als Heiler selbst.

Nicht die Fragen nach Regeln, Konzepten, Informationen und der ganze Wissensballast, stimmen mich in dieses seltsame Geheimnis „Mensch“ ein, entschlüsseln es, deuten es, enthüllen es, sondern allein die Fähigkeit der Selbsterkenntnis und Selbstbeobachtung.
In diesem Kontext möchten meine Beiträge verstanden werden. Ich plädiere nicht auf „meins ist richtig – versteht das doch und begreift“, sondern auf empathisches Mitfühlen, Mitfragen und Mitgehen. Was daraus entsteht, kann wiederum schöpferisch (zurück-) wirken. Dies soll hier immer am Anfang stehen. Alles hat mit Allem zu tun. Insofern gibt es gar keinen „Abfall“… das versteht sich von selbst…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

geldmünze

Ohne Grund Einkommen?

Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen bringt zumindest eines an den Tag: Fragen zu scheinbar tabuisierten Themen der wirtschaftlichen Mechanismen unserer Gesellschaft. Der Fokus liegt immer mehr auf dem Geld und weniger auf den Gütern. Ist Geld ein notwendiges Übel oder ein heilbringendes Mittel einer gut funktionierenden Wirtschaft? Beides ist wohl Geschmacksache. Sicher ist, es kann nicht per se verurteilt und als etwas Schlechtes abgetan werden. Sicher ist auch, dass Geld eine Dynamik ins Leben bringt, die bei Weitem nicht allen Menschen den lebensnotwendigen Bedarf beschert. Oder wussten Sie, dass nur schon in der steinreichen Schweiz rund 1 000 000 Menschen unter der Armutsgrenze leben?

Geld ist ein (moralisches) Mittel
BrotWährenddem die einen wenig Mühe haben, den Überfluss clever und gewinnbringend anzulegen und immer weiter wachsen zu lassen, müssen andere jeden Krumen zusammenlesen, um überhaupt überleben zu können. Das liegt aber nicht am Geld selbst, sondern am Umgang damit. Wie alle „Mittler“, verbindet es zwei oder mehrere Dinge. Güter und Leistung, Arbeit und Zeit und vieles mehr. Es stellt einen Faktor dar, der mittels „barer Münze“ oder heute meist schon digital, das heißt nur als Zahl, ausgeglichen wird – (was viele nicht wissen: Letzteres ist bis heute nicht im Grundgesetz verankertes Zahlungsmittel).
Eine Leistung, die erbracht wurde, wird bemessen, eingeschätzt und dann ausgeglichen. Nur ist das so eine Sache mit den Bewertungen. Sie sind das eigentliche Problem. Es gibt viele Menschen, und zu denen zähle ich mich auch, die in ihrem Leben sehr viel Zeit und Arbeit unentgeltlich und freiwillig verrichtet haben. Dies geschah/geschieht aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus. Sie taten oder tun zum Teil dieselbe Arbeit, die ansonsten mit hohen Gehältern beglichen wird. Arbeiten, die hohe Anforderungen stellen, gute Ausbildungen und viel Erfahrung erfordern. Solche Leistungen werden im Allgemeinen hoch angesehen und geschätzt. Im Gegensatz dazu werden oft Menschen verurteilt, die sich „anmaßen“, Geld für ideelle Arbeit zu verlangen.

Freiwilligenarbeit muss man sich leisten können
Solche „Freiwilligenarbeit“ oder „ehrenamtliche“ Tätigkeiten muss man sich allerdings auch leisten können. Wenn ein Arzt, der pro Tag 1000 – 2000 Schweizer Franken verdient, an einem Tag in der Woche auf seinen Lohn verzichtet und eine soziale Tätigkeit zum Wohle der Allgemeinheit verrichtet, so ist das sehr löblich und durchaus nachahmenswert. Erwartet man dasselbe von einem Arbeitslosen, so muss das schon als Frechheit bezeichnet werden. Leider haben heute wenige Menschen eine Sensorik für eine pragmatische, soziale Gerechtigkeit und sehen nur das Endergebnis. Was dahinter steckt, wird verdrängt oder schlicht nicht wahrgenommen.

Zeit als Bemessungsfaktor
Das Abwägen der Geldmittel ist jedoch ein sozialer und äußerst diffiziler Akt. Das liegt sowohl an der Fremdeinschätzung wie an der Selbsteinschätzung jedes Einzelnen, an den persönlichen Bedürfnissen und am „gesunden Verstand“, den jeder zu haben meint. Es liegt aber auch am nötigen Weitblick und am Verständnis der Funktionalität des Geldes. Wenn jemand zu viel Geld hat, oder zu wenig, so ist daran nicht die Funktion des Geldes „schuld“, sondern die mangelhafte soziale Empathie, die den Geldwert bestimmt. Die Reife oder Unreife des Menschen macht Geld zum Segen oder zum Fluch. Dahinter stecken eine materielle und eine geistige Komponente. Der Bedarf an Gütern, Produkten, Waren und Dienstleistungen, bedarf einer Bemessung durch Zeit. Zeit ist der notwenige Faktor, der den Wert bemessen kann. Gerät dieser Faktor aus dem Ruder, dann wird Geld zum Fluch. Wenn an der Börse einige Klicks in wenigen Sekunden zu immensen Gewinnen führen können, dann beeinflusst dies den gesamten Handel. Es zwingt normale wirtschaftliche Abläufe zur Rationalisierung bis hin zu absurden, untragbaren Anforderungen.

Soziale Verträglichkeit von Geld
Die geistige Komponente liegt im Innern jedes Menschen und könnte als „persönlicher Egoismus“ bezeichnet werden. Die Schwierigkeit dabei ist, dass nur immer jeder für sich selbst das Maß seines Bedarfs kennen und schöpfen soll. Keiner ist befugt, des Anderen Grenze zum Egoismus festzusetzen! Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Es gibt in verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen neue wirtschaftliche Wege, die als Versuch angesehen werden können, mit sozial verträglicheren Mitteln umzugehen. Die Basis dafür ist die „soziale Dreigliederung“ Rudolf Steiners, der „Nationalökonomische Kurs“, „Kernpunkte der sozialen Frage“ und andere Schriften. Die Latte ist für die Praxis sehr hoch angesetzt und funktioniert meistens nur mäßig bis gar nicht; oder sie wirkt sogar kontraproduktiv. Denn das Funktionieren „ehrlicher“ Löhne und die Selbsteinschätzung von Bedürfnissen, hängen an einem dünnen Fädchen zur (Un-) Freiheit. Es bedarf einer großen Reife – und – vor allem: Vertrauen aller Beteiligten! Hierin liegt eine (moralische) Bedingung. Und an beidem mangelt es zumeist! Dass in einem solchen System nur jeder für sich selbst entscheiden kann und muss, wird zum wesentlichen Streitpunkt. Keiner darf des anderen Tun und Wirken verurteilen! Und genau hier setzen Unfreiheit, Gruppenzwang und Schuldgefühle ein, die großen Schaden anrichten können. Genau dies aber sind Faktoren einer sozialen Verträglichkeit von Geld.

Der Faktor Freude
Es ist auch bedenklich, wenn man Geld nicht an Arbeit binden möchte. Denn Geld ist im Wesentlichen nur dies: Arbeit! Umgekehrt muss Arbeit nicht zwingend Geld bedeuten! Der Wert der Arbeit kann natürlicherweise auch wo anders liegen als in einem „Müssen“. Er kann schlicht und einfach in Form von Freude grosse Erfüllung bringen! Geld und Freude gegeneinander anzusetzen ist problematisch und unzulässig. Denn das Geld hat eine vollkommen andere Funktion. Es liegt im materiellen Bereich und der ist an Bedingungen geknüpft. Geld ist zum (physischen) Überleben in unserem westlichen System notwendig. Jeder hat monatliche Ausgaben, die er decken muss. Selbst ein scheinbar „geldlos lebender“ kostet Geld (nur fällt es nicht ihm an, sondern anderen, die ihn unterstützen). Alle müssen Einnahmen in Form von Geld erbringen, denn der Vermieter wird sich kaum mit der Freude zufrieden geben. Die Freude selbst aber kann nicht mit Geld bezahlt werden. Sie ist außerhalb jedes wirtschaftlichen Systems angesiedelt und hat schon viel mehr mit Liebe zu tun. Sie steht als eine geistige Kraft ausserhalb des „Systems“. Man kann jede Arbeit, die bezahlte oder die unbezahlte, mit Freude tun oder mit Missmut. Die wirkliche Freude hängt nie am monetären Gegenwert. Eine solche Freude mag näher bei der Lust stehen und hat mit der eigentlichen Tätigkeit oft wenig zu tun, sondern eher mit einem persönlichen Gewinn. Die Verbindung beider Werte könnte zum Ideal werden: Bezahlte Arbeit mit Freude zu tun! Ein „bedingungsloses Grundeinkommen“, wie es aktuell gerade im Rahmen einer Volksabstimmung  in der Schweiz diskutiert wird und am 5. Juni zur Volksabstimmung kommt, könnte ein Anfang auf diesem Weg sein. Aber gleichzeitig müsste der Fokus auf eine andere Tatsache gelenkt werden: den Wert des Geldes wieder ehrlicher und adäquater, zum reinen „Mittler“ werden zu lassen. Geld darf nicht Selbstzweck bleiben. Dazu verleitet das Zinses und Zinseszins-System in hohem Maße. Es müsste wieder in seiner urtümlichen Funktion verstanden werden, zu „Vollgeld“ werden, das heißt, es dürfte nicht primär aus Schulden geschöpftes Geld aus dem Nichts sein…

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Engel

Des Menschen Engel ist die Zeit

Was mag der deutsche Dichter Friedrich Schiller sich wohl dabei gedacht haben, als er im Wallenstein diesen Satz aussprechen liess. Immerhin ist es heutzutage in Mode gekommen, die Zeit als eine abstrakte, illusionäre Erfahrung des Denkens abzutun. „Erleuchtete“ Menschen stimmen uns ein in das Wunder einer zeitlosen Erfahrung im Jetzt, einem Raum der Zeitlosigkeit und der All- Einheit des Geistes jenseits des Denkens.

Auch wenn diese Erfahrung schön und erstrebenswert klingen mag, so kann man doch etwas wunderbares abgewinnen am Phänomen der Zeit. Was ist Zeit? Zeit ist Bewegung, Entwicklung, Fortschritt oder auch Rückschritt. In der Zeit erleben wir eine Art Kontinuum der Handlungen, der Gefühle und der Gedanken. Es passiert Veränderung. Die Zeit lässt reifen. Zeit ist aber auch Heilung! In diesem Ablauf der Ereignisse verwandelt sich unser Bewusstsein allmählich. Es durchschreitet Hürden, Tore, Gipfel, Räume, aber auch Höllen, Dunkelheit, Abgründe. Und gerade dies kann auch positiv gesehen werden. Jede Schule, jeder Lernprozess, ja der Prozess überhaupt, sind Kinder der Zeit. Sie ist der unsichtbare Träger all dieser Erfahrungen, seien sie für uns positiv oder (zunächst) negativ.

Nun ist aber diese Zeit auch nichts anderes als eine Aneinanderreihung von gegenwärtigen Momenten, von lauter Jetzt-Erfahrungen. Unser Geist alleine vermag die Brücke zu bilden über diese Momente hinaus. Er kann sich von der fernen Vergangenheit erstrecken bis in die weite Zukunft hinein. Er haftet sich an bereits gelebte Erfahrungen, grübelt darüber nach, klebt an ihnen fest und klammert sich gleichermassen an Hoffnungen, wie an Enttäuschungen. Er schürt Ängste aus dem Versagen oder Ausfallen dieser Hoffnungen. Seine „Wohnstatt“ ist aber stets die Gleiche. Es ist die Geistes-Gegenwart. Allein hier ist Zeitlosigkeit.

So bringt der Geist, unser Bewusstsein, die Illusion der Zeit zustande, indem er auf Reisen geht. Der Körper bleibt immer am gleichen Ort, nämlich im Jetzt. Aber er nimmt die Verwandlungen wahr, er reagiert auf die daraus entstehenden Erfahrungen des schweifenden Bewusttseins. Andererseits braucht er diese Reisen, um sich zu entwickeln, um sich zu erneuern. Zeit ist also der Geist der Verwandlung aus der Bewegung. Sie ist der Schutzwall, hinter dem wir uns verbergen können. Sie ist aber auch der Impuls, der zur Tat anregt, zur Sühne, zur Wiedergutmachung, zur Hilfe – und die damit letztlich zur Heilung beiträgt.
Was anderes ist der Engel, der uns begleitet und beschützt?

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

 

warmduscher

Krieg der Ideen

Der Kampf findet zuweilen schon in den Köpfen statt. Dort liegt der Urgrund vom Krieg. Ideen sind immer gut! Aber die Idee hat nur dann einen Sinn, wenn sie Realität geworden ist und nicht dort hängen bleibt, wo sie entstanden ist: im Kopf… aber was ist denn nun die beste Idee? Es ist natürlich meine Idee… oder?

Jede Idee, auch die „beste“ (aus Sicht ihres Eigners), wird mit Sicherheit ihre Gegner finden, wird Gegenargumente provozieren, die ihre Berechtigung haben. Fast jeder/jede meint, seine/ihre Idee sei die beste! Real gesehen, ist die beste Idee immer die situationsangepasste. Ideen können sich mit der Zeit verwandeln! Was zum einen Zeitpunkt gut ist, kann zu einem anderen Zeitpunkt genau das falsche sein. Ein Beispiel: Das leidige Ringen um Europas wirtschaftliche Zukunft zeigt es deutlich. Was für die Franzosen das Beste ist (Euro-Bonds), ist für Merkel das Schlechteste – im Gegenzug: Was für Merkel das Beste ist (Sparen), ist für die Franzosen das Schlechteste… Aber ich möchte mich nicht in politische Diskussionen einlassen und nun auch noch meinen bescheidenen Ideensenf (also mein Bestes) dazu geben. Schliesslich bin ich kein Finanzexperte und es geht mir jetzt auch um etwas ganz anderes.

Gute Ideen sind wichtig, aber das allerwichtigste ist, dass sich die unterschiedlichsten Ideen begegnen können! – „Ja, komm, immer diese Dialogmasche! Hauptsache wir haben darüber gesprochen usw. ! Das sind doch alles abgedroschene Begriffe!“ – „Sie kennen ja diesen Witz mit der Himmelstüre…?“ (…wohin gehen Sie lieber: in den Himmel oder zu Vorträgen über den Himmel…) Jeder Begriff, jede Idee wird früher oder später abgedroschen sein! Vor einigen Jahren gab es z.B. den Modebegriff „nachhaltig“, zu anderen Zeiten gab es wieder andere; heute gibt es diese, früher jene. Mit der Zeit verflacht jeder Begriff, je öffentlicher er wird, weil er nicht mehr mit der gleichen Tiefe erlebt wird. Das ist kaum zu vermeiden… heute spricht ja auch jeder von ganzheitlich… was er damit meint, ist eine andere Geschichte…

Begegnung lässt sich nun einmal nicht umgehen für jedes soziale Wesen und jede Entwicklung kann nur über den gemeinsamen Weg gehen. Dazu braucht es Offenheit. Für den Eisduscher wird der Kaltduscher immer ein Softie bleiben und für den Warmduscher wird der Kaltduscher ein Hardliner sein. Man kann auch darauf bestehen, dass dies bis ans Ende aller Tage so bleibt und darf sich über jeden „persönlichen Sieg“ freuen. Das heisst, wenn die eigenen Argumente den Gegner k.O.-schlagen, „bodigen“, wie es in der Boxersprache (…oder in der SVP) heisst. – Das ist doch absolut legitim und es freut den einen (…den anderen weniger). Kurzfristig verhebt diese Strategie durchaus! Mittelfristig und langfristig wird es jedoch immer nur Verlierer geben. Sicher, Argumente können auch überzeugen – besser wäre Einklang, Einigung statt Überzeugung… weil Argumente oft nur den Stärkeren bevorteilen.

Es geht also nicht um meine persönliche Idee, und um das, was ich gut oder schlecht finde; auch das ist wichtig – für mich persönlich ist es wichtig! Aber es hat zunächst nur dann einen Wert, wenn aus diesem isolierten Standpunkt wirklicher Konsens erwächst. Für mich alleine bleibt jede Idee letztlich wertlos, auch jede Weltanschauung, jedes Konzept. Einwand: „Jedes Argument bringt doch eine Erklärung und die Erklärung bringt Einsicht, so ist es doch?“ Gewiss, aber das Argument hat nur dann einen Sinn, wenn ich die Bereitschaft zeige, Gegenargumente wohlwollend aufzunehmen und bei Bedarf auch anzunehmen und nicht schon im Ansatz der „gegnerischen Intervention“ den Turbo einschalte: Statt hinzuhören, bereite ich meine eigene Gegenstrategie, den Gegenangriff vor… Und das braucht wieder eine gewisse Selbst-Reflexion… Solange ich auf dem eigenen persönlichen Standpunkt verharre, kann nur ein Mittel zum Sieg führen: der Krieg (ob im Kleinen oder im Grossen)! Manchmal ist es auch einfach Groll, Eifersucht, Neid usw. Aber es geht immer darum, Ideenwelten zusammenzubringen, egal wie sie heissen, woher sie kommen, welchen Standpunkt sie vertreten: ob politisch, kulturell, sozial, bildungsrelevant, religiös, künstlersich usw. Allein durch die Begegnung (auch, und insbesondere durch sehr unterschiedliche Wege, Ideologien, Weltanschauungen, Anliegen) kann Neues entstehen, auch wenn das von jedem die Bereitschaft zu einem Lernprozess erfordert.

Das ist doch alles idealistisches Geschwafel, wird man mir leicht entgegnen! Es geht doch um den Cashflow, um das dicke Geld! Um das Recht des Stärkeren, wie Darwin dies ausführte. Frage: Wenn Ihnen ein Mann – nennen wir ihn A.S. – für Ihre Dienste 2000.- zahlt und der zweite Herr, meinetwegen A.H. genannt, zahlt Ihnen 5000.- für den gleichen Dienst: welchen, der beiden Herren bevorzugen Sie? – Ist doch sowas von klar, natürlich den A.H. – wer würde das nicht tun? Das ist unsere normale Denkweise. Es geht gewiss nicht um Moral – wer ist der „bessere“ oder „schlechtere“ Mensch. Beides sind lediglich ihre Geschäftspartner, halt nur mit unterschiedlich dickem Portefeuille, denen Sie auch kaum moralisch auf die Pelle rücken wollen, wenn der Umsatz stimmt, zumal es sowieso nur Ihre persönliche Einschätzung von Moral gehen würde, die ja sowieso nichts aussagt… Wenn nun aber der erste Herr Albert Schweizer hiesse und der Zweite Adolf Hitler, dann würden Sie wahrscheinlich trotz allem ins Grübeln kommen, weil da nämlich noch mehr mit hinein spielt, als nur Geld und Geschäft, weil sich die Wertvorstellung plötzlich verschieben würde. Der Wert würde plötzlich nicht mehr am Verhältnis 2000:5000 gemessen, sondern an anderen Kriterien. – Solche „Geschäfte“ wurden ja gerade in der Schweiz ohne Augenzwinkern häufig getätigt… – Also doch moralisieren? Und wenn ich nun den beiden Herren sage. Gut! Sie können beide kommen. Ich gebe ihnen die Gelegenheit, sich miteinander auszutauschen, dann sieht die Sache schon wieder anders aus… (in der Hoffnung, dass der eine – hoffentlich der Richtige 🙂 – vom Anderen profitiert…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Vogel

Kann das wahre Ich bedroht werden?

Das Ich kann nicht bedroht werden. Es kann höchstens verdeckt werden. Dieses, was man in anthroposophischen Kreisen das „Ich“ nennt und als „Wesensglied“ bezeichnet, muss in seinem Wirken auf der Erde als „Ich-Organisation“, nicht aber als das wahre Ich selbst verstanden werden. Die Hülle, die diesen „reinen Geist“ umhüllt, kann verdeckt sein, kann zugepflastert sein mit allem möglichen Seelen- und Erdenkram. Aber verletzbar ist reiner Geist nicht, sonst wäre er nicht rein! Genauso wenig kann der Nebel die Sonne verletzen.

Es ist so viel zu hören von der „Verletzung des Ich“ als grösste Bedrohung der Menschheit. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat sein geistiges Erleben in Worte fassen müssen. Das bedingte, dass er ein Begriffssystem schaffen musste, welches quasi als Übersetzung von (real geistigen) Dingen diente, die in direkter Weise über das Denken keinen Zugang zu vermitteln vermögen. Den Oberbegriff „Anthroposophie“ hat er gleichfalls in diesem Sinne verstanden haben wollen, nämlich als ein lebendiges Wesen. Das Denken ist ein Wegbereiter. Solange es jedoch nur Inhalte schafft, verbindet, kombiniert, analysiert und interpretiert, befindet es sich ausserhalb reinen Geisterlebens, wie es dem „wahren Ich“ (das ist, reinem Geist) zugänglich ist. Ein solcher Zugang findet erst statt, wenn man das „Nadelöhr“ durchschreitet und an der Wurzel, am Entstehen, an der Quelle des Denkens angelangt ist. Der „Logos“ – der in manchen Übersetzungen auch als „Ursprung des Denkens“ verstanden wird und welcher, gemäss Johannes 1. Vers 1 am Anfang (von ALLEM) gestanden haben soll – meint genau dies.

Der Verstand als Endprodukt aller Weisheit

Wenn Steiner in diesem Sinne von „Wesensgliedern“ spricht, dann gibt er Unterscheidungen preis, die in dieser Art und Weise (aus der Sicht des Geistigen) nicht getrennt erlebt werden! „Ätherleib, Astralleib und ebenso der physische Leib“ sind zwar „Glieder“, aber doch niemals getrennt! Das Ich schon gar nicht. Gerade hier zeigt sich doch die All-Einheit der Dinge im Menschengeist. Das Bewusstsein muss dies alles trennen, um es verstehen zu können! So gelangt man immer wieder zum Verstand als Endprodukt aller Weisheit. Man muss aber dieses Nadelöhr durchschreiten, will man mit unmittelbarem Erleben etwas vom „Jenseits“ erfassen. Doch auch hier, in diesem bescheidenen Beitrag, stehen Begriff an Begriff, Gedanke an Gedanke gereiht. Wie also soll das gehen? Eigentlich unverstanden und seelenlos muss in dieser Weise alles werden, was sich dem Verstand unterordnet, wenn es nicht wieder zurückverwandelt wird in wahre Geistsubstanz. Und weil das wahre Ich eben solche Geistsubstanz ist, kann es nicht verletzt werden. ES IST ALLES. Sowenig wie Gott – oder wie man diese Energie nennen will – verletzt werden kann, so wenig kann dieses „Ich“ verletzt, bedroht werden, insofern es eben diesen reinen Geist darstellt. Vielmehr wird dieses Ich UMHÜLLT. Alles, was sich als Hülle zeigt, wird wahrgenommen und verarbeitet. Das ist „Normalzustand“. Und der ist wirklich SEHR normal. Das Hüllenwesen muss viel mehr gesehen werden! Denn wer seine Hülle sieht, ist schon nah am Zentrum!

Nur wahre Selbsterkenntnis ist der Weg

Um aus dem Teufelskreis des Verstandes auszubrechen, um ihn sozusagen zu „überwinden“, muss man sich in der Selbstbeobachtung üben. Denn was aus uns spricht, wird zwar auch „Ich“ genannt. Aber es unterscheidet sich von eben diesem reinen Geist genauso, wie der Nebel sich von der Sonne unterscheidet. Ist man im Nebel drin, meint man, es gäbe keine Sonne, wüsste es der Verstand nicht! Das Licht verschwindet, wird milchig und undurchsichtig, getrübt. Alles, auch jede anthroposophische, buddhistische, christliche Terminologie, was auch immer, entfernt sich in dieser Weise vom eigentlichen (erlebten) Sonnenlicht. Alle beschreiben diese „Sonne“, das „Höhere“, das „Wahre“, die „Mitte“, aber eben immer nur aus der Sicht des Benebelten. Es werden Worte gestammelt und jeder und jede versteht darunter wieder etwas anderes. So wird gestritten, weil man über etwas spricht, wovon man keine eigene Erfahrung hat. Es werden verbitterte Kriege geführt um sein Recht durchzusetzen! Und diejenigen, die die echten Erfahrungen hatten und nun wieder in Worte übersetzen müssen, verzweifeln fast daran, weil sie spüren, dass sie niemals imstande sind, das Erleben in dieser Weise UNMITTELBAR kundzutun. Ein fürchterliches Drama… denn Worte allein nützen letzlich NICHTS!

Der Anfang aller Selbsterkenntnis ist deshalb eine Erkenntnis der Hülle von einer „tiefer liegenden“ Hülle. Das ist deswegen noch kein „reiner Geist“, auch wenn man dies meint! Das „Hocharbeiten“, oder besser: “in die Tiefe arbeiten“, ist sozusagen der Erkenntnisweg, der einem das gewöhnliche Leben schon bietet. Es ist ein Ringen um einen immer „höheren“, besser “tieferen“, Standpunkt. Am „Ort“ des „wahren Kerns“, und das kann nur die Geistes-Gegenwart sein, stellt sich Stille ein… das ist erst die wirkliche Er-Leuchtung, die erste Stufe höherer Erkenntnis hat begonnen… wir stehen am ANFANG höherer Geist-Erkenntnis…

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Sind Illuminaten Erleuchtete oder Verschwörer?

BabelViele Dinge in der Weltgeschichte sollen unter dem Deckmantel eines mysteriösen Ordens, der von Adam Weishaupt im 18. Jahrhundert gegründet wurde, zu einflussreichen geschichtlichen Taten und Macht-Manipulationen geführt haben. Es gibt Begriffe, die einen ominösen (Ver-) Ruf haben. Zu ihnen gehört auch der Begriff der „Illuminaten“. Eigentlich bedeutet er „Erleuchtete“! Der Wolf versteckt sich bekanntlich gerne im Schafspelz. Man nennt sich humanistisch, sozial, menschenfreundlich usw., versteckt und vertuscht damit aber die eigentlichen hintergründigen Absichten, nämlich deren Gegenteil!

Natürlich kann man wahren Erleuchteten mit Bestimmtheit keine solchen Absichten unterstellen. Verdreht man geistige Tatsachen, so münden sie oft in eine Falle. Ob Weishaupt, Goethe, Herder und wie sie alle hiessen, die dem „Orden“ angehört haben sollen, nun „erleuchtet“ waren oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ob sie böse Absichten gehabt haben sollen im Sinne einer „teuflischen“ Manipulation der Weltgeschichte? Ich bezweifle es. Meines Wissens waren es redliche, ehrliche und durchaus aufrichtige Menschen mit hohen und hehren humanistischen Zielen.

Wie würden denn wirkliche Erleuchtete die Welt verändern wollen?

Natürlich hätte dies hohe Ziel, möchte man es mit anderen Menschen ehrlich teilen, zur Folge, einen Weg aufzuzeigen, der selbst zur Erleuchtung jedes weiblichen wie männlichen „Schülers“ führen müsste. Wer wirklich erleuchtet ist, der diese Gedanken hier liest, der weiss, dass durch die „neue Perspektive“ der Weltbetrachtung im erleuchteten Zustand sich sämtliche moralischen Werte und Vorstellungen in Luft auflösen! Es würde daraus niemals böse Absicht erwachsen können. Gerade nicht. Es gibt aber auch keine „gute“ Moral im Sinne eines festgefahrenen, konfessionellen oder sonstwie gearteten Konzeptes. Es gibt gar keine Moral! Wenn Sie den Mitmenschen und überhaupt die ganze Natur, jede Blume, jeden Stein, jedes Tier so wahrnehmen und fühlen, wie Sie Ihren eigenen Finger wahrnehmen und fühlen, dann werden Sie ihm nichts mehr antun wollen!

Die Erfahrung des All-Seins

Die Erfahrung genau dessen, einer Art All-Eins-Seins, die den erleuchteten Zustand ausmacht, durchzieht ein „neues Sehen“. Daraus gebiert keine Moral, kein gutes oder schlechtes Gewissen, sondern die einzige und wirkliche Freiheit eines Menschen. Eine Schule, die dahin führen soll, dass Menschen den Zustand der Erleuchtung erfahren sollen/können, hat bestimmte geistige Gesetzmässigkeiten zur Folge, die verhindern, dass der spirituelle Weg entweder in eine Verirrung oder in krankhafte Erscheinungen führen. Das wissen alle wahrhaftigen Einweihungs-Schulen. Es versteht sich von selbst, wer auf dem Weg dahin der eigentliche „Feind“ ist. Es ist das eigene Ego jedes Menschen! Die eigene Unzulänglichkeit des Verstandes, die Konditionierung der Vorstellungen in unserer eigenen Biografie, verhindert jede erfolgreiche Erweiterung der Sicht. Das mögen auch Weishaupt, Goethe und co. gewusst haben. Deshalb legten alle Lehrer, die etwas davon verstanden haben und hatten, einen so grossen Wert auf die Charakterschulung eines Menschen, der diesen Weg gehen wollte. Die Regeln waren zuweilen streng.

Der Schalk treibts an die Oberfläche

Wenn die Ziele einer (Verschwörer-) Macht, welche auch immer es sein soll, darin bestehen soll, sich selber zu erhöhen und den Fluss des Geldes – und damit auch die allgemeine Macht – auf sich zu ziehen, dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass dies nichts mit wirklicher „Illumination“ zu tun hat! Im Gegenteil! Dann hätten wir eben den Schafspelz, hinter dem sich der Wolf versteckt, indem er vordergründig hohe Ziele anpreist, die das Wasser letztlich auf seine eigene Mühle bringen. Das persönliche Ego jedes Menschen wird durch Massenbeeinflussung angetrieben, die kleine Welt des persönlichen Besitztums so geregelt und beeinflusst, dass er kontrollierbar bleibt, im Glauben des vermeintlichen Eigners, es sei dessen Besitz.

Gold wird mit Blei geschürft. Und dem kleinen Volk reicht das Blei durchaus, weil es meint, dass es Gold sei. Auch wenn es als Abgas aus den Motoren ihrer kleinen pseudoautonomen Fahrzeuge (genannt Auto) verpufft. Spirituell gesehen, nützen da auch jegliche „Filter“ nichts. Sie meinen, sie hätten das Gold und sterben schliesslich an ihrer (inneren) Bleivergiftung. Den Mächtigen solls recht sein, denn es gibt sowieso zu viele Nichtsnutze aus ihrer Sicht, die letztlich nur Geld kosten. In diesem Sinne gibt es wohl tatsächlich eine Art „Verschwörung“. Es ist die Verschwörung unseres Egos, die sich im Inneren jedes Einzelnen vollzieht. Die „Machthaber“ sind lediglich die Nutzniesser davon, eine Art „Super-Ego“, denn sie tun dies auch nur um ihrer selbst willen. Das ist im höchsten Zustand der grösste Reichtum durch alle weltlichen Güter. Diese Intention ist zugleich der grösste Feind wahrer Erleuchtung und am weitesten von dieser entfernt. Deren Seele ist im höchsten Mass verdunkelt, nicht erhellt. Kein Grund, ihnen nacheifern zu wollen.

Mein Fazit: Es gibt also mit Sicherheit keine wahren Illuminaten, die die Welt beherrschen wollen…

 

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft

WahrheitLetzthin stand in einer Schweizer Zeitung ein Beitrag als „Analyse“ zum runden Geburtstag des Online-Lexikons Wikipedia. Der Autor resümiert am Schluss seines Beitrages: „Was soll man also von einem Lexikon halten, das manchmal die Wahrheit sagt, manchmal nicht – und oft daherkommt wie ein schlechter Schulaufsatz? Das Lesen bei Wikipedia gleicht dem Besuch einer öffentlichen Toilette: Man weiss nicht, wer das WC vor einem benutzt hat: Es kann schmuddelig sein oder es sieht ziemlich sauber aus. Happy Birthday!“

Das freut doch jedes Medienherz der alten Garde (dabei ist der Autor noch jung!). Diese Einschätzungen werden von ihm als Wahrheit hingestellt und verallgemeinert. Gerechterweise, um jetzt nicht als schlechter Kritiker eingestuft zu werden, muss ich sagen, dass er zuvor auch ein paar gute Worte gefunden hat. Dies allerdings mit bedacht und immer leicht ironisch.
Man kann selbstverständlich geteilter Meinung sein, was die Inhalte von einem offenen Onlinelexikon wie Wikipedia angeht! Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft! Ungeachtet also, ob Sie eher an diese oder eine andere These „glauben“: Der zitierte Journalist präsentiert seine Gedanken jedenfalls als unerschütterliche Wahrheit. Sein Urteil ist – vernichtend.

Wie also solls der Toilettenbenutzer nach ihm halten?

Ähnliche Kommentare gibt es ja nicht selten in den Medien wenn es darum geht, sogenannte „freie Plattformen“ anzufechten. In die Diskussion möchte ich mich inhaltlich nicht einlassen, weil mir solche Kommentare schlichtweg zu primitiv sind, um sie ernst nehmen zu können, schon ihres Tones und Respektes wegen.
Aber was mich irritiert – und das ist nicht selten auch in der Politik gang und gäbe – ist die Art und Weise, wie man Meinungen vertritt. Der Umstand, daß es sich (lediglich) um eine Meinung handelt, wird dabei vollkommen übergangen. Man(n) stellt sich ins Zentrum der Welt und brüstet sich als Träger unerschütterlicher Wahrheit(en) im Sinne von: „Andere Gedanken darüber sind doch gar nicht möglich, wenn man einen gesunden Menschenverstand hat“ Oder: „Kritik ist hier gar nicht möglich, da muss nichts diskutiert werden“ usw.

Es gibt zwei Möglichkeiten mit Statements umzugehen, deren Aussage man nicht teilt

Erstens: das was gesagt wird ist wirklich die absolute und unerschütterliche Wahrheit. Voila! In diesem Fall muß ich mich einfach fragen, was stimmt mit mir nicht, daß ich die Ansichten nicht teilen kann. Die Folge mag eine depressive Verstimmung sein…
Es kann aber eine zweite Möglichkeit geben: Die Aussagen entsprechen nicht dem absoluten Wahrheitsgehalt, wie es deren Träger vermutet! In diesem Fall sieht alles ein wenig anders aus. Dann müsste der Autor solcher Behauptungen ein Problem haben!

Immer wieder wird die Frage nach der Wahrheit gestellt. Kann es auf der „Formebene“ so etwas wie eine universelle Wahrheit überhaupt geben? Hätten wir die Wahrheit als persönliches Gut für uns gepachtet, dann hätten wir unsere (irdische) Entwicklung wohl längst abgeschlossen. Aber gerade weil wir in einer polaren, differenzierten und geteilten Welt leben, zumindest solange wir den hiesigen Gesetzmässigkeiten unterworfen sind, kann es eine solche Wahrheit für den Einzelnen nicht geben.

Was wir Wahrheit nennen, taucht immer erst dann auf, wenn wir die Ebene des Persönlichen verlassen! Im Grunde ist dies schon der Fall, wenn wir rechnen: 3 mal 3 gleich 9! Dann haben wir diese Ebene verlassen. Ob Herr Meier oder Herr Müller rechnet, ist vollkommen irrelevant, weil sich die Mathematik auf universelle Gesetze berufen kann. Wenn jemand nicht zum Ergebnis 9 kommt, dann liegt es nicht an ihm persönlich, sondern schlicht und einfach daran, daß er nicht rechnen kann! Er kann höchstens persönlich darauf reagieren, weil er es nicht gelernt hat, weil seine Intelligenz nicht ausreicht, diese Rechnung auszuführen. Nur dann kann das Ergebnis nichts dafür. Es ist seine persönliche Angelegenheit.

Doch wie verhält es sich mit unmathematischen Aussagen? Sätze wie: „…nur weil die Massen den Texten vertrauen, ist es noch lange keine glaubwürdige Enzyklopädie“, klingen scharf! Das ist natürlich eine Binsenwahrheit. Wahrheit hat nicht zwingend etwas mit der Masse zu tun! Aber ist es Wahrheit, wenn einige wenige Wissenschaftler ihre Studien den sogenannten „seriösen Lexika“ zur Verfügung stellen? Sind diese besser recherchiert und insofern wahrer? Entdeckt man nicht sehr oft Betriebsblindheit, da wo sich angeblich das grösste Wissen befindet? Und wie viele Wissenschaftler braucht es, um alle Begriffe eines Lexikons absolut zuverlässig zu recherchieren! Und zuguterletzt, wie lange dauert es, bis selbst grösste „Wahrheiten“ dieser Art in nicht allzu ferner Zeit wieder dementiert und widerlegt werden? Die Erfahrung gibt uns hinlänglich Bescheid darüber…

Nachklang: Wikipedia und seinesgleichen hin oder her. Mein Gedanke kann nicht „Ich selbst“ sein. Er ist immer nur ein Teilaspekt meiner selbst. Wenn ich ein Bild male, dann bin ich nicht das Bild! Aber das Bild ist ein Teilaspekt von mir! Was sich als „Wahrheit“ hinstellt, sind in diesem Zusammenhang immer nur Teilaspekte seines Trägers, dessen, der den Gedanken zu seinen Taten liefert. Man kann sich durchaus fragen, weshalb er überhaupt diesen einen Gedanken denkt und nicht einen anderen… es läuft eben alles darauf hinaus, dass wir lernen, neue Ebenen zu erfahren, um dem Gedanken wieder Leben einzuhauchen…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Dämonen im Mantel des Heiligen

DämonEs ist wieder Faschingszeit. Da passt das Thema doch bestens. Dämonen sind wohl ein althergebrachter Begriff. Meine Definition dafür lautet: Dämonen sind Energien, die uns von unserem wahren Selbst abziehen wollen. Das können Gedanken sein, aber auch Gefühle und Vorstellungen, Wünsche. Goethe sah die Ideen. Er hat es aufs Wunderbarste geschafft, die Dinge in ihrem Wesen zu erfassen.

Dadurch löst sich das eigene, hinein interpretierte Denken vom eigentlichen Beobachtungsgegenstand. Das Denken fließt sozusagen in die Gegenstände und erfasst sie aus deren Art und Gesetzmäßigkeit heraus. Man hat Goethes wissenschaftliche Bemühungen nie gewürdigt und begriffen – und man begreift sie wohl auch heute nicht. Als Dichter wurde und wird er nach wie vor geehrt. Doch wieviel könnte gewonnen werden, wenn seine Art zu schauen Schule machen würde. Das so geartete Bewusstsein löst sich vom passiven Vorstellungsinhalt quasi ab, entsubjektiviert es. Oder noch besser: es verbindet Subjekt und Objekt in geheimnisvoller Art und Weise. Das ist gerade die größte Schwierigkeit im Begreifen des Denkens selber. Dadurch wird oft das Kind (Vorstellungsinhalt) mit dem Bade (Denkakt) ausgeschüttet.

Entdogmatisierung

Der Mensch neigt dazu, alles zu dogmatisieren. Das (gesunde) Leben ist eine andauernde „Entdogmatisierung“. Denn das Dogma bildet sich ohne aktive Gegenleistung von alleine. Automatismus und Verhärtung passieren ständig und ohne unser Zutun. Verhärtung ist Formkraft. Formale Kraft. Formulierung. Begriffe und Wissen werden durch unsere Gehirne gespeichert und wiederverwertet. Das Lernen (im Sinne von Auswendiglernen) ist zuweilen mühsam. Wenn wir uns die Inhalte eingetrichtert haben, werden wir uns fortan gerne an das einmal erlernte halten. Denn das macht weniger Mühe, als stete Erneuerung. Je mehr ein Begriff eingehämmert wird, umso stärker wird er wieder erinnert, aufgerufen. Das gilt für alle Inhalte. Auch für Spirituelle! Selbst Begriffe wie „Achtsamkeit“, „Erleuchtung“, „Jetzt“ usw., die hoch in Mode gekommen sind, bilden da keine Ausnahme. Was einmal Zauber eines Erlebnisses war oder ist, wird bald zerstampft, zerpflückt, zergliedert, zertrümmert durch die ewige Wiederholung. So verliert es den Zauber des Reinen allmählich.

Man erlebt es oft, wenn man Satsangs verfolgt. Auf YouTube gibt es ja massenhafte Selbstdarsteller dieser Art, wenn auch manch Gutes darunter sein mag. Die immergleichen Inhalte verwässern mit der Zeit, werden zu Phrasen zerdroschen, zu einem sinnlosen, egozentrischen Gehabe, und sie veröden das Erlebnis. Dämonisches zeigt sich häufig im Mantel des Heiligen. Solch Wiedergekäutes wird ausgelaugt, bleibt irgendwo zwischen Verstand und Traum hängen. Es ist weder die „Achtsamkeit“, noch das „Jetzt“, welches es zu erreichen gilt. Nichts ist zu erreichen, als ein vollbewusstes Erleben! Egal welche Begriffe dafür verwendet werden. Zunächst sind wir nur im Denken vollbewusst.

Aber gerade dieses Denken ist es auch, welches den Teufel in sich trägt. Wo am meisten Licht, da ist auch der größte Schatten. Und der Schatten, die Schattenwelten sind die Dogmen. Sie bilden den Schleier, den wir nur schlecht wahrnehmen. Es sind die Trugbilder, die sich vor das Erlebnis stellen, bevor es sich noch wirklich einstellt. Dadurch wird die Beobachtung des Dinges getrübt. Es wird durch unser vorgestelltes Hinzufügen verzerrt. Ein Zerrbild entsteht, welches nicht dem Wesen des Dinges an sich entspricht! Man sieht es oft an Erzählungen oder auch an Zeichnungen dessen, was „wahr“ genommen wird. Zeichnen zehn Menschen dasselbe, so könnte der Unterschied zwischen den Werken oft nicht grösser sein. Wenn man bedenkt, wieviel Mist, leider oft gerade in spirituellen Kreisen, (notabene gedanklich) über das Denken gesprochen wird, wird man sehr nachdenklich!

Geist der Zerstörung

Im Denken (vor allem im Inhalt) wohnt auch der Geist der Zerstörung. Darin verbirgt sich eine Wirklichkeit, die man nicht bestreiten darf. „Gehirnwäsche“ ist die Folge. Die Werbung tut es vorzüglich. Sie kennt die Mittel, direkt in unser Unbewusstes einzuwirken besonders gut! Werbung ist aber auch dort, wo wir sie vielleicht nicht so sehr vermuten. Das Missionieren für oder gegen irgendetwas ist da nur die Spitze vom Eisberg. Dazu gehören auch jegliche Formen von Sektiererei, Parolen von Parteien, blinder Glaube und jede Form von kritiklose Anhängerschaft. Dabei spielen die Gebiete, wo dies auftritt keine Rolle. Dasselbe kann, wie bereits erwähnt, im Spirituellen ebenso der Fall sein, wie auch in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in Kultur, Kunst, Religion usw. Lernen bringt eine gewisse Routine. Im Alltag oder Berufsalltag macht das Sinn. Beim Autofahren, am Computer, beim Handwerk usw. Keine Frage. Dort werden Abläufe vereinfacht und strukturiert.

Das immerwährende beweglich bleiben, das stete Eintauchen in die Erlebnisse und dessen Verarbeitung durch das Denken sollte stets neue Begriffe schaffen, kreieren, die aus dem herausgeholt sind, was unmittelbar erlebt wurde und in welchen dieses Erlebte noch enthalten ist, sichtbar ist, sodass die Ideen sichtbar werden! Und damit sind wir natürlich wieder an diesem vielzitierten Begriff des „Jetzt“ angelangt. Denn das reale Erleben passiert selbstverständlich nur im Jetzt. Alles andere sind passive Vorstellungen, die uns in der Zeitskala hin und her bewegen. Man kann natürlich auch „aktiv“ Vorstellungen schaffen, Bilder schaffen und sie durch Selbstbeobachtung mit Erleben füllen. Damit überwinden wir den passiven Fluss in jeder Handlung, in jedem Gedanken, jedem Gefühl.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Wirtschaft und Mensch

WirtschaftWas sind gegenwärtig die wichtigsten Antriebe für den Handel zwischen Menschen? Ist es die christliche oder humane Gesinnung für einen fairen Handel mit fairen Mitteln? Ist es die eigene Freude, anderen Menschen etwas Gutes zu tun? Oder ist es der uneigennützige Antrieb, anderen Menschen aus purer Liebe Freude zu bereiten? Vielleicht auch die reine Lust am Handel?
Wohl nichts von alledem!

Das wesentliche Motiv – welches oft kaschiert auftritt, der persönliche finanzielle Gewinn, wird kaum jemand bestreiten, ohne Selbstbetrug zu begehen. Es ist die Maximierung des Umsatzes, die allen anderen Motiven voransteht. Der Drang, immer reicher und wohlhabender zu werden, sich immer mehr leisten zu können, der persönliche Wohlstand. Jedes andere Argument kann bestenfalls eine Alibi-Bezeugung sein, ein schöner Vorwand, um den wahren Grund zu verbergen. Wenn Aktionäre eine schmeichelhaft hohe Dividende ausbezahlt bekommen, kann es ihnen doch völlig Wurscht sein, ob die Firma an die Chinesen verschachert wird…
Natürlich können persönliche Freude an der Arbeit und der Nutzen idealerweise verschmelzen und zusammenwachsen. Bleibt der Gewinn aus, verdirbt es in den meisten Fällen jede Freude dieser Art. Wer etwas verkaufen will, egal was, muss sich in das Räderwerk der “freien“ Marktwirtschaft, wohl oder übel, einfügen.

Gewinnoptimierung

Die Gewinnoptimierung hat schon sehr viel Phantasie in der Geschichte der Menschheit angeregt. Selbst wenn wir eine, für anständige Menschen gezogene Grenze überschritten glauben, so sind wir noch lange nicht am Abgrund legaler (oder versteckt illegaler) Möglichkeiten angelangt. Es ist heute eine Selbstverständlichkeit geworden, Geräte, Apparate, Bestandteile, Kleider, Schuhe e.t.c. so zu konstruieren, dass sie kurz nach Ablauf der Garantiefrist (im Fall der Gerätschaften) irreparabel kaputt gehen (Stichwort Sollbruchstelle). Ein persönlicher Einschub sei mir erlaubt: Letzteres erlebe ich nämlich regelmässig bei der Munddusche, die nun zum dritten mal hintereinander nach knapp drei Jahren einen Riss am Kabel aufweist, immer exakt an der gleichen Stelle, die technisch durchaus besser gelöst werden könnte. Die Garantiefrist beträgt zwei Jahre. Selbstreparatur ist praktisch ausgeschlossen, weil man das Gerät nur mit radikalen Methoden (Hammer und Zange) öffnen kann…

Kundenbindung

Selbstverständlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten der Kundenbindung. Ohne den Druckverbrauch zu erhöhen, haben sich die Kosten für Tinte in den letzten zwei Jahrzehnten in meinem Fall mindestens verdreifacht, bis ich übergegangen bin, wieder professionelle, gebrauchte Drucker zu verwenden, die nur 10% des Tintenverbrauchs eines neuen aufweisen! Hinter dieser Tatsache stecken bestimmt keine humanen Gründe. Nur: wie banal sind solche Dinge im Vergleich zur menschlichen Gesundheit! Wenn das “Verkaufsgut“ Geräte sind, dann tangiert es uns, mal abgesehen davon, dass es Ärger verursacht, dennoch wenig.
Bei den Medikamenten zum Beispiel ist das „Endprodukt“ der Mensch! Hätte die Gesundheitindustrie wirklich Interesse daran, Menschen zu heilen, dann würde sie doch bald schon abdanken können! Das wäre nur dann nicht der Fall, wenn die Gesinnung der dortigen Manager der erstgenannten, humanen Variante, entspräche. Dies käme aber wohl kaum dem Anforderungsprofil eines solchen nahe.
Würden Medikamente die Menschen wirklich heilen, dann würde der Umsatz in kurzer Zeit stark zurückgehen. Das mögen Aktionäre nicht gerne. Deshalb gilt der Grundsatz der Gewinnoptimierung selbstverständlich auch in diesem Fall. In diesen Tagen werden in den Nachrichten (…alle halbe Stunde und an erster Stelle!) die grandiosen Gewinne eines bekannten Basler Chemiekonzerns von über 9000000000 Sfr. (9 Milliarden!, Tendenz steigend, trotz Finanzkrise) vermeldet. Ich habe mich gefragt, was das Motiv sein könnte, dass diese Nachricht in der Öffentlichkeit an so vorrangiger Stelle präsentiert wird!? Werden die Leute sagen: „WOW, toll! – Uns geht es aber gut!“ Doch eher müssten sich die meisten verärgert oder betrogen fühlen?

Kunden finden, Kunden binden, heisst es im Jargon der Verkaufsschulung. Im Fall der Medikamente heisst dies fatalerweise, dass es möglichst viele kranke Menschen geben muss und dass man sie möglichst lange (chronisch) krank halten muss (akute Krankheiten oder der Tod rentieren weniger). Die Abhängigkeit von einem Medikament (sprich, eine „Gesundheit“, die immer so auf der Kippe steht), ist der beste Garant für einen florierenden Markt! Wie absurd ist diese Situation!
Und sie spiegelt nicht nur die Absurdität der Pharmaindustrie, sondern jene eines ganzen (Markt und Finanz-) Systems. Niemand scheint den Irrsinn zu durchschauen. Der Massenschlaf geht endlos weiter. Glaube ist nirgends so ausgeprägt wie jener an dieses System. Religionen könnten stolz darauf sein! Es ist vor allem der blinde Glaube daran, zu den Gewinnern zu gehören! Der Verkäufer möchte natürlich immer Gewinner sein! Das Geschäft zwingt ihn dazu, Gewinne zu erzielen. Und die meisten sind es auch – Gewinner nämlich. Da es bei einem Gewinn aber immer einen Verlierer gibt, zieht der Käufer, also der Kunde in dem Fall immer den kürzeren. Die Sache gleicht sich irgendwie dadurch aus, dass der Verkäufer gleichzeitig auch immer Kunde ist – und umgekehrt! Betrügen und betrogen werden, ist dies die Maxime, die ein solches System aufrechterhält? Ist es deshalb so schwer auszutilgen, weil wir immer zu beiden Seiten gehören?! Es ist ein Spiel, in dem der oder die Stärkere gewinnt. Ein Kampf ums Überleben für die meisten, ein Kampf um Macht für die Wenigen, die wirklich Gewinner bleiben am Schluss…?

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Mein therapeutisches Konzept

TherapieAls junger Therapeut oder junge Therapeutin hat man sich nach der Ausbildung ein Arsenal von Werkzeugen, Methoden und Wissensstoff angeeignet, welches quasi auf seinen Einsatz wartet. Man hat – in einer guten Ausbildung – zudem viele Erfahrungen mit Menschen gesammelt, die dazu beitragen, das Gelernte in entsprechender Weise um- und einzusetzen. Wird man dann endgültig in die praktische Tätigkeit entlassen, steht man dennoch oft vor vielen neuen Rätseln.

Fehlendes Wissen kompensieren | Ich selbst versuchte das Fehlende stets mit neuem Wissen zu kompensieren. Ich las viele Bücher, die mir die Lösung der vielen Rätsel „Mensch“ zu enthüllen versprachen. Dabei stiess ich auf allerlei interessante Zusammenhänge, entwarf immer neue „Verlaufsblätter“ daraus und übertrug das Neuerlernte in den therapeutischen Alltag. Es war mir wichtig, so klar und bewusst wie möglich an den Therapieauftrag heranzugehen. Ich schrieb fleissig und akribisch Rapporte von jeder Stunde und dokumentierte den Verlauf gewissenhaft. Trotzdem stiess ich immer wieder auf neue Rätsel. Die „Fälle“ (sprich Menschen), deren Diagnose ich zu kennen glaubte, verhielten sich nie genau so, wie es aufgrund der Indikation zu erwarten war, selbst wenn nach dem Krankheitsbild zu urteilen, ähnliche Sachverhalte vorlagen. Klar, kein Depressiver ist gleich wie der andere Depressive. Ich entdeckte das Mysterium des Individuums kennen. Die Folge war, dass ich mich immer weniger auf die kreierten Verlaufsblätter verlassen konnte und immer weniger in das Wahrgenommene hineininterpretierte. Dabei durchbrach ich eine Mauer, die mir bisher trotz alles Wissens und aller „Erfahrung“ unbekannt geblieben war. Es enthüllte sich vor mir ein neuer Mensch.

Ein neues Instrument entdecken | Fortan begann ich mehr und mehr, mich auf ein anderes Instrument in mir zu verlassen und dieses allmählich auszubilden und reifer werden zu lassen. Vielmehr waren (und sind es noch) Erkenntnis-Werkzeuge, die einzig und alleine wirksam sind in der Begegnung mit Menschen und die ihnen mehr bringen, als alles andere äussere Wissen. Das wichtigste bleibt die Selbst-Beobachtung und Selbst-Erkenntnis. Jede wesentliche Begegnung bedeutet im tieferen Sinne eine heilende Begegnung. Dies begriffen zu haben, ist für mich eine der bedeutendsten Erfahrungen meiner bislang 25-jährigen Tätigkeit als Kunsttherapeut.

Evidenzbasierte Therapie | Es wird gegenwärtig viel von „evidenzbasierter Therapie“ gesprochen. Das heißt, man hat eine möglichst exakte und effiziente Kontrolle über die Beziehung von Indikation und daraus folgender therapeutischer Handlung: Fall A bedingt Behandlung B, Fall F bedingt Behandlung S usw. Zauberwort „Fallpauschale“ Dies reduziert die Behandlungsdauer radikal und damit natürlich auch die Kosten. Ob dies auch für die Krankheit selbst gilt, sei in Frage gestellt. Feste, quantifizierbare Größen, Konzepte und Rezepte sind dabei unabdingbar. Medikamente stehen im Zentrum solchen Wirkens. Die biochemischen Reaktionen im physischen Organismus sind klar und relativ objektiv ermittelbar mit Inkaufnahme gewisser „Nebenwirkungen“. Letztere sind allerdings auch ein Beweis für den Mangel an individueller Bezugnahme auf den einzelnen Menschen.

Feste Regeln geben den PatientInnen zwar eine gewisse Sicherheit und das gute Gefühl, „etwas getan zu haben“, in guten Händen zu sein. Dies mag, insbesondere bei klaren, eindeutigen Diagnosen, gewiss sehr erfolgreich sein. In erster Linie geht es da um Schmerzbeseitigung und Symptombekämpfung. Der Heilbegriff definiert sich über diese Grundhaltung. Bei psychischen Krisen und Konflikten stellt sich die berechtigte Frage, wie umfassend diese Denkweise sein kann. Inwiefern werden solche vorgegebenen, pauschalen Antworten dem individuellen Anspruch eines Menschen noch gerecht?

Mein persönliches therapeutisches „Konzept“ wenn man so will, ist, als Antwort darauf, die Anwendung einer „situationsangepassten Intuition“. Wobei ich mir nicht einbilde, zu wirklichen Intuitionen im Sinne Rudolf Steiners, vorzudringen. Das Entscheidende ist der eigene innere Weg, den man zu beschreiten gewillt ist, in diese Richtung zu wirken, mit allen entsprechenden Konsequenzen. In einer therapeutischen Situation, die auf Einzelbasis geführt wird, stehen sich zunächst zwei Individuen, TherapeutIn und KlientIn gegenüber. Der oder die letztere hat ein Ziel vor Augen. Irgendetwas hat sie oder ihn in die Therapie-Situation geführt. Die Intervention kann auf verschiedene Weise geschehen. Grundsätzlich haben die Klienten bereits vor der Kontaktaufnahme einen Teil des Weges selbst vorgegeben. In meinem Fall möchten sie ihr Ziel in einem künstlerischen Prozess und dem damit sich ergebenden verbalen Austausch angehen. In andern Fällen suchen sie den Konflikt oder das Problem allein im Gespräch zu lösen.

Ein guter therapeutischer Verlauf zeigt sich in grundsätzlich vier Stufen. Die erste ist die eigentliche Kontaktaufnahme, das gegenseitige „innere Abtasten“ und sich finden. Die zweite Stufe ist der Aufbau einer Basis, die den weiteren Prozess trägt und fördert. Sie ergibt sich aus dem Vertrauen. Eine dritte Stufe kann darauf aufbauend die grundlegende Thematik sichtbar machen. Und die vierte Stufe schließlich ebnet den Weg zur Umsetzung in die Tat. Meistens folgt darauf eine fünfte Stufe, die ich als Stabilisierungs-Phase bezeichnen möchte. Eingerahmt werden in meinem Fall die fünf Stufen jeweils von einem Erstlingswerk und einem Abschlusswerk.

Das größte Hindernis im ganzen Prozess ist die Tatsache, dass wir einen Menschen immer in seiner Doppelnatur erkennen und begreifen müssen. Sowohl der Therapeut, wie auch der Klient/die Klientin müssen in die Verhältnisse dieser Doppelnatur Klarheit bringen, um im wahren Ich angesprochen werden zu können. Hier liegt meines Erachtens das größte Konfliktpotential. Ein Teil des Selbstes möchte sich entfalten, sich weiter entwickeln, der andere ist oft bequem oder verdrängt viele Tatsachen oder Verhaltensweisen der eigenen Persönlichkeit. Dieser Tatbestand verlangt großes Einfühlungsvermögen, vor allem von Seiten des Therapeuten/ der Therapeutin. Die Gefahr besteht darin, dass mögliche Interventionen geblockt werden und in dieser Verhinderung ein Spiegelungsprozess, eine Projektion stattfindet, die tragischerweise oft von beiden Seiten nicht durchschaut wird!

Dies kann in „positiver“ oder „negativer“ Weise geschehen. Beides wird in Anführungszeichen gesetzt. Denn „positiv“ bedeutet lediglich, dass das Gefühl positiv „genährt“ wird, zum Beispiel dadurch, dass sich der eine oder die andere verliebt oder die Autorität zum tragenden Faktor wird. „Negativ“ in diesem Sinne hat das Gegenteil zur Folge und kann zum Abbruch der Therapie oder zur inneren Blockade führen. Im ersten Fall entsteht eine ungünstig zu bewertende Abhängigkeit, im zweiten Fall bleibt das Erreichen des Zieles durch Abbruch oder Selbst-Behinderung aus. In beiden Fällen wird der eigene innere Zustand auf das gegenüber projiziert, statt im eigenen Selbst ausgetragen zu werden. Wir wollen den bequemen und zur Verdrängung neigenden Teil eines Menschen einmal das „Ego“ nennen. Meines Erachtens wird dieses bedient und gefördert im erstgenannten Verfahren. Dabei werden die Menschen im schlechten Sinn nur „behandelt“. Viele Menschen wollen „nur“ „behandelt“ werden. Es ist einfacher, als in sich selber „etwas in Bewegung“ zu bringen.

Persönlichkeitsanteile | Beide, sowohl Therapeut wie KlientIn kennen und nähren jenen Anteil in ihrem Alltag und handeln aus ihm heraus. Die therapeutischer Kompetenz gegenüber den meisten Klienten besteht lediglich darin, dass sie im Idealfall ein höheres Bewusstsein von den darin laufenden Mechanismen, Prozessen und Automatismen entwickelt hat als es der Normalfall ist. Dadurch ist er oder sie besser in der Lage, diese auch bei anderen Menschen zu erkennen und zu benennen. Die Hauptaufgabe einer Therapie besteht aus meiner Erfahrung und Sichtweise darin, dass man besser und bewusster bei sich mit diesen Anteilen umgehen kann – und lernt, sie im Alltag zu erkennen. Es kann aber auch geschehen, dass gerade jene Anteile genährt und gefördert werden – und somit das Ego des Klienten gestärkt wird! Obwohl sich dies für diesen zunächst sehr gut anfühlen kann, man kann das sehr gut auch bei Kindern beobachten, so wird es sich längerfristig dennoch als Trugschluss entlarven. Damit einher geht nämlich eine Ablenkung oder Eindeckung des zentralen Anliegens meines Heil-Verständnisses.

Das Problem wird dadurch „gelöst“ (oder eben nicht gelöst), dass es von einem Lust- oder Triebaspekt des eigenen Egos überdeckt und zubetoniert wird. Dazu zählen alle möglichen Verhaltensregeln oder Anweisungen, die dies unterstützen. Durch Konditionierung im Verhalten befriedigt man das Konsumverhalten vieler Menschen und den Drang nach einfachen Lösungen („ich hab ja schließlich bezahlt, also habe ich dies oder jenes zugute!“). Ein Patentrezept zum Umgang in diesem oder jenem Konflikt erleichtert durch entsprechende Maßnahmen das Muss einer tieferen Auseinandersetzung mit sich selbst und bedient den zur Bequemlichkeit neigenden Anteil des eigenen Ego.

Fazit | Für meinen Begriff ist eine solche Intervention untherapeutisch oder sogar antitherapeutisch. Der andere Weg ist immer mühsamer und fordernder, dafür jedoch einschneidender, nachhaltiger und ehrlicher. Auch wenn hier der Therapeut manchmal ratlos erscheinen mag und stärker in den Verwandlungprozess miteinbezogen ist als im andern Fall, so ist dieser Weg doch letztlich der einzig wahrhaftige. Es gibt nie Patentrezepte oder generalisierte Lösungen. Diesen Teil der Medizin überlasse ich gerne den sogenanntem „evidenzbasierten“ Interventionen. Jeder Mensch hat, selbst wenn er äußerlich von derselben Diagnose betroffen ist, einen individuellen und originalen Weg zur Konfliktlösung bereit. Diesem Umstand muss unbedingt Rechnung getragen werden. Es gibt keine „Fälle“, sondern immer nur individuelle Menschen mit ihren jeweils vorhandenen spezifischen Ressourcen. Ich habe den allergrößten Respekt vor dem Bestehen in ungewissen Situationen, in die sich Therapeuten und Therapeutinnen immer wieder begeben, die diesen schwierigeren Weg beschreiten. Die Kunst bietet ein herausragendes Mittel auf diesem Weg!

Wirkstatt Basel… Kunst erleben…

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